Stand: 30.12.2019 18:12 Uhr

"Ich wünsche mir eine positive Gegenkultur"

Berlin wäre nicht Berlin, würden nicht Geld, Schulden und niemals endende Baustellen für Stadtgespräche sorgen. Nach fünf Jahren Tätigkeit als Korrespondentin in Paris ist Barbara Kostolnik im Sommer nach Deutschland, ins ARD-Hauptstadtstudio Berlin zurückgekehrt.

Frau Kostolnik, Paris - Berlin: Ein Schritt, der sicher auch mit Wehmut verbunden war, oder?

Die Korrespondentin Barbara Kostolnik
"Ich habe das Gefühl, dass man in Deutschland von der Politik erwartet, dass sie liefert, liefert, liefert, und dass der Kompromiss nur noch ein Schimpfwort ist", sagt Barbara Kostolnik.

Barbara Kostolnik: Ja, am Anfang war es ziemlich hart - das muss ich tatsächlich gestehen. Berlin ist eben nicht Paris, und Deutschland ist nicht Frankreich. Das merkt man besonders, wenn man längere Zeit nicht hier war. Ich bin ja 2014 nach Frankreich gegangen, und rückblickend scheint mir das Ewigkeiten her zu sein - auch wenn die Zeit in Frankreich wahnsinnig schnell vergangen ist.

Gerade im letzten Jahr wurde auf der politischen Bühne, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland, viel gerungen: neue Ämter, Personalbesetzungen, Versprechen, die am Ende doch nicht gehalten wurden. Blockiert sich die Politik damit nicht auch?

Kostolnik: Als ich zurückgekommen bin, habe ich mich über die Stillstandskultur in Deutschland gewundert - so ist es mir jedenfalls vorgekommen. Verglichen mit diesem quirligen, wirbligen französischen Präsidenten Macron, der jeden Moment eine neue Reform über seine Landsleute kippt, ist mir diese Berliner Politik vollkommen bewegungslos erschienen: diese große Koalition, wo sich jeder belauert; die SPD inmitten der Vorsitzenden-Suche, die endlos gedauert hat und wo sich die Partei sehr blockiert hat. Wobei es 2017 auch in Frankreich endlose Fernsehdebatten zwischen sieben republikanischen Kandidaten gab. Mir ist aufgefallen, dass die Personalisierung der Politik enorm vorangeschritten ist. Als ich aus Berlin weggegangen bin, war das schon so eine Tendenz, aber mittlerweile habe ich den Eindruck, es läuft alles über Personen und kaum mehr über Inhalte. Das finde ich eine sehr bedenkliche Entwicklung.

Als Korrespondentin im Hauptstadtstudio beobachten Sie insbesondere auch die SPD. Große Bemühungen um demokratische Entscheidungen waren das in den letzten Monaten. Jetzt hat man die neue Spitze - aber können Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans tatsächlich das Ruder herumreißen?

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Ein Junge umarmt eine leuchtende Weltkugel. © Photocase Foto: Sick Rick

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Kostolnik: Derzeit sieht es gar nicht mal so schlecht aus - auch wenn die Sympathiewerte für Saskia Esken noch viel Luft nach oben lassen. Sie macht ja mächtig Dampf: Erst das Tempolimit, und gerade hat sie wieder eine Debatte angestoßen, die innerhalb der Großen Koalition nicht möglich wäre - wobei sie auch ein Teil davon ist. Aber sie und Norbert Walter-Borjans sind ja gewählt worden, um das Profil der SPD zu schärfen. Die müssen liefern, und das braucht ein bisschen Zeit. Ich finde, dass die beiden keinen so schlechten Job machen. Den SPD-Beschluss zum Klimapaket haben sie dank der Grünen im Bundesrat durchbekommen. Wie sich das in den Umfragewerten und den Wahlergebnissen niederschlägt, das wird man sehen. Stand jetzt stehen die Sozialdemokraten zwischen elf und 16 Prozent, je nach Meinungsforschungsinstitut. Das ist natürlich weit entfernt von den 30 Prozent, die sich Saskia Esken für ihre Partei in einem Jahr vorstellen kann.

Auch die Union schwächelt durchaus. Die Verluste der großen Volksparteien auf der einen Seite, auf der anderen ein sich zunehmend ausdifferenzierendes politisches Spektrum - was ist los in Deutschland?

