Stand: 19.07.2019 14:53 Uhr

Kommentar: "Eine Ohrfeige für die Kirchen"

von Jan Ehlert
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Jan Ehlert aus der Redaktion "Religion und Gesellschaft" kann den Willen zur Aufarbeitung der Missbrauchsskandale bei den Kirchen nicht eindeutig erkennen.

Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben auch 2018 weiter Mitglieder verloren. Das ist keine überraschende Meldung. Es ist ein Trend, der sich bereits seit vielen Jahren fortsetzt und für den es nachvollziehbare Gründe gibt. Unsere Gesellschaft wird immer säkularer, der Glaube gehört für viele Menschen längst nicht mehr zur Lebensrealität, den Weg in die Kirche finden selbst viele Christinnen und Christen höchstens noch zu Weihnachten. Und das, so ist oft zu hören, kann man doch auch ohne Kirchenmitgliedschaft, also ohne dafür monatlich einen Beitrag zu zahlen. Dazu kommt: Nicht nur an den Kirchen kann man beobachten, dass die Bereitschaft, sich an Vereine oder Institutionen zu binden, überall immer stärker abnimmt. Sportvereine, Parteien, Gewerkschaften - Nachwuchsmangel, wohin man schaut.

Nicht einfach nur ein Trend

Gründe für einen Rückgang der Kirchenmitglieder gibt es also viele. Und doch sind diese Zahlen eine Ohrfeige für die Kirchen. Denn hier setzt sich nicht einfach nur ein Trend fort. Hier zeigt sich nicht nur, dass es ihnen nicht gelungen ist, nach den Missbrauchsskandalen vor acht Jahren, Vertrauen zurückzugewinnen. Sie haben es sogar noch weiter verspielt. Wie sonst lässt sich erklären, dass die Zahl der Kirchenaustritte in der evangelischen Kirche im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 11 Prozent, in der katholischen Kirche sogar um beinahe 30 Prozent angestiegen ist? 27.800 Austritte in der Nordkirche, mehr als 7.000 allein im Bistum Hildesheim, genauso viele im Hamburger Erzbistum - so viele waren es dort nicht einmal, als die Missbrauchsfälle bekannt wurden.

Sicher, jede und jeder hat persönliche Gründe dafür, sich für einen Kirchenaustritt zu entscheiden. Und doch räumen auch Vertreter der Kirchen ein, dass es einen Zusammenhang gibt mit der großen Missbrauchsstudie, die die Deutsche Bischofskonferenz im letzten Jahr veröffentlicht hat. Eine Studie, die noch einmal zeigte, in welch unvorstellbarem Ausmaß über Jahrzehnte sexualisierte Gewalt vertuscht und Täter gedeckt wurden. Und dass die Aufarbeitung noch immer nur schleppend vorankommt. Dass selbst gläubige Katholiken sagen, mit dieser Kirche will ich nichts mehr zu tun haben - wer kann es ihnen verdenken?

Die Kirchen müssen Wort halten

Ähnliches gilt auch für die evangelische Kirche. Auf der letzten Herbstsynode der EKD in Würzburg wurde ein Maßnahmenpaket vorgestellt, wie mit Missbrauch in den eigenen Reihen umgegangen werden soll. Ein wichtiger Schritt, aber einer, der auch die Frage aufwarf: Was ist eigentlich in den vergangenen acht Jahren passiert. Eben viel zu wenig und: Ein konsequenter Wille zur Aufarbeitung ist auch heute nicht eindeutig erkennbar, allen Beteuerungen zum Trotz. So verspielt man Glaubwürdigkeit - und genau auf die kommt es aber an. Es genügt nicht, neue Formen von Gottesdienst auszuprobieren, Kirche moderner zu machen oder Influencer auf Youtube aufzubauen.

Wenn die Kirchen wirklich wieder mehr Menschen für sich gewinnen wollen, dann müssen sie Wort halten bei ihren Ankündigungen der schonungslosen Aufarbeitung der eigenen Fehler. Dann müssen sie sich aus dem Korsett der Institution lösen, keine Angst haben, Schwäche zu zeigen und mit offenen Armen auf die Menschen zugehen. Mitten unter ihnen sein, wie es Gott in der Bibel und die Kirchen in zahlreichen Positionspapieren versprechen. Auch dann lässt sich der Trend der Kirchenaustritte vermutlich nicht aufhalten. Aber er lässt sich abmildern, weil so vielleicht die vielen Menschen erreicht werden können, die sich noch immer nach einer kirchlichen Heimat sehnen, aber diese in den Kirchen in ihrer heutigen Form nicht mehr finden.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.07.2019 | 19:00 Uhr