Stand: 08.01.2020 16:58 Uhr

Paul Nolte blickt auf das kommende Jahrzehnt

Die Schlagzeilen dieser Tage werden beherrscht von der Klimakatastrophe, politischen Konflikten und globalen Unruhen, dem Straucheln unserer liberalen Demokratie und dem zunehmenden Populismus. Das Gefühl der Krise scheint allgegenwärtig, und viele Menschen schauen mit großer Besorgnis in das kommende Jahrzehnt. NDR Kultur wollte von dem Historiker Paul Nolte wissen, mit welcher Erwartung er in die 2020er-Jahre blickt.

Herr Nolte, war Ihnen an diesem Silvester zum Feiern zumute oder blicken auch Sie sorgenvoll in die Zukunft?

Paul Nolte © imago Foto: Horst Galuschka
Paul Nolte ist Professor für Neuere Geschichte mit Schwerpunkt Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin.

Paul Nolte: Ich bin eigentlich ein optimistischer Mensch, und man sollte nicht zu viel in den Rückspiegel schauen. Wir sollten zuversichtlich in die Zukunft blicken. Es gibt ganz gute Gründe dafür. Die 2010er-Jahre waren tatsächlich ein Jahrzehnt der Krisen und vieler Einschläge, die uns getroffen haben - aber auch ein Jahrzehnt, in dem wir uns in diesem Krisengefühl ein wenig eingenistet haben. Wir müssen aufpassen, dass wir aus diesem Krisengefühl etwas herauskommen und nicht in so einer Stimmung des Dunklen und Pessimistischen verharren. Denn, um es mal aus der Historiker-Perspektive zu sagen: Die Zeiten waren immer schwierig. Und zweitens glaube ich, dass es auch Grund zur Zuversicht gibt, weil in vielem, was wir in den letzten Jahren erlebt haben, die Grundlagen für einen Wandel zum Guten gelegt worden sind.

Hass und Hetze, Drohungen oder sogar körperliche Gewalt gegen Menschen mit anderer Gesinnung, mit anderem Glauben, anderer Herkunft oder Hautfarbe - das sind ja keine neuen Phänomene. Aber die Lage scheint sich gefühlt zu verschärfen. Zwei traurige Tiefpunkte des letzten Jahres waren zum Beispiel der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und der versuchte Anschlag auf die Synagoge in Halle. Für viele liegt bei den aktuellen Entwicklungen der Vergleich nahe zu den 1920er-Jahren, zur Weimarer Republik. Was halten Sie von diesen Vergleichen?

Nolte: Vergleiche sind immer nützlich, aber man muss sehen, wie weit sie führen. Wir erleben - ähnlich wie in den 20er- und frühen 30er-Jahren - eine Zeit der Selbstzweifel, dass Menschen das Zutrauen in die Demokratie und in die Reformfähigkeit demokratischer Gesellschaften verloren haben. Wir sehen ein Abrutschen von Demokratien in autoritäre Systeme. In der Türkei ist es nicht so demokratisch weitergegangen, wie wir uns das vor zehn oder 20 Jahren vorgestellt haben. Polen ist natürlich eine Demokratie, kämpft aber in mancher Hinsicht mit der Bewahrung des Rechtsstaatsprinzips. Es gibt da schon Phänomene, die uns an die 20er-Jahre erinnern. Auf der anderen Seite sitzen wir viel fester im Sattel, als das damals der Fall war. Auch ökonomisch geht uns viel besser, und dieser Wohlstand, auf dem wir heute schwimmen, gibt uns mehr Sicherheit als 1932 - das war eine ganz andere Situation.

Politikerinnen und Wissenschaftler sprechen zurzeit häufig von einer Spaltung unserer Gesellschaft. Im Zuge des Mauerfalljubiläums wurde wieder viel über die Unterschiede zwischen Ost und West gesprochen. Oder wenn es darum geht, wer die rechtspopulistischen Parteien wählt, dann spricht man von den "Abgehängten" im Gegensatz zu den "Eliten". Wird der Riss in der Mitte der Gesellschaft größer? Und welche Lager bilden sich da?