Kostolnik: Das habe ich mich auch gefragt, als ich zurückgekommen bin. Als ich nach Frankreich gegangen bin, war die AfD eine europakritische Partei: Da saßen sehr viele Professoren und Ökonomen drin, die sich Gedanken über den wirtschaftlichen Kurs der Bundesrepublik gemacht haben. Da war nicht die Rede von Provokationen, wie wir sie, seit die AfD in den Bundestag eingezogen ist, ständig hören müssen. Das ist tatsächlich so ein Treppenwitz der Geschichte, weil ich anlässlich der Präsidentschaftswahl in Frankreich unendlich viele Fragen zum rechtsextremen Front National beantworten musste: Was passiert, wenn Marine Le Pen Präsidentin wird? Was bedeutet das für Deutschland? Für Europa? Und was ist passiert? Die Rechtsextremen sitzen im deutschen Parlament. Die AfD ist mit 92 Abgeordneten gewählt worden - in der französischen Nationalversammlung sind sieben Rechtsextreme. Das liegt natürlich am unterschiedlichen Wahlsystem. Aber ich muss immer noch den Kopf schütteln, wenn ich daran zurückdenke.

Wenn Sie mich fragen, was in Deutschland los ist, dann sage ich schlicht: Ich weiß es nicht. Vielleicht geht es den Menschen einfach zu gut, verglichen mit Frankreich, wo es viele echte Probleme gibt: eine hohe Jugendarbeitslosigkeit oder ein Reformstau. Ich habe das Gefühl, dass man in Deutschland von der Politik erwartet, dass sie liefert, liefert, liefert, und zwar auf jeden einzelnen individuell zugeschnitten, und dass der Kompromiss nur noch ein Schimpfwort ist. Und das gefällt mir überhaupt nicht.

Im nächsten Monat wird an den 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz erinnert. Am 9. Oktober gab es einen Anschlag auf die Synagoge in Halle; der Pianist Igor Levit hat jetzt geschrieben, dass er Morddrohungen bekommt. Fremdenhass, Antisemitismus scheinen in Deutschland wieder zuzunehmen. Das sind keine guten Entwicklungen.

Interview
Ein Stapel Kippas liegt in einem Souvenirshop. © Imago Images Foto: Vladimir Smirnov

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Kostolnik: Das sind nirgendwo gute Entwicklungen, auch in Frankreich nicht. Dort lebt die größte jüdische Gemeinde in Europa, und auch dort sind die Menschen beunruhigt. Es gab in den Jahren, in denen ich dort gelebt habe, unzählige Übergriffe, bis hin zu Morden. Es wurde eine jüdische Frau vom Balkon gestoßen, eine Holocaustüberlebende in ihrer Wohnung umgebracht. Ich habe in den letzten fünf Jahren mit sehr vielen jüdischen Französinnen und Franzosen gesprochen, und überall schimmert diese Angst durch, sich nicht sicher zu fühlen im eigenen Land. Auch deswegen dürfen wir alle nicht aufhören, Antisemitismus, Rassismus, auch Homophobie und Menschenfeindlichkeit im Allgemeinen zu benennen und zu bekämpfen. Das ist nie vergeblich. Wir müssen einfach wachsam sein. Diese Erinnerung daran, was in diesem Land, auf diesem Kontinent passiert ist, verblasst ein bisschen. Das darf niemals vergessen werden.

Gibt es etwas, das Sie nach Ihrer Zeit in Paris in Berlin besonders überrascht hat? Etwas, worüber Sie sich freuen können?

Kostolnik: Worüber ich mich freuen kann? Da erwischen Sie mich jetzt. Aber was ich mir wünschen würde, ist, dass mehr von der positiveren Haltung der Französinnen und Franzosen nach Deutschland kommen würde. Dass man nicht immer grundsätzlich negativ ist, alles in Grund und Boden redet und immer nur kritisiert, sondern dass man einfach positiver wird. Es gibt doch auch viele schöne Dinge. Ich würde mir wünschen, dass wir positiver miteinander umgehen und nicht immer nur das Negative weiter verbreiten - sei es untereinander oder auch im Internet. Ich würde mir eine positive Gegenkultur wünschen - ich glaube, da wäre viel gewonnen.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.12.2019 | 19:00 Uhr

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