Stand: 28.11.2019 15:45 Uhr

Ein Begleiter für das Scheitern

Wir alle tun es täglich: scheitern - im Großen wie im Kleinen. Sich dagegen zu wehren, scheint meistens zwecklos. Aber vielleicht ist Hoffnung: Der österreichische Autor Heinrich Steinfest hat jetzt eine "Gebrauchsanweisung fürs Scheitern" geschrieben.

Herr Steinfest, mal ganz im Ernst: Kann man Scheitern wirklich lernen? Scheitern wir nicht, gerade weil wir uns nicht dagegen wehren können?

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Heinrich Steinfest ist mit seinen Krimis über den einarmigen Detektiv "Cheng" bekannt geworden.

Heinrich Steinfest: Das ist eine Gebrauchsanweisung und nicht ein Ratgeber. Ich bin ja in erster Linie Autor und als solcher auch ein Geschichtenerzähler, und ich versuche hier über das Scheitern etwas zu erzählen. Es sind viele kleine Geschichten, zum Teil Persönliches, zum Teil Erzähltes, und dazwischen kleine Konklusionen. Ich empfinde das eher als einen Begleiter für das Scheitern und eine Inspiration zu einer bewussteren Form des Scheiterns.

Machen Sie sich in dem Moment, wo sie scheitern, das tatsächlich bewusst, dass sie scheitern?

Steinfest: Das ist oft auch etwas Retrospektives. Wenn ich schreibe, dann meine ich nicht zu scheitern. Wenn ich überarbeitete, habe ich schon oft das Gefühl des Scheiterns. Das ist oft diese Unzufriedenheit, wenn man merkt, dass Dinge vielleicht einen falschen Weg gegangen sind und natürlich auch das Bedürfnis nach Korrektur. Das ist ein ständiges Hin und Her zwischen Gelingen und Scheitern. Das Buch ist in erster Linie dem Prozess des Scheiterns gewidmet und den komischen wie tragischen Momenten, die das mit sich bringt.

Es gibt Künstlerinnen, die das Scheitern regelrecht ankündigen, bevor sie ein neues Werk beginnen. Wie wichtig ist für Sie als Autor vielleicht sogar die Angst vor dem Scheitern?

Steinfest: Ob wichtig oder nicht - es is präsent. Ohne dieses Gefühl existiere ich nicht - und ich bin nicht der einzige. Am Anfang wollte ich eigentlich ein Buch schreiben, das "Gebrauchsanweisung für die Niederlage" heißt. Aufgrund von akustischen Missverständnissen, weil manche gemeint haben, es sei doch sicher schon ein Buch über Holland geschrieben worden, weil sie nicht "Niederlage", sondern "Niederlande" verstanden haben, bin ich auf den Begriff des Scheiterns gekommen und habe festgestellt, dass der viel passender ist. Die Niederlage ist das Große, das Dramatische, das Historische, der Krieg, der Sport etc. Das Scheitern - das ist viel mehr der intime Prozess. Auch das Subjektive: Wir empfinden Scheitern sehr unterschiedlich. Mitunter mache ich Dinge, die ich selbst als gescheitert empfinde, andere aber nicht. Trotzdem lebe ich ständig damit. Ich kann nicht sagen, dass ich in dem Moment, wo ich arbeite, es auch so empfinde. Aber jetzt wiederhole ich mich - das ist auch eine Form des Scheiterns, die Wiederholung.

Kann man schön scheitern?

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"Gebrauchsanweisung fürs Scheitern" von Heinrich Steinfest ist im Piper Verlag erschienen und kostet 15,00 Euro.

Steinfest: Man kann besser scheitern. Ein Grundmotto dieses Buches habe ich von Beckett übernommen: immer versucht, immer gescheitert - wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern. Dieses besser scheitern - das ist das, was mich antreibt. Gar nicht so sehr die Perfektion. Vielleicht geht es um ein würdevolleres Scheitern, vielleicht wäre das der richtige Begriff.

