Stand: 10.12.2019 15:18 Uhr

"Kultur verbindet uns alle - gerade in Europa"

Sie heißen Avignon, Krakau, Salamanca, Graz, Patras, Maribor, Pilsen oder Turku - einige der ehemaligen Kulturhauptstädte Europas. Die zukünftigen Kulturhauptstädte könnten Hannover oder Hildesheim heißen … Sie bewerben sich gerade - wie auch Chemnitz, Dresden, Gera, Magdeburg, Nürnberg und Zittau - um den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2025". Am Dienstag findet in Berlin dazu die Vorstellung aller Bewerberstädte vor einer Jury statt - dann wird die Shortlist bekanntgegeben: Also wer nach wie vor im Rennen ist. Doch was bringt so ein Titel überhaupt? Ein Gespräch mit Gerd Landsberg vom Deutschen Städte- und Gemeindebund.

Man spürt in Hannover und Hildesheim regelrecht die Anspannung und Aufregung: Es werden Public Viewings für Donnerstag veranstaltet, wenn bekanntgegeben wird, wer es auf die Shortlist geschafft hat. Was bedeutet allein die Bewerbung zur Kulturhauptstadt für eine Stadt und ihre Einwohnerinnen und Einwohner, für eine Region?

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Der Jurist Gerd Landsberg ist Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes.

Gerd Landsberg: Das ist natürlich ein Startsignal für die Region, selbst wenn man es nicht schafft, dass man Kultur ernst nimmt und, was vielleicht wichtig ist, dass man Kultur nicht für, sondern mit den Bürgern macht. Also das Ganze von unten nach oben entwickelt und nicht nur für die Stadt, sondern für eine ganze Region. Es führt natürlich dazu, dass der Scheinwerfer stark auf Kultur gerichtet wird und das finde ich gut.

Wenn Sie sich die Kulturhauptstädte der letzten Jahre anschauen: Wie haben die sich durch diesen Titel verändert?

Landsberg: Es geht nicht nur um Tourismusförderung, sondern es geht ja darum, ein Signal für den europäischen Indikationsprozess nach außen abzustrahlen und es führt dazu, das zeigen auch die früheren Kulturhauptstädte, dass das eine langfristige Wirkung hat. Das heißt, es kommen Touristen aus ganz Europa. Das schafft Ausgleich und vielleicht auch in der eigenen Bevölkerung mehr Verständnis dafür, dass das richtig ist. Kultur ist längst ein Standortfaktor, während es früher nur eine bestimmte Generation war, die ins Museum geht. Egal, wo Sie hingehen, ob nach Hannover, nach Paris, nach Arnsberg: Gute Ausstellungen, gute Museen, gute Vorstellungen sind rappelvoll. Es tummelt sich ein Querschnitt der Gesellschaft, viele junge Leute, ältere, mittlere und das ist ein positives Signal.

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Kritiker, ja selbst Befürworter dieses Titels "Kulturhauptstadt" sprechen von Geldverschwendung und davon, dass dieses Projekt unsozial, oberflächlich und wenig nachhaltig sei. Dass zum Beispiel die florierenden Stadtteile, die sowieso gut dastehen, profitieren, die Problemviertel einer Kulturhauptstadt dagegen nicht. Wird das Ganze also nicht überschätzt?

Landsberg: Nein, das glaube ich nicht. In der Regel soll es sich auch auf die Region konzentrieren und nicht nur auf die Innenstadt. Je nachdem, wie es aufgestellt wird, kann es ein ganzes Gebiet erfassen. Denken Sie mal an das Ruhrgebiet: "Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel" stand dort im Mittelpunkt und entlang von Kanälen wurden Veranstaltungen durchgeführt. Das betraf alle Menschen, nicht nur die der Innenstadt. Insofern ist die Kritik nicht gerechtfertigt.

Macht es denn einen Unterschied, ob sich eine Stadt wie Hannover bewirbt oder eine Stadt wie Hildesheim, die vor allen Dingen die Region einbeziehen muss?

Landsberg: Natürlich ist das für eine Großstadt wie Hannover einfacher, weil sie viel größer ist. Aber man soll das nicht gegeneinander ausspielen. Beides ist vernünftig. Auch Hannover hat als Region eine Ausstrahlungswirkung auf die umliegenden Städte und Regionen.

