Stand: 11.10.2018 17:56 Uhr

Wie steht's um die Frauenemanzipation im Buchbetrieb?

von Joachim Dicks

Wann die Geschichte der Frauenemanzipation genau begonnen hat, darüber allein ließe sich länger diskutieren. Fest steht aber, dass im November 1918, also ziemlich genau vor 100 Jahren, das Frauenwahlrecht in Deutschland rechtlich verankert wurde. Von einer zweiten Frauenbewegung in Deutschland sprechen wir beim Stichwort 68er-Generation. 50 Jahre liegt das zurück. Und der Beginn der #MeToo-Debatte jährt sich hierzulande zum ersten Mal. Gleich drei Anlässe, die Frage nach dem tatsächlichen Stand der Frauenemanzipation auch auf der Buchmesse aufzuwerfen. Die dazu angebotenen Diskussionsveranstaltungen waren und sind sehr zahlreich.

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Die Teilnehmerinnen der Veranstaltung "Female Writing in Asia Pacific" auf der Buchmesse Frankfurt 2018: Laksmi Pamuntjak, Andrea Pasion-Flores, Kamila Shamsie und Claudia Kramatschek (von links).

"Streiterinnen! 100 Jahre Frauenwahlrecht" heißt eine mehrteilige Reihe, die seit Donnerstag auf der ARD-Bühne täglich um 16 Uhr für große Aufmerksamkeit sorgen soll. Und auch im Pavilion und im Lesezelt diskutieren Frauen darüber, ob in den letzten 100 Jahren die Gleichberechtigung der Frauen tatsächlich vorangetrieben worden ist. Lina Muzur, die stellvertretende Verlagsleiterin von Hanser-Berlin, hat das Buch "Sagte sie - 17 Erzählungen über Sex und Macht" herausgegeben, unter anderem mit Beiträgen von Antonia Baum, Heike-Melba Fendel, Nora Gomringer und Helene Hegemann. Was können Erzählungen besser als kritischer Journalismus?

"Literatur macht es auf eine ganz, ganz andere Art und Weise. Denn welche Wirkung die Literatur entfaltet, das hat der Autor oder die Autorin meist nicht in der Hand", meint Lina Muzur. "Das passiert im Kopf des Lesers. Insofern wirken Erzählungen ganz anders als das, was der Journalismus kann."

"Darf ich wütend sein?"

Die Geschichten erzählen von Diskriminierungen, von Missbrauch, von Unterdrückung und Scham. "Wenn man versucht, Parallelen zwischen den Erzählungen zu finden", fährt Lina Muzur fort, "dann ist es interessant festzustellen, dass es ganz oft so ist, dass die Frauen die Schuld runterspielen und sich fragen: Ist das wirklich schlimm? Habe ich das Recht, mich darüber aufzuregen? Habe ich das Recht, wütend zu sein? Das finde ich total interessant."

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Silke Burmester wurde 1966 in Hamburg geboren und ist unter anderem Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

Silke Burmester, streitbare Journalistin, Kolumnistin und Autorin erinnert an die Radikalität der britischen Suffragetten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor dem Einsatz von gewaltsamen Mitteln nicht zurückschreckten: "Ich bin gerade dabei, zu überlegen, ob es nicht so sein müsste, dass die Frauenbewegung sich radikalisiert. Ich glaube, das Wirkungsvollste wäre es, wenn Autos brennen würden. Ich habe mir überlegt: Jedes Mal, wenn eine Frau, bei gleicher Qualifikation nicht den Posten erhält, sondern der Mann - ob dann nicht das Auto eines Vorstands oder Chefs brennen sollte."

Radikalisierung als Option?

Dafür erhält sie prompt Widerspruch. Gewalt gegen Dinge? Für Lina Muzur keine Option: "Nein, auf gar keinen Fall. Ich glaube vielmehr, dass es wichtig ist, dass beide Seiten über sich nachdenken. Frauen dürfen nicht nur kritisieren, dass dieses oder jenes nicht in Ordnung ist - und andere anklagen. Auch Frauen müssen darüber nachdenken, wie sie sich verhalten. Das ist eine Debatte, die schon lange geführt wird. Man muss aber auch beleuchten, auf welche Art und Weise Frauen dazu beitragen, dass Rollenklischees Bestand haben."

Auf dem international besetzten Podium im Pavilion diskutieren die indonesische Autorin Laksmi Pamuntjak und die pakistanisch-britische Schriftstellerin Kamila Shamsie unter der Überschrift "Female Writing in Asia Pacific - Me, too? Me, first? Me?" Ungeduld, Aufgebrachtheit und auch Wut würzen auch hier den argumentativ-stringenten Diskurs.

"Ich glaube, keine Frau wird gerne unterschätzt oder übersehen, bloß weil sie eine Frau ist. Andererseits will sie genauso wenig darauf reduziert werden, eine Frau zu sein", stellt Laksmi Pamuntjak fest: "Männliche Schriftsteller werden nicht gefragt, wie es sich anfühlt, an einem Panel mit weiteren männlichen Schriftstellern teilzunehmen oder werden auf ihr Geschlecht hingewiesen. Schriftstellerinnen hingegen werden ständig gefragt, wie es sich anfühlt, einen Preis für weibliche schriftstellerische Leistungen zu gewinnen."

Der Literaturbetrieb mit idealen Voraussetzungen?

Und für Kamila Shamsie steht fest, dass der internationale Literaturbetrieb bestens geeignet ist, die letzten Tage des Patriarchats paradigmatisch auszurufen: "Die überwiegende Anzahl der Personen, die im Verlagswesen arbeiten, sind weiblich. Die meisten veröffentlichten Autoren sind weiblich - und der größte Teil der Leserschaft ist ebenfalls weiblich. Nähme man also an, es gäbe einen Ort, der ohne das Patriarchat auskommt, dann wäre es die Buchbranche."

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Dieses Thema im Programm:

Journal | 11.10.2018 | 19:00 Uhr