Stand: 02.01.2020 13:29 Uhr

"Barlachs Kunst ist modern und berührt"

Am 2. Januar 1870 wurde in Wedel bei Hamburg Ernst Barlach geboren - der Mann, der als der wohl herausragendste Bildhauer, Zeichner und Dramatiker des Expressionismus in die Geschichte einging. Pünktlich zu diesem Jubiläum ist eine kommentierte Neuausgabe sämtlicher Barlach-Briefe erschienen. Damit geht nun einer der Herausgeber, der Literaturwissenschaftler Holger Helbig, mit den ausgewiesenen Barlach-Fürsprechern Charly Hübner und Ingo Schulze auf Lesereise. Mit letzterem hat NDR Kultur Redakteur Jürgen Deppe gesprochen.

Herr Schulze, was begeisterten Sie an Ernst Barlach?

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"Seine Kunst hat immer noch etwas Gegenwärtiges", sagt Ingo Schulze über Ernst Barlach.

Ingo Schulze: Eigentlich alles. Ich habe ihn sehr früh kennengelernt, etwa mit 14. Ich glaube, das war die erste Ausstellung, die ich bewusst besucht habe, und in der man mir gesagt hat, wie man so eine Plastik ansieht. Das hat den 14-Jährigen damals schon sehr beeindruckt. Diese Faszination hat - im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern oder Schriftstellern, die ich damals gelesen und geliebt habe - nie nachgelassen. Sie hat sich vielleicht ein bisschen gewandelt, aber gerade jetzt, da ich mich wieder etwas mehr mit ihm beschäftigte, ist sie sogar größer geworden. Seine Kunst hat immer noch etwas Gegenwärtiges; sie ist modern und berührt einen trotzdem ganz unmittelbar. Es ist eine Abstraktion, die eine ganz unmittelbare Wirkung hat, die noch beschäftigt. Man kommt mit diesen Figuren ins Gespräch, aber auch mit seinen Texten und Zeichnungen.

Sie haben mal von der "Innigkeit eines Ausdrucks" gesprochen, dem sich niemand verschließen kann. Nun hat sich Barlach in mehreren Disziplinen ausgedrückt: Neben der Bildhauerei hat er auch gezeichnet und war Dramatiker. Wo empfinden Sie diese Innigkeit am intensivsten?

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Still, ernst und meditativ sind die Skulpturen von Ernst Barlach. Noch immer hinterlassen sie beim Betrachter einen tiefen Eindruck. Vor 150 Jahren wurde der Bildhauer in Wedel geboren. mehr

Schulze: Vielleicht am intensivsten in seinen Figuren: Denken Sie an den "Fries der Lauschenden". Aber es ist eigentlich gleichgültig, welche seiner Figuren man nimmt. Auch seine Ehrenmale, seine Kriegsmahnmale - das ist etwas, was sich ganz schwer darstellen lässt. Sie haben aber einen Ausdruck, der weit weg von allem Kitsch, von aller Sentimentalität ist, der betroffen macht, ohne einen zu okkupieren. Man bleibt frei und ist trotzdem betroffen. Das hat eine große Innigkeit, eine große Wirkung - besteht aber als Kunst. Sie sagten, er sei ein Expressionist, aber er hat schon sehr viel früher begonnen. Er ist für einen Expressionisten relativ alt und hat seinen Stil bis zu seinem Tod beibehalten und sogar gesteigert.

Woher rührt diese Innigkeit, diese Intensität? Können Sie sich erklären, wie man an diesen Punkt kommt, an dem er war, so etwas schaffen zu können?

Schulze: Man kann noch andere Begriffe nennen: eine große Unbedingtheit, eine Rückhaltlosigkeit. Er hat lange gebraucht, um zu seinem Stil zu finden. Er war ungefähr 36, 37 - das hängt mit seiner Reise 1906 nach Russland zusammen, wo er diese östlichen Menschen gesehen hat. Er konnte mit Paris und mit Italien nicht so viel anfangen, aber mit Polen, Ukraine, Russland sehr viel mehr. Es ist ein ständiges Suchen und Sich-nicht-Zufriedengeben. Er wollte sich sogar schon umbringen, weil er nicht seinen eigenen Stil und den gültigen Ausdruck fand. Er hat sich da nichts geschenkt. Aber das erklärt natürlich alles nichts - wie es dazu kommt, bleibt ein Geheimnis. Mit Mystik hat der Mann an sich gar nichts am Hut, sondern es geht um die Kreatur, und um die Geste, um dieses Nicht-Lockerlassen.

Der Höhepunkt seines Schaffens liegt ungefähr 100 Jahre zurück. Was bewegt uns Anfang des 21. Jahrhunderts immer noch an dieser Kunst?

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"Die Briefe" von Ernst Barlach sind im Suhrkamp Verlag erschienen und kosten 79,00 Euro.

Schulze: Die Menschen ändern sich nicht so sehr. Ob das Kriege sind, ob das Leid ist, ob das Erfahrung von Glück ist - das ist alles bei ihm gleichermaßen präsent. Komik und Tragik sind da immer zusammen, auch Würde und Armut. Das spricht sehr unmittelbar. In Kunst, die einen angeht, hat man den Eindruck, es ist von einem selbst die Rede. So, wie man in der Literatur mit bestimmten Erfahrungen nicht allein bleibt, so bleibt man vor seinen Zeichnungen, vor seinen Plastiken, aber auch mit seinen Stücken, mit seinen eigenen Erfahrungen nicht allein. Er ist auch ein großer Prosa-Autor und ein großer Dramatiker. Es ist eine ganz eigene Sprache, man kann das eigentlich nicht verwechseln.

Seine Kunst ist das Eine - aber wer tritt Ihnen aus diesen Briefen entgegen? Was ist das für eine Person? Es ist die Rede davon, dass er da unter anderem auch sehr komisch sein soll.

Schulze: Es gibt schon Werke, wo das Komische überwiegt. Es ist nie nur komisch - es schaudert einem manchmal bei dem, was man da sieht. Die Briefe bieten diese unglaubliche Möglichkeit, in einen Zeitfluss einzusteigen, so einen Alltag zu erleben. Man weiß ungefähr, wo die Höhepunkte sind, aber es ist auch interessant zu sehen, wie sehr er selbst in so einem Zeitgeist drin steckt. Er war ja ganz glücklich über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und sah zugleich, was da passieren würde. Er hat sich ein, zwei Jahre später sehr verändert und ist zum Kritiker geworden. Zu Beginn des Nationalsozialismus wussten die Nazis immer noch nicht, ob er nun der "deutscheste" der deutschen Künstler war, oder ob sie ihn ins Konzentrationslager stecken sollten. Er war ein Einzelgänger, der in Güstrow saß und in gewisser Weise abgeschnitten war. Man erlebt in wundersamer Weise so einen Alltag mit trivialen Dingen, aber es sind auch Möglichkeiten für ihn, sich zu formulieren und Gespräche zu führen. Viele Briefe kannte man schon, aber sie sind jetzt kommentiert, und man versteht vieles ganz anders oder sehr viel genauer. Sie sind außerdem eingebettet in so einen Lebensfluss.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.01.2020 | 19:00 Uhr