Stand: 22.11.2019 14:44 Uhr

"Ich finde es sinnvoll, Roger Hallam zu ignorieren"

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In einem Interview sagte Roger Hallam, der Holocaust sei "ein weiterer Scheiß in der Menschheitsgeschichte".

Der Aktivist und Mitgründer der Klimabewegung Extinction Rebellion Roger Hallam ruft zum zivilen Ungehorsam auf, und er macht gerade ziemlich von sich reden: Denn in seinen Augen ist der Klimawandel mit dem Holocaust vergleichbar. Seine Überzeugung: Die Eliten hätten die bewusste Entscheidung getroffen, die nächste Generation zu zerstören, um an der Macht bleiben zu können. Mit dieser Sichtweise rechtfertigt Hallam den Vergleich mit den Nazis. Die Extinction-Rebellion-Bewegung hat sich mittlerweile von ihrem Mitgründer distanziert und verurteilte seine Kommentare vorbehaltlos - so hieß es in einer Mitteilung. Der Ullstein Verlag hat sein Buch "Common Sense" zurückgezogen, das nächste Woche hätte veröffentlicht werden sollen. Und auch Politiker wie der Außenminister Heiko Maas und der Grünen-Chef Robert Habeck äußerten sich kritisch. Ein Gespräch mit dem Historiker Uffa Jensen.

Herr Jensen, Roger Hallam vergleicht seine Taten mit denen der Mitglieder der Weißen Rose, die Flugblätter gegen die Nazis verteilten und dafür enthauptet wurden. Der Klimawandel sei das "Rohr, durch das Gas in die Gaskammer fließe" - so sagte er es in einem "Spiegel"-Interview. Wenn sie solche Formulierungen hören, was denken Sie da?

Uffa Jensen: Das ist recht eindeutig Holocaust-verharmlosend. Es ist sowieso immer schwierig, historische Vergleiche mit dem Holocaust zu ziehen. Das bringt einerseits immer Aufmerksamkeit, aber andererseits droht da fast immer die Verharmlosung des Geschehens im Nationalsozialismus und während der Vernichtungspolitik des NS. Aber in diesem Fall ist es sehr eindeutig. Das würde ja bedeuten, dass wir unter Bedingungen des nationalsozialistischen Regimes leben und die Klimakatastrophe vergleichbar sei mit dem Massenmord. Und das ist einfach nicht richtig.

Roger Hallam sagte in einem Interview, der Holocaust sei "ein weiterer Scheiß in der Menschheitsgeschichte". Was sagt so eine Äußerung über einen Menschen aus? Warum beschäftigt ihn der Holocaust zu sehr?

Jensen: Das frage ich mich auch. Ich habe auch das Interview von ihm gelesen, und es wurde von der Journalistin so beschrieben, dass sie eigentlich über etwas anderes mit ihm reden wollte, das Thema Holocaust aber ihn wahnsinnig beschäftigt hätte und er gar nicht mehr davon abließ. Das ist manchmal so, dass es Menschen gibt, die sich in solche Verschwörungstheorien und wahnhaften Gebilde hineinbegeben. Das scheint auch hier so zu sein.

Roger Hallam © picture alliance/dpa

"Ich finde es sinnvoll, Roger Hallam zu ignorieren"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Mit seinen umstrittenen Aussagen hat der Klimaaktivist Roger Hallam den Holocaust verharmlost. Der Historiker Uffa Jensen vermutet bei Hallam ein tiefer liegendes Problem.

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Sie würden also nicht sagen, dass das ein Mensch ist, der vor allen Dingen Aufmerksamkeit will? Denn es muss einen Grund geben, wieso sich ein Klimaaktivist beim Nazi-Vokabular bedient.

Jensen: Zunächst kann man natürlich glauben, dass das provoziert und Schlagzeilen bringt. Aber als Aktivist muss man sich die Frage stellen: Sind das die richtigen Schlagzeilen, die meine Bewegung voranbringen? Das dürften sie nicht sein, und die Bewegung hat sich ja auch schon von ihm distanziert. Er hat das mehrfach schon geäußert und hat dann nachgelegt - da hat man doch den Eindruck, dass das bei ihm ein tiefer liegendes Problem ist und er offensichtlich von dem Thema nicht ablassen kann, obwohl es seiner Bewegung mit Sicherheit nicht gut tut.

Was bedeutet das für die Klimabewegung? Wie ernst müssen wir einen Menschen wie Roger Hallam nehmen? Besteht die Gefahr, dass er Nachahmer um sich schart, die seine Sprache übernehmen?

Jensen: Zunächst einmal ist es so, dass die meisten Verschwörungstheoretiker oder die, die ähnliche Sachen über den Holocaust glauben wie er, eigentlich zu den Gegnern der Klimabewegung gehören. Auch deswegen macht diese Provokation politisch überhaupt keinen Sinn, weil sie dadurch die eigenen Leute nicht mobilisiert und die falschen heranholt - aber ich glaube, die werden sich nicht überzeugen lassen. Ich kann nicht erkennen, dass da ein politisches Programm dahinter ist, was der Klimabewegung, die ja richtige Ziele hat, helfen kann.

Was für Schaden richtet er womöglich noch an? Auch im Hinblick auf die jüdische Gemeinde?

Jensen: Es gibt immer wieder solche Leute, die den Holocaust verharmlosen oder sogar leugnen. Damit müssen wir leben. Im Moment sehe ich nicht, dass daraus eine größere Bewegung entstehen kann.

Sollte man jemanden wie Roger Hallam einfach ignorieren? Bietet man einer solch umstrittenen Person - auch seitens der Medien - nicht eine zu große Bühne?

Jensen: Nach diesen Äußerungen würde ich es sinnvoll finden, ihn zu ignorieren. Meiner Meinung nach hat er sich aus dem Diskurs herausgeschossen, und bei solchen Leuten sollten wir das nicht durch Skandalisierung und weitere Berichterstattung fortführen. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass er das gemacht hat, das verurteilen und dann hoffentlich mit anderen Leuten von der Klimabewegung sprechen.

Das Interview führte Andrea Schwyzer

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.11.2019 | 19:00 Uhr