Stand: 12.12.2019 14:56 Uhr

"Rückhaltlose Liebe zum Denken"

"Ich will verstehen" – ein Satz, den die Denkerin, Philosophin Hannah Arendt legendär in ihrem Interview mit Günter Gaus 1964, und immer wieder gesagt hat, insbesondere dann, wenn es um das unfassbar Böse ging: Shoah, Holocaust, Totalitarismus. Wie können Menschen dazu fähig sein?

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Der Schauspieler Hanns Zischler hat die Graphic Novel ins Deutsche übersetzt.

Hannah Arendt, 1906 in Hannover geboren, 1975 in New York gestorben, stellte Fragen, unbequeme, elementare, existentielle. Darüber schrieb sie Bücher: "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", "Eichmann in Jerusalem", "Vita Activa". Und regte wichtige Debatten an.

Inzwischen ist über Hannah Arendt vieles veröffentlicht worden: Bücher, Interviews, Kinofilme. Nun gibt es etwas Neues: Ken Krimstein ist Karikaturist, zeichnet unter anderen für das Magazin "New Yorker" und hat über Hannah Arendt eine Graphic Novel gemacht, die jetzt auch im dtv-Verlag erschienen ist. Die Texte ins Deutsche übertragen hat der Filmschauspieler, Regisseur, Fotograf, Essayist und – eben auch – Übersetzer: Hanns Zischler.

Herr Zischler: Es ist ein erstaunliches Buch: ganz puristisch, schwarz-weiß. Die einzige Farbe: grün. Die gehört Hannah Arendt. Sie taucht großformatig, klein, zurückhaltend, offensiv auf. Ich war am Anfang skeptisch: Kann man über Hannah Arendt tatsächlich in einer Graphic Novel erzählen? Wie ist da Ihre Meinung?

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Hanns Zischler: Ja, man kann es. Allein die Biographie von Hannah Arendt, die dramatische Lebensgeschichte, nämlich der Flucht vor Nazideutschland durch Frankreich nach Amerika. Sie wäre schon Stoff genug, um eine Geschichte zu erzählen, eine Geschichte einer Frau, die nie bereit ist, wirklich Konzessionen zu machen in der Absolutheit des Denkens, die an der Radikalität ihres Denkens festhält. Hinzu kommt, dass sie durch die Begegnung mit Anderen und im kritischen Dialog mit den Anderen zur Denkerin herangereift ist und auch immer wieder Wege gefunden hat, das auszudrücken und Krimstein macht jetzt den Versuch, diese beiden Bewegungen, nämlich die der Lebensgeschichte und die der Denkgeschichte zeichnerisch darzustellen, und es gibt dann so dramatische Verdichtungen zum Beispiel mit Walter Benjamin oder mit Gershom Scholem oder Martin Heidegger, wo auch klar wird, in welchen Konflikten und Auseinandersetzungen sich diese Frau befunden hat.

Sie haben es gerade schon angedeutet, "Die drei Leben der Hannah Arendt", das ist der Titel des Buches, der Titel der Graphic Novel. Damit ist ja keine chronologische Lebensabfolge gemeint, sondern könnte man sagen, eine Gliederung ihres Werkes "Lieben – Denken – Handeln", Begriffe, die ihr Werk auszeichnen und trotzdem auch treffend ihr Leben beschreiben. Ist das ein aussagekräftiges Beispiel, dass Denken und Leben in einander greifen?

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"Die drei Leben der Hannah Arendt" von Ken Krimstein ist bei dtv erschienen und kostet 16,90 Euro.

Zischler: Ja, ich denke schon, denn im Englischen heißt das Buch ja "The Three Escapes", also "Die drei Fluchten". Das ist im Deutschen ein Plural, den man nicht gern verwendet, denn eine Flucht ist eine Flucht, den Plural kennen wir so eigentlich nicht, mehr als Fluchtbewegungen, deshalb haben wir uns entschieden für Leben, das vielleicht etwas weniger dramatisch klingt. Aber bei drei Leben kann man auch an die Katze denken, die neun Leben hat, die sich sozusagen zur Wehr zu setzen weiß. Bei den Auseinandersetzungen, die dieses Buch anführt, ist es natürlich immer im Bewusstsein für den Leser, das ist keine wissenschaftliche Biographie oder eine Monographie der Denksysteme von Hannah Arendt, sondern es ist eine Lebensgeschichte, die stark bestimmt ist von einer rückhaltlosen Liebe zum Denken und auch eine rückhaltlose Liebe zu bestimmten Menschen.

