Stand: 17.12.2019 17:33 Uhr

Olga Grjasnowa spricht über Flucht und Mobilität

Im Jahr 2000 hat die UNO den 18. Dezember als den "Internationalen Tag der Migranten" ausgerufen. Hintergrund war, dass zehn Jahre zuvor die "Internationale Konvention zum Schutz der Rechte aller Wanderabreitnehmer und ihrer Familienangehörigen" von der UN-Vollversammlung angenommen worden war. Vor gut zwei Jahren nun wurde der "Globale Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration" von 164 Staaten angenommen. Das alles könnte man zusammenfassen mit den Worten: Macht Migration machbar! Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa wurde 1984 im aserbaidschanischen Baku geboren und siedelte 1996 mit ihrer Familie als sogenannter Kontingentflüchtling nach Deutschland über.

Frau Grjasnowa, wenn Sie Ihre damalige Migration rückblickend betrachten: Was war das für eine "Entwurzelung", für eine "Flucht"?

Die in Aserbaidschan geborene Schriftstellerin Olga Grjasnowa. © René Fietzek
"Ich glaube, dass sich in den nächsten zehn, 20 Jahren sehr viel ändern wird", meint Olga Grjasnowa.

Olga Grjasnowa: Ehrlich gesagt war das gar keine Flucht. Es war im Prinzip nur eine Art der priviligierten Migration nach Deutschland. Dadurch dass wir jüdische Aussiedler waren, waren wir den deutschen Aussiedlern aus dem Gebiet der ehemaligen UdSSR fast gleichgestellt. Wir konnten sofort nach Deutschland einwandern, hatten von Anfang an eine unbefristete Einwanderungsgenehmigung - und das hat das Leben in Deutschland sehr viel einfacher gemacht. Es hatte überhaupt nichts mit einer Flucht zu tun, zumindest nichts mit der Flucht, die wir aus den Medien oder aus Erzählungen kennen. Es war eine sehr privilligierte Art der Einwanderung. Wir wussten gleich, dass wir in Deutschland bleiben können. Wir hatten keine hohen bürokratischen Hürden, es war eigentlich gar nicht so heftig.

Würden Sie das dann überhaupt "Flucht" nennen? Oder war das eine Migration?

Grjasnowa: Das war eine Migration, würde ich sagen. Das heißt "Flucht", weil man das damals politisch nicht anders begründen konnte und wollte.

Sie sind mit elf Jahren nach Deutschland gekommen, haben hier die Sprache gelernt, in Frankfurt Abitur gemacht, u.a. in Göttingen und Leipzig studiert - und bereisen seitdem immer wieder den halben Globus. Haben Sie je irgendwo Wurzeln geschlagen?

Grjasnowa: Ich weiß ehrlich gesagt nie, was "Wurzeln" eigentlich sein sollen. Genauso wie "Heimat" - diese beiden Wörter verfolgen mich ständig. Ich glaube, meine "Wurzeln" - oder was auch immer Wurzeln sein können - sind mittlerweile in Berlin. Das ist zumindest die einzige Stadt, in der ich gerne wohne.

Oder sind Sie mittlerweile ein Mobilitäts-Junkie geworden, weil Sie so viel unterwegs sind?

Grjasnowa: Naja, aber das ist auch Teil meines Berufsbildes. Ich muss reisen, um zu arbeiten. Unsere ganze Arbeitswelt hat sich mittlerweile sehr verändert, und wir sind alle extrem mobil - und müssen es auch sein, sonst findet sich jemand anderes, der den Job sofort macht. Ich reise auch sehr gerne - das kommt noch dazu. Im Prinzip ist das mittlerweile ein Teil von unserem Berufsprofil.

Es gibt durchaus auch Menschen, die ihren Arbeitsplatz lieber näher bei ihrem Zuhause hätten. Gibt es mittlerweile auch so eine Art Zwang zur Mobilität? Müssen wir heute zwanghaft mobil sein und zwanghaft auch migrieren, wenn es heißt: "Wir verlegen deine Arbeitswelt nach Süddeutschland"?

