Stand: 18.11.2019 17:47 Uhr

"Wir leben in einer Gesellschaft der Erregung"

Ist die Meinungsfreiheit an deutschen Hochschulen gefährdet? Das ist das Thema bei der Jahresversammlung der Hochschulrektoren in Hamburg. An dem Ort, wo zuletzt der Hochschulprofessor und AfD-Gründer Bernd Lucke von Studentinnen und Studenten ausgebuht und daran gehindert wurde, seine Vorlesung zu halten. Ein Gespräch mit dem Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, Peter-André Alt.

Herr Professor Alt, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der heute auf Ihrer Versammlung gesprochen hat, hat gesagt: "Wir haben kein Problem mit der Meinungsfreiheit - wir haben ein Problem mit der Streitkultur." Hat er recht?

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Peter-André Alt ist seit August 2018 Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.

Peter-André Alt: Ja, er hat recht. Wobei zur Streitkultur auch - und das schwang in dieser Aussage sehr klar mit - Genauigkeit von Definitionen gehört, die Notwendigkeit zu unterscheiden, was Meinungsfreiheit, was wissenschaftliche Freiheit ist. Hier ging es um die Freiheit, Wissenschaft auszuüben, und die darf durch Meinungsfreiheit und Äußerungen der Meinungsbildung nicht eingeschränkt werden. Aber wir haben auch Probleme in wachsendem Maße, andere Positionen zu respektieren. In unseren wilden Debatten, in den sozialen Medien, aber auch in vielen anderen öffentlichen Diskussionen kommt mir das zu kurz. Wir leben in einer Gesellschaft der Erregung, was Meinungsbildung angeht - und das ist nicht gut.

Der Deutsche Hochschulverband hat schon im Frühjahr gewarnt, dass die Toleranz gegenüber anderen Meinungen sinke. Wie würden Sie denn die Rolle der Hochschule an der Stelle beschreiben? Wie kann sie da ihre Verantwortung wahrnehmen?

Alt: Sie kann das, indem sie eine Art Formvorbild darstellt. Diese Rolle muss sie sich aber auch erarbeiten. Es ist ja nicht so, dass es in der Wissenschaft nicht auch Streitigkeiten gibt: über Erkenntnisse, über Konsequenzen, die aus Erkenntnissen zu ziehen sind, über Anwendungsmöglichkeiten. Die Wissenschaft streitet, seit es sie gibt. Und das ist gut so. Der wissenschaftliche Streit ist aber, wenn er richtig geführt wird, ein Streit um gute Argumente, Methoden, Thesen, über die Evidenz von Theorien. Er kann also nur als Vorbild fungieren, wenn er ein rationaler Streit ist. Es gibt in der Wissenschaft auch irrationale Streitigkeiten, um das ganz klar zu sagen. Aber da, wo die Wissenschaft rational, vernunftgestützt streitet, da kann sie mit der Streitkultur, die sie fachspezifisch entwickelt, auch ein Vorbild sein für die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Weil zu diesen Streitformen auch gehört, dass man mit guten Argumenten versucht, die eigene Position zu vertreten, zu verteidigen und durchzusetzen. Aber nicht mit emotionalen, irrationalen Äußerungen und vor allen Dingen nicht mit Zuschreibungen und Unterstellungen. Das alles gehört nicht in die wissenschaftliche Streitkultur. Insofern sagt der Bundespräsident etwas sehr Wichtiges, wenn er formuliert, dass wir die Streitkultur in den Universitäten, in den Hochschulen hochhalten müssen. Sie kann ein Vorbild für die Gesellschaft sein.

Wenn wir versuchen, das auf den Fall Bernd Lucke anzuwenden: Auch an anderen Hochschulen, in Frankfurt und in Berlin, hat es ähnliche Vorfälle gegeben, auch massive Proteste von Studentinnen und Studenten. Da ist im Moment nicht mehr viel zu gewinnen mit einer rationalen Diskussion. Wie sollte man mit so etwas umgehen?

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Alt: Genau hier ist die Grenze überschritten. Man kann nicht an Universitäten Menschen niederbrüllen, man kann an Universitäten nicht jemandem die Stimme nehmen - das geht überhaupt nicht. Und da kann auch das politische Argument kein Rechtfertigungsgrund sein. Es gibt unterschiedliche Meinungen, man kann sich über politische Meinungen anderer ärgern, auch über Herrn Lucke - aber das darf nicht dazu führen, dass ihm das Wort entzogen wird. Er hat eine Dienstaufgabe an der Universität Hamburg zu erfüllen, die er wahrnehmen muss - und das Politische muss an dieser Stelle zurücktreten. Man kann mit ihm in vielen Kontexten diskutieren, aber nicht in dieser Art und Weise ihm das Wort abschneiden. Das ist etwas, was wir auch aus früheren Zeiten kennen: Wir haben in den 60er- und 70er-Jahren heftige, aggressivste Auseinandersetzungen um politische Fragen an Hochschulen in Deutschland und genauso in Frankreich, in Japan, in Italien und in den USA gehabt. Das gibt es immer mal wieder, und das ist nichts Neues. Das hat aber damals die Hochschulen in eine sehr tiefe Krise gestürzt, weil sie nämlich zu regelrechten Schlachtfeldern des politischen Meinungsdisputs wurden. Das ist ihnen nicht gut bekommen, und aus dieser Erfahrung sollten wir lernen. Wir dürfen aber auch aus der Erfahrung von 1933 lernen, die noch viel schlimmer war. Wir wollen keine Hochschulen, in denen politische Meinungsdiktatur - egal von welcher Seite - ausgeübt wird. Das kann nicht sein.

Stellen Sie fest, dass die Studentinnen und Studenten insgesamt weniger tolerant werden?

Alt: Wir haben mittlerweile sehr große Studierendenzahlen. Demzufolge haben wir auch eine zum Glück sehr unterschiedliche Mentalität der Studierenden. Man kann das nicht verallgemeinern. Aber es gibt schon Tendenzen, dass das andere, das, was einem fremd ist, was einem nicht gefällt, was einem politisch oder auch kulturell nicht zusagt, häufig ausgegrenzt wird. Oder dass es so einen falsch verstandenen Protektionismus gibt, dass Texte beispielsweise aus der Kulturgeschichte früherer Zeiten, in denen womöglich andere moralische und politische Standards galten, aus dem Kanon ausgeschlossen werden sollen, weil sie unter Umständen verletzend wirken. Das kann kein gutes Argument sein. Es muss immer darum gehen, dass man sich mit dem, was da ist, auseinandersetzt und dass man nichts verbietet. Es gibt natürlich rote Linien: Wer in Deutschland den Holocaust leugnet, der sollte seine Meinung nicht frei sagen dürfen; diese Meinung ist strafbar. Das ist etwas, was wir weder an Hochschulen noch an anderen öffentlichen Orten erlauben können. Natürlich gibt es solche gravierenden Tabus, aber im Grundsatz sollte das politische Argument "dessen Meinung passt mir nicht, der darf nicht reden" nicht funktionieren.

Das Interview führte Katja Weise

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.11.2019 | 19:00 Uhr