Stand: 23.07.2019 18:45 Uhr

Brexit: "Boris Johnson ist alles zuzutrauen"

"Eher werde ich von einer Frisbee-Scheibe enthauptet, als dass ich britischer Premierminister werde!" Wer das gesagt hat? Boris Johnson natürlich - der schon vor vielen Jahren damit kokettierte, zu Höherem berufen zu sein. Jetzt ist es so weit: Die Basis der Konservativen Partei hat ihn in einer Urwahl zu ihrem neuen Mann an der Spitze gekürt. Wer ist dieser Politiker - und was bedeutet der Personalwechsel eigentlich für den Brexit? Fragen an Stephanie Pieper, heute bei NDR Kultur, zuvor aber - von 2014 bis 2018 - Korrespondentin im ARD-Studio London.

Frau Pieper, Sie haben Boris Johnson in Ihrer Zeit in Großbritannien ein paar Mal persönlich erlebt - was ist das für ein Typ, der von morgen an dieses Land regieren wird?

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"Boris Johnson ist alles zuzutrauen", findet Stephanie Pieper.

Stephanie Pieper: Boris Johnson ist eine echte Type - die gibt es in der Politik ja immer seltener; und auch deshalb kommt er meiner Meinung nach so gut an bei so vielen Leuten. Er weiß sich zu inszenieren: Die verwuschelten Haare, die schlechtsitzende Krawatte, das Hemd, was halb aus der Hose rutscht - das ist alles letzlich eine professionelle Show fürs Publikum. Er leidet nicht an mangelndem Ego - wahrscheinlich wollte er schon als Privatschüler in Eton Premierminister werden, spätestens aber an der Uni in Oxford.

Der Mann ist ohne Frage gebildet, klug und hochintelligent, er hat Charme, er hat Humor - und er weiß all das sehr bewusst einzusetzen. Deshalb bin ich überzeugt: Wenn er sich nicht im Frühjahr 2016 auf die Seite der Brexit-Kampagne geschlagen hätte, dann wäre es womöglich nie zum Brexit und zu dieser Entscheidung gekommen. Er hat das damals aus reinen Karrieremotiven so entschieden - weil er die Chance witterte, auf diese Weise konservativer Regierungschef zu werden. Und jetzt ist er am Ziel.

Aber da fragt man sich, warum die Konservativen so einen Hallodri zu ihrem neuen Chef gewählt haben.

Pieper: Weil den Tory-Abgeordneten und den Tory-Mitgliedern, die diese Personalie zu entscheiden hatten, die vielen Eskapaden von Boris Johnson offenbar ziemlich egal sind. Für sie zählen in der jetzigen Situation nur zwei Dinge: Erstens - wer kriegt den Brexit endlich auf die Reihe? Und zweitens - wer hat das Zeug, die nächste Parlamentswahl für die Konservativen zu gewinnen? Und die Antwort auf beide Fragen lautet - jedenfalls aus Sicht von zwei von drei Tory-Mitgliedern: Boris Johnson. Er hat nicht nur den Brexit wesentlich herbeigeführt, sondern es immerhin zwei Mal hintereinander geschafft, in London - eigentlich eine Labour-Stadt - zum Bürgermeister gewählt zu werden. Auch deshalb traut ihm die eigene Partei anscheinend zu, dass er es sowohl mit der Brexit Party von Nigel Farage als auch mit der Labour Party von Jeremy Corbyn aufnehmen kann.

Dass Johnson jemand ist, der es mit der Wahrheit oft nicht so genau nimmt; dass er als Außenminister in etliche diplomatische Fettnäpfchen getreten ist, die andere das Amt gekostet hätten: Schwamm drüber - sagen offenbar viele. Johnson hat schon so manches politisch überlebt, was andere nicht überlebt hätten - und das imponiert offenbar vielen.

Die EU rätselt nun, welchen Kurs Johnson beim Brexit einschlagen wird. Während seiner Wahlkampagne für den Parteivorsitz hat er gebetsmühlenartig wiederholt: Der 31. Oktober ist und bleibt die Deadline, dann gehen die Briten raus aus der EU - mit Deal oder ohne Deal. Was denken Sie: Zieht er das wirklich durch?

