Stand: 23.12.2019 16:17 Uhr

Karl-Heinz Ott über "Hölderlins Geister"

Am 20. März 1770 wurde Friedrich Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren, also vor knapp 250 Jahren. Zur Vorbereitung auf das runde Hölderlin-Jubiläum im nächsten Jahr sind schon jetzt einige Veröffentlichungen erschienen, darunter auch von dem Schriftsteller Karl-Heinz Ott, der ein kluges, feinsinniges Buch über den Dichter vorgelegt hat: "Hölderlins Geister".

Herr Ott, Sie beginnen und beenden Ihr Buch mit der eigenwilligen Stimmung rund um die Alte Burse in Tübingen. Sprachlich haben Sie sich eingegroovt in den Sound Hölderlins - eine Herausforderung, denn Hölderlin ist Sprachakrobat, überführt Sätze in ästhetische Gefilde. Das hat heute wenig zu tun mit unserem täglichen Sprachgebrauch. Warum also dieser eigenwillige Ton? Ist das Ihre Form, sich dem Dichter anzunähern?

Karl-Heinz Ott © picture-alliance / dpa Foto: Uwe Zucchi
Karl-Heinz Ott will in seinem neuen Buch zeigen, "was aus Hölderlin vor allem im 20. Jahrhundert gemacht worden ist".

Karl-Heinz Ott: Einerseits mache ich das ein Stück weit, um mich dieser Atmosphäre der Sprache zu assimilieren. Andererseits halte ich durchaus Abstand, indem ich Hölderlin nicht nur von innen heraus deute und interpretiere. Ich will ja keine neue Hölderlin-Deutung geben, sondern zeigen, was aus Hölderlin vor allem im 20. Jahrhundert gemacht worden ist. Und da gewinnt die Sprache einen anderen Ton und Abstand.

Es ist grundsätzlich schwierig, Hölderlin einzuordnen. Gerne entzieht er sich Kategorisierungen, und gerne wurde er instrumentalisiert. Zum Beispiel von Martin Heidegger, der ihn zum "deutschen Kultdichter" machte. Kam Hölderlin da in falsches Fahrwasser?

Ott: Heidegger sagt bei seinen Hölderlin-Vorlesungen gleich zu Beginn: "Mir geht es nicht um Interpretation." Er grenzt sich sofort gegen die Literaturwissenschaft ab und sagt: "Mir geht es um die Sache selbst" - als könnte man das so einfach trennen -, und vereinnahmt dann Hölderlin für die Remythisierung der Welt. Das macht er aus folgenden Gründen: Er sagt, wie auch viele andere Nazi-"Philosophen": "Die griechischen Götter sind den germanischen Göttern am nächsten, und die griechischen Götter können wir benutzen, um eine Welt zu bauen, die wieder ihren Bezug zur Erde hat und die ihre eigenen und nur ihre eigenen Götter besitzt." Dadurch grenzen sie sich ab von dem, was wir Menschenrechtsuniversalismus nennen. Dieser Universalismus besitzt seinen Ursprung im Universalismus des Christentums, das sagt: Alle Menschen sind gleich vor Gott. Das Christentum wiederum basiert auf dem Judentum. Und da haben wir den Kampf, den wir bis heute bei Rechten sehen können: Der christlich-aufklärerische jüdische Humanismus und Universalismus ist der Feind. Und damit steht Heidegger ganz anderen Nazidenkern sehr nahe. Mir selbst ist das auch erst in den letzten Jahren aufgefallen - denn vor 30 Jahren habe ich Heideggers Hölderlin-Deutungen noch anders gelesen.

Buchcover: Karl-Heinz Ott - Hölderlins Geister © Hanser Verlag
"Hölderlins Geister" von Karl-Heinz Ott ist im Carl Hanser Verlag erschienen und kostet 22,00 Euro.

Hölderlin war engstens verbunden mit seinen Kollegen aus der Philosophie, Hegel und Schelling. Ganz wichtig für alle drei war die Griechische Antike. Warum wurde Griechenland zur Grundlage ihres Denkens? War die Antike damit auch eine Art Sehnsuchtsort?