Nolte: Ja, es gibt schon diese Tendenzen zur Lagerbildung, zur Polarisierung. Die sind bei uns in Deutschland zum Glück längst nicht so stark wie in anderen Gesellschaften. In den USA sind nicht nur die politischen Parteien, die Demokraten und Republikaner, sondern auch die gesellschaftlichen Lager viel weiter auseinandergerissen. Da gibt es auch diese geschlossenen Milieus, die sich verfestigt haben: An der Ost- oder an der Westküste sind 85 Prozent für die Demokraten und auf dem Land, in der Provinz sind 70 oder 80 Prozent für die Republikaner. Solche Eindeutigkeiten gibt es bei uns zum Glück nicht.

Manchmal kann man geradezu froh sein, wenn wir etwas mehr Konflikte haben. Wir sind in letzter Zeit eine sehr konsensorientierte Gesellschaft in Deutschland geworden. Die Alten und die Jungen haben so harmonisch zusammengelebt oder tun das immer noch. Wie viele Glossen und Kommentare haben wir darüber gelesen, dass man Mutter und Tochter nicht mehr unterscheiden kann, weil sie sich gleich kleiden und gleich frisieren? Ein bisschen Generationenkonflikt tut uns zum Beispiel in der Klimadebatte auch gut.

Am folgenreichsten ist diese Kluft zwischen Stadt und Land, die sich auftut, zwischen einer städtischen Gesellschaft, die eher fortschrittsorientiert ist, die mit der Diversität der Gesellschaft umgehen kann, und einer ländlichen Gesellschaft, in der die Menschen Angst vor diesem Wandel und vor dieser Vielfalt haben, die sie in ihren Orten teilweise überhaupt nicht zu Gesicht bekommen.

Sie sagen, dass Konsens nicht immer erforderlich ist - aber in dem Fall wäre es vielleicht nicht verkehrt, wenn man die Lager einander näherbringen könnte. Was könnte die gemeinsame Grundlage bilden?

Nolte: Auf der politischen Ebene ist es ganz wichtig, dass wir weiterhin Volksparteien haben - nicht unbedingt in dem Sinne, dass sie 45 Prozent bei einer Bundestagswahl bekommen, aber dass sie ein breites Spektrum von Menschen ansprechen. Die Grünen sind gerade dabei, das zu lernen. Das ist wichtig für die Grünen, die auf einem Wachstumsast sind. Da ist aber die Frage: Bleiben sie eine Partei der Großstädte und dieser liberal-progressiven Kulturen, oder entwickeln sie auch eine Ader für die Menschen, die anderswo leben? Und kriegen sie das zusammengebunden? Aber diese Herausforderung gilt im Grunde für alle Parteien.

Auf der Ebene von Infrastruktur und Versorgung geht es darum, wie wir leben. Dieses Ideal, das die Geschichte der Bundesrepublik programmatisch so geprägt hat, die gleichwertigen Lebensverhältnisse - das haben wir nach der Wiedervereinigung auf Ost und West projiziert. Aber jetzt lernen wir, dass wir es stärker - auch unabhängig von Ost und West - auf diese Stadt-Land-Verhältnisse oder auf abgehängte versus prosperierende Regionen anwenden und gucken, ob die Menschen überall noch mitkommen können. Das heißt also: angemessene Gesundheitsversorgung, Zugang zu öffentlichen Personenverkehr, damit man auch ohne Auto an kulturellen, medizinischen und anderen Versorgungsleistungen, an höherer Bildung teilhaben kann. Das sind Aufgaben, die man ganz konkret politisch anpacken kann.

Das Interview führte Alexandra Friedrich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.01.2020 | 19:00 Uhr

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