Stand: 29.11.2019 17:57 Uhr

Wie sicher sind unsere Museen?

Der spektakuläre Diebstahl im Dresdner Residenzschloss Anfang der Woche war offenbar präzise geplant. Die beiden Diebe haben insgesamt elf Schmuckstücke aus dem Grünen Gewölbe erbeutet. Wir möchten den Fall noch einmal aufgreifen und mit dem Kunstexperten Ulrich Krempel über die Frage der Sicherheit in Museen sprechen.

Herr Krempel, ein Diebstahl, der in seinem Ausmaß noch gar nicht richtig einzuschätzen ist und der auf abenteuerliche Weise passiert ist. Ein Video der Überwachungskamera wurde ausgewertet; darauf sind zwei Männer zu sehen, die brutal mit einer Axt zu schlagen. Alles sehr dunkel, sehr düster - fast wie in einem Film Noir.

Ulrich Krempel vom Vorstand der Rudolf-Jahns-Stiftung steht im Sprengel Museum in Hannover vor einer Zeichnung Jahns'. © NDR Foto: Agnes Bührig
Ulrich Krempel hat bis 2014 das Sprengel Museum in Hannover geleitet.

Ulrich Krempel: So schwarz waren die Film Noirs eigentlich nicht - da war immer ein bisschen Licht auf der Szene. Hier war es gut, dass die Diebe Taschenlampen dabei hatten, sonst hätte man möglicherweise gar nichts gesehen. Also eine Situation, die unschwer auf organisierte Kriminalität schließen lässt. Da waren Leute am Werk, die sich vorbereitet haben, die auch Kenntnis hatten von der Situation. Sie wussten, wie sie mit den Fenstern umgehen, wo sie was einschlagen können. Sie kannten offensichtlich auch die Sicherheitsstufen bei der Verglasung der Objekte, denn sonst hätten sie das Ganze mit einem einfachen großen Beil wohl auch nicht auf die Reihe gekriegt.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat mittlerweile Museumsvertreter zu einer Art Sicherheitskonferenz eingeladen, damit künftig Objekte in Museen gegen "derart brutales Vorgehen" geschützt werden. Sind Museen denn gar nicht so gesichert, wie man annimmt?

Krempel: Es ist schwierig, generelle Aussagen für "die Museen" überhaupt zu treffen. Ein Haus wie das Dresdener Haus, was in einem historischen Gebäude sitzt, hat seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. Sie können nicht jede Menge von Stacheldraht drumherum legen oder Beton, der noch ein bisschen mehr schützt. Da wird es schon sehr kompliziert, wenn man die originalen Objekte im mehr oder weniger originalen Ambiente präsentieren möchte. Museen, die heutzutage neu gebaut werden, haben große Sicherheitsvorkehrungen. Da sind auch schon die Versicherungen und die Fachleute beteiligt, und da wird möglicherweise nicht so extrem gespart, wie das möglicherweise in Dresden gemacht worden ist. Einer der Versicherer sagte zumindest, dass dieses Glas offensichtlich nicht von der höchsten Widerstandsqualität war, was die Objekte geschützt hat.

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Polizisten sichern und untersuchen den Tatort rund um das Schloss Dresden. © imago

Dresden: Halbe Million Euro Belohnung für Hinweise

Aktuelle Informationen zu dem Kunstraub in Dresden auf den Seiten des MDR. extern

Wie ist das im Sprengel Museum?

Krempel: Das Sprengel Museum hat gewisse Sicherheitsvorteile. Erstens ist es ein wunderschönes Betongebäude mit einem ziemlich gut funktionierenden Sicherheitsstandard. Einer der wichtigsten Punkte im Sprengel Museum ist, dass es keine Sicherheitsleute im Haus hat, im Wachdienst, die von Fremdfirmen kommen. Das scheint in Dresden möglicherweise anders gewesen zu sein. Das erinnert uns auch an den Raub dieser riesigen Goldmünze in Berlin. Das heißt, immer wenn man in einem solchen Haus nicht ein Team hat, das dem Haus verbunden ist durch feste Verträge und durch so eine Art von Wir-Gefühl, dann kommt der menschliche Faktor dazu - und der ist nicht immer so einfach zu kalkulieren wie Glasstärken, Überwachungsanlagen elektronischer Art und Ähnliches.

Kunst will ja auch von der Öffentlichkeit besichtigt werden. Was würden noch höhere Sicherheitsmaßnahmen für die Ausstellbarkeit von Kunst bedeuten?

Krempel: Da muss man unterscheiden. Gemälde zum Beispiel haben eine deutlich geringere Chance, einen Ort zu finden, wo man sie verhökern kann. Oder so etwas. Und die Diebstähle, von denen ich weiß, im Bereich von bildender Kunst zum Beispiel, laufen eher auf eine Art von modifizierter Rückgabe unter bestimmten Bedingungen oder Wiederauffindung hinaus. Oder sie werden von Leuten beschädigt oder weggenommen, die ein ganz ambivalentes Verhältnis zu solchen Dingen haben.

Als eine der reichsten Schatzkammern Europas genießt das Grüne Gewölbe in Dresden Weltruf. © imago
Als eine der reichsten Schatzkammern Europas genießt das Grüne Gewölbe in Dresden Weltruf.

Etwas ganz anderes ist die Materialität von Gold, von Edelsteinen, Dinge, die man demontieren, die man auseinandernehmen, die man einzeln verhökern, die man umschleifen kann, wie uns die Fachleute inzwischen deutlich gemacht haben. Da muss man annehmen, dass die organisierte Kriminalität eher bei solchen materiellen Dingen unterwegs ist.

Polizei und Staatsanwaltschaft haben eine halbe Million Euro Belohnung ausgelobt für Hinweise auf die Täter. Die Ermittlungskommission wurde aufgestockt. Wenn ich Sie aber richtig verstehe, haben Sie wenig Hoffnung darauf, dass die Stücke in Gänze wiedergefunden werden können.

Krempel: Ja, die Zeit vergeht. Leute, die wissen, wie man solche Dinge demontiert, mögen daran schon tätig geworden sein. Ich vermute, dass die psychologische Höhe dieser enormen Belohnung dazu dienen soll, Menschen daran zu hindern, die Dinge kaputtzumachen. Dieser so oft zitierte verrückte Millionär, der das gerne zu Hause haben möchte, der existiert vermutlich nicht. Sondern die Herrschaften, die da unterwegs sind, sind wahrscheinlich diejenigen, die den Goldpreis ganz gut kennen. Es ist zu vermuten, dass bei dem Raub in Dresden kenntnisreiche Informationen vorgelegen haben, denn sonst könnte man so etwas nicht in fünf Minuten machen.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.11.2019 | 19:00 Uhr

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