Stand: 06.01.2020 18:48 Uhr

"Es ist klar, dass die Iraner zurückschlagen werden"

Seit der gezielten Tötung des iranischen Generals Ghassem Soleimani am vergangenen Freitag in Bagdad überschlagen sich im Nahen Osten die Ereignisse. Der Iran will Rache nehmen, und auch der Irak geht auf Konfrontation zu den USA. Trump begegnet dem wiederum mit martialischen Drohungen. Während Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu den US-Präsidenten für dessen "entschlossenes, starkes und schnelles Vorgehen" gegen Israels Erzfeind lobt, trauern Hunderttausende Iraner in der Hauptstadt Teheran öffentlich um Soleimani. Die Welt beobachtet das Drama mit größter Sorge. So auch die deutsch-iranische Journalistin und Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur.

Frau Amirpur, wie hat Sie die Nachricht über die Ermordung Soleimanis erreicht? Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen?

Katajun Amirpur © imago
"Man hat Iran eine sehr eindeutige Kriegserklärung gesendet", sagt Katajun Amirpur.

Katajun Amirpur: Ich war im Oman, und mir sind die Tränen in die Augen geschossen - nicht weil ich um Soleimani trauere, sondern weil mir sehr schnell klar wurde, was das für einen Flächenbrand auslösen könnte. Ich glaube, Trump war - im Gegensatz zu mir - nicht so ganz klar, wen er da getötet hat, was das im Iran bewirken und wie Iran zurückschlagen könnte. Das hat mich für die Lage im Nahen Osten, aber auch darüber hinaus sehr traurig und pessimistisch gestimmt.

Bei der heutigen Trauerfeier versagte Ajatollah Ali Chamenei, dem geistlichen und staatlichen Oberhaupt des Iran, die Stimme, als er in Tränen aufgelöst vor der Menge in Teheran sprach. Staatlichen Medien zufolge geht die Zahl der Teilnehmer an den Feierlichkeiten in die Millionen. Es gab "Tod Amerika"-Rufe, und ein mit einer iranischen Flagge bedeckter Sarg wurde über die Köpfe der Menschen gereicht. Wie viel Inszenierung steckt in dieser Trauer und wie viel tatsächlich empfundenes Leid?

Amirpur: Es steckt natürlich ein bisschen Inszenierung dahinter, aber Ajatollah Chamenei spricht normalerweise nicht bei solchen Anlässen. Er lebt sehr zurückgezogen. Es ist nicht so, als würde er für jeden so ein Totengebet halten - und das hat er jetzt getan. Man mag Soleimani sehr viel vorwerfen, aber für die Iraner ist er ein Held - auch für die Iraker. Denn er hat verhindert, dass der Islamische Staat den Irak überrannt hat. Die Iraner sehen es so, dass das nächste Ziel des IS nach dem Irak der Iran gewesen wäre. Insofern ist sehr viel von der Trauer nicht geheuchelt. Für sehr viele Menschen im Iran ist der Mann ein Held: Weil er den Iran vor Krieg bewahrt hat, weil er dafür verantwortlich ist, dass immer noch Frieden herrscht und Iran ein stabiler Staat ist. Viel Inszenierung steckt also nicht in dieser Trauer.

Was bedeutet die Ermordung für die Machthaber im Iran?

Amirpur: Man hat Iran eine sehr eindeutige Kriegserklärung gesendet - so hat Iran das auch formuliert, und so sehen das auch sehr viele Analysten im Ausland. Und Iran kann gar nicht anders, als darauf irgendwie zu antworten. Iran hat Zeit - es ist nicht so, als würde jetzt irgendetwas Vorschnelles passieren. Man kann sich gemütlich hinsetzen und sich überlegen, wie man die strategischen Ziele am besten trifft. Iran ist natürlich nicht in der Lage, einen Krieg mit den USA anzuzetteln. Man weiß, dass man vollkommen unterlegen ist. Aber man ist durchaus in der Lage, einen asymmetrischen Krieg zu führen: entweder durch Cyberattacken oder indem man Ziele im Nahen Osten angreift. Man hat genug Stellvertreter im Nahen Osten, im Jemen, in Syrien, im Libanon und vor allem im Irak, wo man die USA sehr empfindlich treffen kann.

Trump hat behauptet, er hätte das getan, damit der Nahe Osten sicherer wird. Für die Amerikaner ist es ein bisschen widersprüchlich, dass sie jetzt so viele Truppen in den Nahen Osten verlegt haben - so sicher scheint ihm das Ganze nicht vorzukommen. Außerdem hat er allen amerikanischen Bürgern im Irak und im gesamten Dunstkreis nahegelegt, zurückzukehren. Sicherer hat er den Nahen Osten für die Amerikaner ganz bestimmt nicht gemacht. Und es ist ganz klar, dass die Iraner zurückschlagen werden. Die Frage ist eigentlich nur: wann, wie und wo?

Wie sieht sich der Iran im Verhältnis zu Israel?

Amirpur: Iran positioniert sich seit Jahrzehnten sehr stark und intensiv gegenüber Israel. Man meint, man sei die Schutzmacht der Palästinenser. Aber auf der anderen Seite ist es auch so, dass Iran, wann immer es nützlich war, mit den Israelis gut zusammengearbeitet hat. So ganz ideologisch, wie es dann immer klingt, wenn die Menschen auf die Straßen gehen und gegen die USA und Israel protestieren, ist es dann doch nicht. Wenn Iran zurückschlagen möchte, dann ist Israel das naheliegendste Ziel. Und das ist genau der Teil der asymmetrischen Kriegsführung, den Iran jetzt als Strategie verfolgen wird.

Das Interview führte Alexandra Friedrich

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 06.01.2020 | 19:00 Uhr

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