Ott: Es war natürlich der absolute Sehnsuchtsort. Die griechische Welt symbolisierte eine Art Einheit von Gott, Göttern und der Welt. Das ist eine immense Fata Morgana. Man kann in dieses Griechenland natürlich alles hineinprojizieren, denn das Griechenland Hölderlins hat sehr wenig zu tun mit dem Griechenland von Platon und Aristoteles, die philosophisch zersetzende Denker sind, während die Hölderlin-Visionen eigentlich Symbiose-Visionen sind.

Hölderlin war ein schillernder Geist: genial, kompliziert, empathisch, wahnsinnig. In nur elf Jahren, zwischen 1795 und 1806, entstanden zentrale Bestandteile seines Werkes. 36 Jahre verbrachte er dann aber in dem legendären Hölderlinturm - geistig mehr oder weniger umnachtet. Macht ihn dieses Schicksal heute bekannter als sein dichterisches Werk?

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Karl-Heinz Ott © picture alliance Foto: Uwe Zucchi

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Ott: Im 19. Jahrhundert kannten ihn vor allem die schwäbischen Dichter, die bei ihm ein und aus gingen: Justinus Kerner, Ludwig Uhland. Wilhelm Waiblinger - letzterer schrieb die erste Hölderlin-Biographie mit dem Titel "Hölderlins Leben. Wahnsinn und Werk". In diesem Buch ist vom Werk fast gar nicht die Rede, sondern vor allem von seinem Wahnsinn, den er einerseits als etwas Fürchterliches schildert, andererseits auch als etwas Göttliches. Hölderlins Wahnsinn ist also zugleich seine Divinität. Damals war vor allem die Gestalt Hölderlin spannend und interessant - man hat sich um das Werk nicht so sehr gekümmert. Selbst Leute, die ihn fördern wollten, fanden es zu dunkel, zu gräzisierend. Und seit den 1960er-, 1970er-Jahren hat Hölderlin deshalb wieder an Bedeutung gewonnen, weil zum einen Pierre Bertaux gesagt hat, dass Hölderlin gar nicht verrückt gewesen sei - er hätte aus politischer Verfolgungsangst den Wahnsinn nur gespielt. Das ist natürlich eine kühne These, die durch fast nichts zu beglaubigen ist. Man hat dann in dem Wahnsinn eine Linie zu Rimbaud, Nietzsche und Artaud gezogen, und in all diesen Gestalten sah man eigentlich die "richtigeren" Menschen. Man sagte: "Die eigentlich Kranken sind wir Angepassten, und diese Figuren haben sich nicht angepasst. Wir nennen sie Wahnsinnige, aber dahinter steckt eigentlich die Wahrheit."

Hölderlin war überzeugt davon, dass in fragilen, brüchigen, wankenden Zeiten die Kunst, die Literatur hilft. Weil er ein Gespür für das Dazwischen hatte, für Sphärisches. Vielleicht kann man sagen, dass das seine ästhetische Utopie war. Was davon könnte heute wieder eine Bedeutung haben?

Ott: In dieser Zeit kommt ja erst mit Hölderlin so etwas auf, was wir später romantische Kunstreligion nennen. Alles, was wir über Gott, Sinn, Wahrheit und Unendlichkeit behaupten, das sind nichts als unsre Projektionen. Und damit ist die Religion, wenn nicht zerstört, so zumindest doch ihres eigentlichen Elements beraubt. Und in diese Lücke, die die Aufklärung schlägt, tritt plötzlich die Kunst, und Hölderlin versucht durch eine dichterische Remythisierung der Welt wieder einen großen allgemeinen Sinn in die Welt zu bringen. Er hofft, durch so eine Remythisierung der Welt, die nur durch Dichtung kommen kann, wieder die Wunden der Aufklärung heilen zu können.

Das Interview führte Claudia Christophersen

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NDR Kultur | Journal | 23.12.2019 | 19:00 Uhr

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