Jetzt haben Sie auch schon die Herausforderung der Übersetzung angesprochen. Hannah Arendt hat ihre Muttersprache nie wirklich verlassen. Keine Frage: Sie konnte sich nach ihrer Flucht aus Deutschland, angekommen in New York, recht schnell fließend ins amerikanische Englisch umstellen, hat aber nie ihren Akzent verloren, erst recht nicht die deutsche Sprache, die deutsche Literatur, die Kultur nie vergessen. Haben Sie das bei der Übersetzung gemerkt?

Zischler: Das Problem war, ein englisches Original in eine Sprache zurück zu übersetzen, die eigentlich die Sprache von Hannah Arendt war. Das heißt, die Vorstellung von Ken Krimstein zu übertragen, wie hätte sie denn gesprochen? Denn es ist ja so, dass von einigen Briefstellen abgesehen in dieser Graphic Novel, eine neue Hannah Arendt zu uns spricht. Es ging also darum, einen bestimmten Ton zu treffen, einen Ton, der ist nüchtern, lapidar, preußisch, frech, sehr entschieden. Das ist so der Ton, den man dann im Deutschen zu finden hat.

Jetzt haben sie gesagt, "neue Hannah Arendt". Wie sieht die aus? Die Graphic Novel hat ja auch die Möglichkeit, dass Bilder transportiert werden.

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Zischler: Es ist eine sehr elegante, kettenrauchende, virtuos auftretende Frau unter Männern, die sich da zu behaupten weiß. Und sie hat diesen Touch, nämlich grün, das hat Ken Krimstein damit erklärt, dass grün für ihn die Farbe war, die am meisten auf etwas Kommendes, etwas Offenes, etwas Künftiges verweist, Hoffnung, wenn Sie so wollen. Deshalb bekommt sie als Einzige diesen Zug oder diesen Touch. Was ihm gelungen ist, und das finde ich wirklich eine große Leistung auch des Cartoonisten, nämlich von dem kleinen Mädchen bis zur alten Dame uns ein durchgehendes Gesicht zu vergegenwärtigen. Wir erkennen sie immer wieder, nicht nur weil sie grün angestrichen ist, sondern weil sie wirklich eine sehr prägnante physionomische Erscheinung ist.

Ken Krimstein schreibt ja in seinem Nachwort, dass die Graphic Novel ein Medium ist, „das sich besonders gut eignet, komplexe Themen zugänglich zu machen“. Was schafft die Graphic Novel, was andere Bücher nicht schaffen?

Zischler: Das ist eine gefinkelte Frage. Die Graphic Novel schafft einen anderen Blick. Ich würde nicht sagen, dass sie mehr schafft als eine eingehende Studie. Sie schafft eine unmittelbare visuelle Vergegenwärtigung von bestimmten Zeitumständen, wenn man sich z.B. allein das Bild von Walter Benjamin mal nimmt, der in wenigen Strichen erkennbar bleibt oder die Auseinandersetzung mit Eichmann dann hat man plötzlich wieder eine Plastizität, das heißt, ich habe nicht überall Fotos, die sprechend sind, sondern ich muss Konstellationen zeichnen können, die dem Leser im Gedächtnis bleiben und das ist der Weg auf dem sozusagen erzählt wird oder sichtbar gemacht wird.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Das Cover der Graphic Novel "Die drei Leben der Hannah Arendt"

"Rückhaltlose Liebe zum Denken"

NDR Kultur - Journal -

Der Filmschauspieler, Essayist und Übersetzer Hanns Zischler heute im Gespräch über Ken Krimsteins Graphic Novel: "Die drei Leben der Hannah Arendt".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.12.2019 | 19:00 Uhr