Stand: 14.08.2019 17:19 Uhr

Vor 70 Jahren: Erste Bundestagswahl findet statt

Vor genau 70 Jahren, am 14. August 1949, fand die erste Bundestagswahl statt. Erstmals seit 1932 gab es die Möglichkeit und das Recht, in allgemeiner, freier, geheimer, gleicher und unmittelbarer Wahl ein Parlament in Deutschland wählen - allerdings nur in dem Teil, der sich als Bundesrepublik konstituiert hatte. Erste Bundestagswahl: Was hat das für die Bundesrepublik bedeutet? Und warum interessiert uns das heute? Fragen an den Historiker Paul Nolte.

Herr Nolte, im Mai 1949 trat das Grundgesetz in Kraft, am 14. August gab es dann die Bundestagswahl: War mit diesen beiden Daten die westdeutsche Demokratie komplett?

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Paul Nolte lehrt Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der FU Berlin.

Paul Nolte: Jedenfalls war dieser erste Wahltag ein ganz wichtiges Datum, denn es war wichtig, was sich aus der Bundestagswahl ergeben würde. Das war ja ein ganz offenes Ergebnis, denn man hatte zuletzt am 6. November 1932 gewählt. Es gab zwar noch die Märzwahlen 1933, als Hitler schon Reichskanzler war, aber die haben nicht mehr völlig frei stattgefunden. Da war also eine große Spannung darauf, wie sich so ein Ereignis vollziehen würde. Es gab auch eine große Unsicherheit, wie das sein würde - aber diese Unsicherheit war nicht berechtigt: Die Wahlbeteiligung bei dieser ersten Bundestagswahl lag bei knapp 80 Prozent, ein recht hoher Wert, der sich dann bis in die frühen 70er-Jahre noch auf - heute unvorstellbare - über 90 Prozent gesteigert hat.

Es ist interessant, wie Parteien damals vor der Wahl für sich geworben haben. Zum Beispiel die CDU:

"Wir halten es für notwendig, über die konkreten Aufgaben der Notjahre hinausweisende Richtlinien aufzustellen, weil unser Volk politisch umdenken muss. Der grundlegende Satz unseres Programms ist: An die Stelle der materialistischen Weltanschauung muss wieder die christliche treten." Konrad Adenauer

War das typisch CDU und typisch Konrad Adenauer? Oder hat dieses grundsätzliche Pathos - wenn auch hier in aller Ruhe vorgetragen - die Tonlage damals geprägt?

Nolte: Es waren sehr grundsätzliche Fragen. Man hört diesen Stimmen viel von dem Zeitkolorit an, auch viel von einer Tonlage, manchmal auch von einem Pathos, das uns heute fremd ist, weil wir es aus dem Kontext der Zeit des Nationalsozialismus kennen. Da ist noch so ein Tonfall drin, der uns sehr altertümlich vorkommt. In vieler Hinsicht haben die Politiker damals auch versucht, in ihrem politischen Stil wieder sehr stark an die Weimarer Republik anzuknüpfen. Es gab noch kein Fernsehen, also nutzte man Radio, Plakate, Wahlversammlungen; die Spitzenkandidaten sind auch schon herumgereist. Das waren die klassischen Formen des Wahlkampfs aus der Zeit der Weimarer Republik, an die man wieder anknüpfte.

Die CDU gewann mit 31 Prozent vor der SPD mit gut 29 und der FDP mit knapp 12 Prozent. Adenauer koalierte mit der FDP und der DP, der Deutschen Reichspartei, die er für die hauchdünne Mehrheit brauchte. Kann man sagen, dass das erste Wahlergebnis die Gleise gelegt hat, auf denen sich die Bundespolitik erst einmal lange Zeit voranbewegte?

Nolte: Ja, in vieler Hinsicht schon. Vieles von den wahlgesetzlichen Bestimmungen, so wie wir es heute kennen, kam erst in der zweiten Bundestagswahl 1953 dazu. Auch die Zweitstimme kam erst 1953 dazu. Aber sonst erkennen wir das ja wieder: Union mit 31 Prozent - das ist gar nicht so weit entfernt von den jetzigen Ergebnissen. Die FDP gibt es auch immer noch.

Die Weichen wurden vor allen Dingen gestellt durch Adenauers Entscheidung, keine Große Koalition mit der SPD einzugehen. Das war vielfach erwartet worden, dass diese beiden großen Kräfte zusammengehen würden, um eine Spaltung im Volk zu verhindern. Aber Adenauer hat sich sehr bewusst für diese bürgerliche Koalition entschieden. Einerseits, weil er programmatisch der Überzeugung war, aber auch aus einem sehr klugen Grund, indem er gesagt hat: "Parlamentarische Demokratie, das ist Widerstreit von Regierung und Opposition. Es wäre widersinnig, wenn man jetzt, nach einem Wahlkampf, in dem man sich bekämpft hat, so tun würde, als sei nichts gewesen. Es soll eine klare Regierung und eine klare Opposition geben." Und das hat tatsächlich die Weichen für die nächste Jahrzehnte gestellt.

Interview
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Am 14. August 1949 wurde der erste Bundestag gewählt. Als 21-Jähriger wählte auch Klaus von Dohnanyi. Der frühere Hamburger Bürgermeister erinnert sich im Interview mit NDR Info. mehr

Die westdeutsche Demokratie war enorm stabil. Vor 30 Jahren fiel die Mauer, und auch der Übergang zum einigen Deutschland schien glänzend zu gelingen. Das sieht für die meisten heute anders aus. War das alles eine optische Täuschung?

Nolte: Nein, das war keine optische Täuschung, denn die Demokratie hat sich dann in der Bundesrepublik gefestigt. Das waren überwiegend demokratische Parteien. Aber das eigentliche Erlernen der Demokratie, die demokratischen Werthaltungen sind im Westen erst in den Jahrzehnten danach erworben worden. Insofern stand die Demokratie institutionell schon auf sicheren Füßen, aber in den Köpfen und Herzen hat sie sich auch im Westen erst in den zwei bis drei Jahrzehnten danach ausgebreitet. Das ist eine Überlegung, die wir mit Blick auf die ostdeutsche Situation, was die Stabilität der Demokratie dort angeht, im Kopf haben sollten: Institutionelle Verankerung, dass Wahlen stattfinden, dass bestimmte Gesetze gelten, dass die Verfassung gilt - das ist eine Sache. Aber dass Demokratie auch in Denkweisen und Mentalitäten ankommt, das kann Jahrzehnte dauern. Das hat in der alten Bundesrepublik noch länger gedauert.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.08.2019 | 19:00 Uhr