Sie spannen den Bogen unglaublich weit in ihrem Buch. Wir schauen in die verschiedensten Bereiche. Mal erzählen Sie kleine alltägliche Geschichten, dann wieder gibt es philosophische Gedanken über das Scheitern beim Kochen, beim Sport, bei der Suche nach der richtigen Kleidung und natürlich auch in der Liebe. Scheitern kann durchaus manchmanl ein Erfolg sein; Sie schreiben: "Es ist großartig, in der Liebe zu scheitern."

Steinfest: Hab ich das geschrieben? Okay. Auch das ist ein Bewusstwerdungsprozess. Wir sind auch in der Liebe Getriebene. Auf der einen Seite haben wir eine romantische, idealisierte Vorstellung von Liebe, die sich nur auf eine Person oder auf ein Objekt bezieht. Und gleichzeitig sind wir ständig verführt von verschiedenen Attraktionen und Attraktivitäten. Auch da haben wir wieder dieses Wechselspiel. Die ideale Liebe ist eigentlich die unerfüllte. In dem Moment, wo sie Realität wird, haben wir das Problem des Verfalls. Frisch sagt ja, das Problem sei, dass wenn mal die Geheimnisse verbraucht sind, es ganz schwer wird mit der Liebe. Man müsste also eigentlich immer wieder aufs Neue diese Geheimnisse entwickeln. Ich habe mir erlaubt, den Vorschlag zu machen, dass wir uns zwar immer wieder scheiden lassen sollen, aber dann vielleicht immer wieder die gleiche Person aufs Neue heiraten - also die Geheimnisse neu entwickeln.

Ein gehöriger Trost liegt oft auch im Scheitern der anderen, oder?

Steinfest: Darum habe ich dieses Buch geschrieben. Auf Wikipedia steht, das sei ein Ratgeber - das ist natürlich Unsinn. Es ist kein Ratgeber, aber es ist ein Trostspender. Ich habe ganz bewusst viele eigene Geschichten hier eingebracht, und ein Wiener Kritiker hat gemeint, dass sei vielleicht der autobiografischste Steinfest, der bisher geschrieben wurde. Ich wollte hier ganz bewusst darauf verzichten, immer nur das Scheitern der anderen zu zeigen, sondern meines. Ich glaube, das ist, was Literatur sein sollte: ein Trostspender.

Ganz besonders schön fand ich die Episode über ein Tischtennisspiel in den Bergen. Mögen Sie uns die zum Abschluss erzählen?

Steinfest: Ja. Das war Ende der 80er-Jahre, wo ich für ein halbes Jahr nach China gegangen bin. Auch, um dort bei einem Mister das Tischtennisspiel zu erlernen und zu perfektionieren. Ich habe dort gelernt, mit Niederlagen umzugehen. Der Anspruch am Anfang, diesen Meister zu besiegen, hat sich dann in eine gewisse Freude verkehrt, einem solchen Meister nicht gewachsen zu sein. Ich würde es "die Schönheit der Hürde" nennen, die ich eben nicht überwinden kann. Das war eine schöne Zeit, auch diese Konzentration auf dieses eine Spiel mit einem wirklich ungnädigen Gegner. Ich denke, es war auch eine Form von Katharsis - dazu kann eine Niederlage auch führen. Ich war befreit von dem Bedürfnis zu siegen und eigentlich ganz zufrieden mit dieser schönen Form der Niederlage.

Das Interview führte Katja Weise

Heinrich Steinfest © picture alliance / dpa Foto: Marijan Murat

Ein Begleiter für das Scheitern

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Der Österreicher Heinrich Steinfest hat eine "Gebrauchsanweisung fürs Scheitern" geschrieben. "Es ist kein Ratgeber, aber es ist ein Trostspender", sagt der Autor im Interview.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.11.2019 | 19:00 Uhr