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In der Kulturhauptstadt von 2018, im niederländischen Leeuwarden, wurden fünfmal mehr Besucherinnen und Besucher gezählt, die Kaufkraft der Provinz hatte sich verdoppelt. Wenn diese Zahlen einbrechen ist das für eine Region doch umso bitterer - Ernüchterung macht sich breit. Ist der Titel "Kulturhauptstadt" also womöglich sogar kontraproduktiv?

Landsberg: Ich glaube, er ist eine Chance. Natürlich ist der Hype zunächst groß, wenn man den Titel hat. Und das hält auch eine Zeit lang. Und dann ist die Frage, welche Anschlussprojekte man macht, um in seiner Region, in seiner Stadt weiter erfolgreich zu sein im Bereich der Kultur. Das müssen die Kulturschaffenden und die Politik vor Ort organisieren. Aber wenn man das will, klappt das auch.

Wie kann das organisiert werden, dass es klappt?

Landsberg: Man braucht einen nachhaltigen Prozess. Das muss man mit der Bevölkerung, mit der Politik, aber auch mit der Wirtschaft, die das teilweise finanziert, absprechen und kann daraus natürlich auch ein Leitbild "Zukunft der Kulturhauptstadt" entwickeln und dann auch die Schwerpunkte wieder anders setzen. Aber man löst einen Prozess aus, und den halte ich für wichtig und gut.

Gibt es da eine Zeitspanne, die eingehalten werden muss? Gerade Hannover ist gezeichnet durch die Expo 2000. Da haben wir viele brachliegende Gebäude, riesige Hallen, die fast gar nicht mehr belebt werden können. Wie schnell muss sich eine Kulturhauptstadt denn um die vielleicht auch neuen Gebäude kümmern?

Landsberg: Sie brauchen sicherlich Zeit. Ich würde sagen, je nach Größe. Wenn Sie Hannover nehmen, muss das Projekt sicherlich auf fünf bis zehn Jahre angelegt sein. Und man muss diesen Prozess dann auch am Leben erhalten. Das ist nicht ganz einfach, weil es auch eine Menge Geld kostet, wenn sie große Flächen haben, die nicht genutzt werden. Das können Sie nicht von heute auf morgen umgestalten, aber Sie müssen Visionen entwickeln. Und das ist ja auch gerade der Sinn des Titels "Kulturhauptstadt".

Eine Kulturhauptstadt wird finanziell unterstützt: Vom europäischen Kulturförderprogramm "Kreatives Europa" gibt es 1,5 Millionen Euro. Sind das nicht Summen, die womöglich bereits für die Bewerbung zur Kulturhauptstadt geflossen sind?

Landsberg: Das ist das alte Problem. Ich hätte fast gesagt, das ist wie bei Olympia. Natürlich sind das keine Riesensummen. Es geht darum, die Initiative zu zünden. Dann muss das von alleine laufen. Das ist eine Entscheidung, die vor Ort gefällt werden muss. Aber es ist ein Signal und Sie können sich damit auch schmücken, wenn eine Stadt "Kulturhauptstadt Europas" ist. Das hat schon eine Wirkung. Das läuft über die sozialen Netzwerke. Es wird auch in anderen europäischen Städten wahrgenommen. Insofern ist das eine Chance. Es ist eben nicht einfach eine Geldquelle, wo man sagt, jetzt haben wir viele Millionen und damit machen wir irgendwas. Nein, es ist eben nur eine Initiative.

Was, wenn die Bewerbung scheitert, wenn eine Stadt diesen Titel nicht bekommt? Was kann sie womöglich selbst aus der Bewerbung ziehen?

Landsberg: Eine Bewerbung alleine setzt voraus, dass ich Ideen habe, dass ich die teilweise schon auf die Schiene gebracht habe, dass ich bereit bin, Mittel einzusetzen, allein für die Bewerbung. Selbst wenn ich es nicht werde, kann ich das natürlich umsetzen, wenn auch nicht mit dem geschmückten Titel. Wir müssen den Integrationsprozess voranbringen und Kultur ist etwas, was uns alle verbindet, Inländer, Ausländer - gerade in Europa. Und deswegen sollte man das nicht schlecht reden.

Das Interview führte Andrea Schwyzer

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 10.12.2019 | 19:00 Uhr