Stand: 27.11.2019 17:09 Uhr

"Freue mich, dass Hetty Berg nach Berlin kommt"

Das Jüdische Museum in Berlin bekommt eine neue Direktorin: die Amsterdamer Museumskuratorin und Managerin Hetty Berg. Sie wird Nachfolgerin von Peter Schäfer, der im Juni nach heftiger Kritik an einem Tweet des Museums zur umstrittenen israelkritischen Bewegung BDS zurückgetreten war. Die daraufhin eingesetzte Findungskommission hat sich einstimmig für Hetty Berg ausgesprochen. Léontine Meijer-van Mensch war bis Ende Januar dieses Jahres Programmdirektorin und stellvertretende Direktorin des Jüdischen Museums in Berlin.

Frau Meijer-van Mensch, Sie kennen das Haus, Sie kennen auch Hetty Berg recht gut. Was bringt Sie mit?

Léontine Meijer-van Mensch © Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Léontine Meijer-van Mensch ist sich sicher: "Hetty Berg wird das Museum mit Leben füllen."

Léontine Meijer-van Mensch: Sie bringt sehr viel mit. Ihr Rucksack ist sehr schwer, aber auch sehr leicht. Sie hat eine gewisse Leichtigkeit, die dem Museum gut tun wird. Was Hetty Berg vor allem mitbringt, ist, dass sie mit beiden Beinen in der Museumspraxis steht. Sie ist eine Museumsfachfrau schon seit über 30 Jahren, und das wird dem Museum sehr gut tun. Sie ist natürlich auch inhaltlich sehr versiert, bringt ein jüdisches Wissen mit - nicht nur wissenschaftlich, sondern auch biografisch. Ich glaube, dass diese drei Komponenten für das Jüdische Museum Berlin sehr wichtig sind - jetzt, aber auch für die Zukunft des Hauses.

Sie haben gesagt, Berg habe schweres und leichtes Gepäck. Können Sie das näher beschreiben?

Meijer-van Mensch: Gerade weil Hetty aus den Niederlanden kommt, hat sie einen etwas entspannteren Umgang mit jüdischen Themen, was in einem deutschen Kontext nicht immer gegeben ist. Das bringt sie mit als niederländische Jüdin. Zugleich ist ihr Rucksack sehr schwer, weil sie wahnsinnig viel Erfahrung mitbringt. So eine Fachfrau in Deutschland zu haben und damit auch die deutsche Museumswelt zu bereichern, das ist fabelhaft. Ich freue mich sehr, dass Hetty nach Berlin kommt.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hat die Berufung von Hetty Berg begrüßt und nicht nur deren fachliche Qualifikation hervorgehoben, sondern außerdem betont, dass er davon ausgehe, dass sie Empathie für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland und Israel aufbringen werde. Was genau meint er damit?

Hetty Berg © Jüdisches Museum Berlin Foto: Yves Sucksdorff
Hetty Berg wird die neue Direktorin des Jüdischen Museums in Berlin.

Meijer-van Mensch: Ich glaube, das Hetty sehr gut eine Brücke schlagen kann zwischen musealer Arbeit und den Bedürfnissen der jüdischen Communitys. Das ist für ein Museum wie das Jüdische Museum in Berlin sehr wichtig. Hetty hat schon in Amsterdam in ihrer Funktion Erfahrungen sammeln können, weil das Jüdische Museum Amsterdam nicht nur ein Museum ist, sondern mit vielen unterschiedlichen Akteuren zusammenarbeitet und zusammen so eine Art Jüdisches Kulturelles Viertel bildet. Neben dem Museum steht eine sephardische Synagoge, die jeden Tag benutzt wird. Die Brücke zu schlagen zwischen Community und dieser musealen Funktion - das ist etwas, was sie nicht nur theoretisch kann, sondern auch schon in der Praxis bewiesen hat.

Was glauben Sie, wie wird sie umgehen mit dem aufkeimenden Antisemitismus in Deutschland?

Meijer-van Mensch: Ich glaube, dass sie da Haltung zeigen wird, dass sie sehr stark mit unterschiedlichen Partnern zusammenarbeiten wird, dass sie die wunderbare Bildung und Vermittlung im Museum noch mehr stärken und sich ganz stark diskursiv in Deutschland zeigen wird. Vor allem wird sie auch die Brücke zur Gegenwart schlagen, im Sinne von: ein jüdisches Leben heute in Deutschland und in Europa. Da spielt natürlich auch ihr eigener biografischer Hintergrund eine Rolle. Sie wird das Museum, zusammen mit meinen wunderbaren ehemaligen Kollegen und Kolleginnen, mit Leben, mit Haltung, mit Diskursivität füllen. Aber sie wird auch in die Stadt gehen und sich vernetzen. Und da ist es gar nicht so schlecht, dass auch der Direktor vom Stadtmuseum ein Holländer ist. Die beiden kennen sich schon länger, und damit wird wieder die Brücke zwischen dem Stadtmuseum Berlin und dem Jüdischen Museum Berlin gebaut, weil das Jüdische Museum mal Teil des Stadtmuseums war.

Und Sie kommen auch aus den Niederlanden.

Meijer-van Mensch: Ich komme auch aus den Niederlanden, ja. Wir sind nicht die einzigen - es gibt in den letzten Jahren immer mehr Museumskollegen aus den Niederlanden - nicht nur auf Direktionsebene, sondern auch auf operativer Ebene. Wir haben in den Niederlanden in den letzten Jahren bestimmte Veränderungen im Museum durchgeführt, etwa die Rolle des Publikums stärker ins Zentrum des musealen Geschehens gerückt. Das ist etwas, was wir in unserem Rucksack mit nach Deutschland bringen. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit Hetty.

Das Interview führte Katja Weise

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 27.11.2019 | 19:00 Uhr

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