Stand: 05.07.2019 18:58 Uhr

Harald Welzer: "Kaufen macht eher unglücklich"

Schöne neue Dinge - wir wollen sie, weil wir sie brauchen, weil sie uns glücklich machen, weil sie unserem Ego guttun. Das meinen wir zumindest. Also wird gekauft, was das Zeug hält, viel, immer wieder und am besten schnell. Der Online-Handel hat diese Schwäche erkannt und genutzt. Schon längstens versorgen wir uns auch per Mausklick. Eines der weltweit größten Online-Unternehmen feiert 25. Geburtstag: Am 5. Juli 1994 ist Amazon an den Start gegangen. Ein Gespräch über die schöne neue Konsumwelt mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer.

Herr Welzer, macht Kaufen glücklich?

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Harald Welzer ist Direktor von "Futurzwei - Stiftung Zukunftsfähigkeit" und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg.

Harald Welzer: Wahrscheinlich für den kurzen Moment, wo das neue Produkt da ist. Prinzipiell macht es eher unglücklich, weil ja diesem Produkt gleich das nächste folgt. Insofern sagt jedes neue Angebot: Du bist mit dem alten Produkt nicht glücklich - kauf mich, damit du glücklich bist! Und leider kommt dann schon wieder das nächste, sodass das Kaufen eine Erzeugung vom permanentem Unglücklichsein ist.

Was kaufen wir überhaupt, wenn wir kaufen? Tatsächlich den Gegenstand - oder kaufen wir mehr?

Welzer: Man kauft natürlich viel mehr. Man kauft das Produkt, die Klasse des Produkts und den Status, den man sich davon verspricht. Man kauft aber auch - darüber wird ja nie gesprochen - Transportaufwendungen, Rohstoff und Energie, die für die Erzeugung notwendig sind usw. Wir sehen nur das Ende der ganzen Kette: das fertige Produkt. Alles, was sonst noch dranhängt, sehen wir nicht und bezahlen es in der Regel auch nicht.

Warum kauft man im Internet? Das muss ja ein ganz eigenes Grundbedürfnis sein?

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Welzer: Das ist ja wie bei allen Online-Angeboten: Es wirkt unheimlich bequem: Da kommt so ein armer Paketdienst-Mensch angehastet und legt einem - wie einem König - das Paket vor die Tür oder in die Hände. Und man selber muss sich nicht nach Ladenschlusszeiten richten, man muss nicht hin- und zurückfahren usw. Das macht offensichtlich diesen grandiosen Erfolg des Online-Shoppings aus.

Ich möchte auch die Arbeitnehmerseite beleuchten: Verdi fordert mehr Geld für die Beschäftigten, auch einen Tarifvertrag. Immer wieder ist zu lesen, dass Mitarbeiter schikaniert oder überwacht werden. Die Gewerkschaften stehen Kopf, und nichts scheint sich substantiell zu ändern. Warum geht das gut?

Welzer: Weil alle mitmachen. Das ist der große Witz bei all den Entwicklungen, die wir gegenwärtig haben, wo man sich an vielen Stellen fragen kann: Warum machen die Menschen das? Offensichtlich ist das Marketing dieser Anbieter unglaublich gut. Offensichtlich ist eine Kulturtechnik verlorengegangen, die es noch vor 20, 30 Jahren verbreitet gegeben hat: zu warten auf etwas, auf die Befriedigung eines Bedürfnisses zum Beispiel. Ich glaube, dass ein Begriff wie "Vorfreude" heute nicht mehr existiert, weil das große Ziel der Internetanbieter darin besteht, die Spanne zwischen Bedürfnis und Befriedigung am besten gegen null zu reduzieren. Wenn nämlich eine Spanne dazwischen liegt, kann man sich es ja noch mal überlegen, ob man das eigentlich haben wollte, ob man das braucht, ob das Leben reicher wird, wenn man das hat - oder ärmer, weil man noch mehr Plunder hat. Insofern funktioniert das alles unheimlich gut, und wahnsinnig viele Leute machen da mit. Wie man hört, nutzen Menschen das auch aus, die sich etwas schicken lassen, es benutzen, wieder einpacken und zurückschicken. Das sind Verhaltensweisen, die neu in unsere soziale Welt eintreten.

Ein ganz anderer Trend, der sehr in ist, wird vorgelebt von Marie Kondo, die aufruft zum Ordnen, Sortieren und Beschränken auf Wesentliches. Ist das in Anbetracht des Erfolges von Amazon eine Illusion?

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25 Jahre "Amazonisierung des Konsums"

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Alles begann in einer Garage: Vor 25 Jahren startete Jeff Bezos mit dem Online-Verkauf von Büchern. Inzwischen ist Amazon ein Imperium und für stationäre Händler ein Albtraum. extern

Welzer: Nein. Das kann ja jede und jeder machen. Es gibt ja gute Gründe, das alles nicht mitzumachen. Der Erfolg selber hat immer den Effekt, sich gewissermaßen selber zu bestätigen: Alle machen das - dann mache ich das auch mal. Man muss sich zwischendurch immer die Frage stellen, wie man eigentlich leben will. Wenn wir heute wissen, dass die Kleiderschränke zu 40 Prozent mit Sachen bestückt sind, die nicht ein einziges Mal getragen wurden, dann stimmt etwas in unserem Konsumverhalten nicht: Man kauft zwar noch, aber man konsumiert gar nicht mehr. Für viele sind wir nur noch so etwas wie eine Durchlaufstation, damit der Betrieb irgendwie funktioniert. Bei uns wird das Zeug zwischengelagert und irgendwann entsorgt.

Würden Sie sagen: Mehr Achtsamkeit mit den Dingen, die uns umgeben?

Welzer: Ich würde es sogar viel klarer formulieren: Es muss ein Bewusstsein darüber geben, dass alles von irgendwo herkommt. Stoffe fallen nicht vom Himmel, genausowenig wie Elektrogeräte, in denen seltene Erden, Stahl und Glas verbaut sind. Wir haben eine Reklame, die so tut, als käme das Zeug von nirgendwo. Das ist aber alles Material, das ist alles irgendwo herausgenommen und ist irgendwie mit Zerstörung verbunden. Kein Gerät ist neutral - es ist nicht nur für mich, sondern es ist ein Schaden an vielen Stellen angerichtet worden und ein Profit, der beim Handel und beim ursprünglichen Hersteller ist.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.07.2019 | 19:00 Uhr