Grjasnowa: Das kommt darauf an, in welchen Berufsfeldern wir uns bewegen. Aber es fängt schon bei der Ausbildung an: Es ist mittlerweile ziemlich schwierig, die Ausbildung nur an einem einzigen Ort absolvieren zu können. Schon während des Studiums wechseln die Leute ständig hin und her. Es gibt das Erasmus-Programm, es gibt das Austauschjahr in der Schule - es wird schon von vornherein den Leuten beigebracht, dass Mobilität etwas Gutes ist und dass sie mobil sein müssen.

In Ihrem Debütroman "Der Russe ist einer, der die Birken liebt" gibt es eine WG, die aus ganz vielen Nationen zusammengestellt ist. Ist die Mobilität, die Internationalität, ist das Global Village mittlerweile Realität?

Grjasnowa: Ich glaube, ja, und ich glaube, das wird noch viel mehr zunehmen. Wenn man sich die Kindergärten und die Grundschulen in Deutschland anschaut, sind die Kinder mittlerweile nicht nur bilingual, sondern fast alle trilingual oder haben unterschiedliche Herkünfte und unterschiedliche Erfahrungswerte. Das, was wir in der Politik diskutieren, ist eigentlich schon seit mindestens zehn oder 20 Jahren veraltet. Die Generation, die nach uns kommt, wird sich wahrscheinlich wundern, wie zurückgeblieben wir eigentlich sind. Ich glaube, dass sich in den nächsten zehn, 20 Jahren sehr viel ändern wird und sich sehr viele Probleme einfach erledigen werden. Das ist zumindest meine Hoffnung.

Sie haben vorhin gesagt, Ihre Migrationsgeschichte wäre keine "Flucht" gewesen. In ihrem jüngsten Roman "Gott ist nicht schüchtern" schreiben Sie von einem Menschen, dessen Träume mit dem Scheitern der Arabischen Revolution geplatzt sind und der dann das Land verlassen musste und nach Deutschland gekommen ist. Da sind gewisse Ähnlichkeiten zu der Biografie Ihres Mannes zu erkennen. Sie beide haben zwei so unterschiedlichen Migrationsbiografien - wie geht das zusammen?

Grjasnowa: Ich glaube, mein Vorteil war, dass ich erst mit elf Jahren nach Deutschland gekommen bin - mein Mann war schon Mitte 30. Es macht einen sehr großen Unterschied, dass ich Deutsch in der Schule gelernt und in Deutschland studiert habe. Natürlich hatte ich es deutlich einfacher als er. Aber auf der anderen Seite ist das völlig unterschiedlich. Mein Mann ist Schauspieler, und ich habe selbst dramatisches Schreiben studiert und sehr viel am Theater gearbeitet. Und trotz all unserer Unterschiede und unserer unterschiedlichen Herkünfte hatten wir eine ähnliche Ausbildung, weil wir beide von russischen Dozenten ausgebildet wurden - also komplett russisches Theater. Das ist durch die Migration bedingt. Vor allem in der Kunstwelt ist die Migration etwas sehr Normales, etwas, was schon fast dazugehört. Trotzdem ist die Erfahrung, die ich gemacht habe, und die, die jemand gemacht hat, der eine Flucht hinter sich hat, völlig unterschiedlich. Es sind unterschiedliche Prämissen, mit denen man nach Deutschland kommt. Mein Mann ist kein Flüchtling, sondern er ist zufällig in Deutschland gelandet. Ich bin noch mit der Geschichte meiner Großmutter aufgewachsen, die damals vor dem Holocaust geflohen ist. Diese Flucht ist etwas, was ich immer wieder erzählt bekommen habe, aber nie gänzlich, weil ich zu jung dafür war. Das hat mich immer beschäftigt, und ich wusste immer, dass das, was ich durchmache, keine "Flucht" ist.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.12.2019 | 19:00 Uhr

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