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Boris Johnson zieht in die Downing Street ein

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Nach der Ernennung zum britischen Premierminister kann sich Boris Johnson an die Arbeit machen. Welche Pläne verfolgt er in der Downing Street in Sachen Brexit? Mehr bei tagesschau.de. extern

Pieper: Boris Johnson ist alles zuzutrauen, auch das. Er hat das Datum 31. Oktober auch in seiner ersten Rede nach seinem Sieg noch mal bekräftigt. Er hofft sicherlich, dass die EU nun doch noch einknickt, dass sie ein besseres Angebot macht, wenn sie merkt: Der meint es wirklich ernst; der schreckt vor einem "No deal"-Brexit nicht zurück.

Nun wird Johnson aber auch vom gesamten Regierungsapparat bis zum 31. Oktober jeden Tag von morgens bis abends zu hören kriegen: Tue bloß alles, um irgendwie ein Abkommen mit der EU hinzukriegen. Denn ein ungeregelter Austritt ohne Übergangsphase wäre eine Katastrophe, vor allem für die britische Wirtschaft, aber auch für die Europäer.

Und trotzdem ist alles möglich unter einem Premier Boris Johnson: ein Crash-Brexit ohne Deal, aber auch, dass er doch um eine nochmalige Verlängerung der Frist bittet, dass er eine Neuwahl auf die Agenda setzt, dass er über ein Misstrauensvotum gestürzt wird, dass es ein zweites Referendum gibt. Wahrscheinlich weiß er selbst noch nicht so genau, was am 31. Oktober passieren wird - der Mann war schon immer flexibel.

Gibt es denn bereits Anzeichen für Nervosität auf Seiten der Kontinentaleuropäer - wird Johnsons Kalkül also aufgehen?

Pieper: Bislang sind die restlichen 27 EU-Staaten überraschend einig und hart geblieben in den Verhandlungen über den Brexit. Wobei sich die fundamentalen Daten durch diesen Wechsel von May zu Johnson gar nicht verändert haben: Die Abgeordneten haben klargemacht, was sie nicht wollen: einen Brexit ohne Deal. Sie haben aber nicht klargemacht, was sie stattdessen wollen. Sie wollten auch nicht Mays Abkommen. Das ist also nach wie vor eine schwierige Situation, sodass die Briten immer noch in einen Chaos-Brexit schlittern könnten am 1. November - das ist übrigens der erste Arbeitstag von Ursula von der Leyen als neue EU-Kommissionspräsidentin, die damit gleich eine "kleine" Herausforderung zu bewältigen hätte. Bis dahin geht dieses Brexit-Pokerspiel wie bisher weiter - und wer besser blufft, wer zuerst zuckt, das muss sich noch erweisen.

Was bedeutet ein Premier Boris Johnson für die Menschen im Land, die ja immer noch gespalten sind wegen des Brexit. Kann er diese Spaltung überwinden?

Pieper: Das ist für mich schwer vorstellbar, denn Boris Johnson ist selbst eine Figur, die die Briten spaltet: Die einen, die EU-Freunde, hassen ihn, weil er der Brexit- Frontmann war - und zwar hassen sie ihn so abgrundtief, wie man es sich hier kaum ausmalen kann. Die anderen dagegen, die EU-Feinde, die Brexiteers, lieben ihn - weil er wahrscheinlich ihren politischen Lebenstraum erfüllt.

Allen, die sich auf dem Kontinent ein zweites Referendum wünschen, sei jedoch gesagt: Nach den jüngsten Umfragen steht es 52 zu 48 Prozent, diesmal zwar für einen EU-Verbleib. Das ist alles andere als ein Aufstand der Massen gegen den Brexit, und es könnte wieder sehr knapp ausgehen. Es bleibt also auch mit einem neuen Premier Boris Johnson eine extrem schwierige Situation.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

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NDR Kultur - Journal Gespräch -

Boris Johnson - wer ist der neue britische Premier, und was bedeutet der Personalwechsel für den Brexit? Ein Gespräch mit der ehemaligen ARD-Korrespondentin Stephanie Pieper.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.07.2019 | 19:00 Uhr