Stand: 05.11.2018 16:56 Uhr

Gegen Obdachlosigkeit: 25 Jahre "Hinz & Kunzt"

Vor 25 Jahren wurde in Hamburg die erste Ausgabe des Obdachlosen-Magazins "Hinz & Kunzt" verkauft. Birgit Müller war vom ersten Gründungstreffen an dabei und ist nun seit vielen Jahren Chefredakteurin.

Frau Müller, "Hinz & Kunzt" ist weder in erster Linie eine Zeitung von Obdachlosen noch für Obdachlose. Es ist aber ein Obdachlosen-Magazin. Inwiefern?

Bild vergrößern
Birgit Müller ist seit Anfang an dabei und seit 1995 Chefredakteurin des Straßenmagazins.

Birgit Müller: Es ist ein Straßenmagazin. Journalisten machen zwar die Zeitung, aber sie werden von den Experten der Straße unterstützt. Viele Geschichten kommen erst durch die Obdachlosen zustande, die uns erzählen, was ihnen zustößt. Wir haben als Kernthemen sowieso sozialpolitische Themen, die sich rund um das Thema Obdachlosigkeit drehen.

Sind 25 Jahre eigentlich ein Grund zu feiern - oder eher zu trauern und zu sagen: Wir sind immer noch als Hilfsprojekt nötig, denn es hat sich nicht so viel geändert?

Müller: Wir haben als ehrenamtliches Projekt angefangen und damals gedacht, wir würden vielleicht zwei Jahre brauchen, um die Obdachlosigkeit in Hamburg zu besiegen. Wir fanden damals: 500 Obdachlose - das muss doch zu schaffen sein, die in Wohnungen unterzubringen. Aber die Zahl 500 war gar nicht richtig - es waren damals schon mehr Obdachlose in der Stadt als gedacht.

Inzwischen sind wir kein ehrenamtliches Projekt mehr, sondern wir haben relativ schnell eine Anschubfinanzierung von der Kirche bekommen, um eine soziale Stimme in der Stadt zu werden und damit die Obdachlosen etwas haben, was sie auch verkaufen können.

Den Straßenverkauf übernehmen Obdachlose, und sie erzielen damit auch Einkünfte. Hilft das? Oder ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Weitere Informationen

Hamburgs "Hinz & Kunzt" feiert 25. Geburtstag

Vor 25 Jahren erschien die erste Ausgabe des Hamburger Straßenmagazins "Hinz & Kunzt". Heute verkaufen mehr als 500 Obdachlose die Zeitung. Dennis ist einer von ihnen. mehr

Müller: Wer hier obdachlos anfängt, dem hilft das schon. Die meisten, die hierherkommen, haben über kurz oder lang eine Unterkunft. Das ist in den meisten Fällen leider immer noch keine Wohnung, aber immerhin ein Dach über dem Kopf. Es ist heutzutage sehr schwierig, überhaupt eine Wohnung zu bekommen. Früher, als wir angefangen haben, wurden uns Wohncontainer angeboten, und wir waren empört, weil wir dachten: Menschen in Wohncontainer - das geht gar nicht. Heute wären wir heilfroh. Heute hat eine Bäckereifachverkäuferin oder sogar ein Polizist schon Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden. Das ist unserer Meinung nach sehr schlimm geworden, und da müsste die Stadt dringend handeln und Wohnungen bauen, sodass nicht nur die ganz Armen eine Wohnung bekommen, sondern auch für den Mittelstand wieder ein bezahlbares Wohnen möglich ist.

Solche Projekte gibt es in Norddeutschland jede Menge. Aber wäre das nicht eigentlich eine Aufgabe der öffentlichen Hand?

Müller: Ich glaube, es ist schön, dass sich Organisationen wie wir staatsfern engagieren - das ist nicht das Problem. Der Staat hat eine andere Aufgabe: Er müsste bei den Missständen, die wir aufzeigen, eingreifen und sagen: Das geht gar nicht. Es darf nicht sein, dass Menschen auf der Straße immer weiter verelenden. Hier müssen wir einschreiten.

Die Redaktion von "Hinz & Kunzt" arbeitet sehr viel mit "festen Freien", also nicht fest angestellten, aber sehr professionellen Journalisten, Fotografen und Grafikern. Außerdem gehört seit Jahren zu jeder monatlich erscheinenden Ausgabe auch ein Prominenter dazu, der auf dem Cover erscheint und ein langes Interview gibt. Was ist das für eine Art von Engagement, die Sie da seit Jahren erfahren?

Müller: Die Prominenten sehen eben auch, dass es schön ist, von uns interviewt zu werden. Da geht es gar nicht um Glamour, die letzte Platte oder irgendetwas, das der- oder diejenige gerade Tolles geleistet hat - da geht es ums Leben. Unsere Themen sind eben auch ganz andere. Viele prominente Leute haben auch schon Tiefschläge erlebt. Oder haben ein Leben erlebt, was nicht immer gerade nur den Rosengarten versprochen hat. Ich glaube, viele lesen gerne, wie andere Leute ihre Probleme überwunden haben oder mit Niederlagen umgehen. Das ist doch auch spannend.

Zur Geburtstagsfeier kommen viele Prominente und unterstützen das Ganze: Gustav Peter Wöhler spielt mit seiner Band und Michel Abdollahi moderiert das Ganze. Kommen denn auch die, um die es geht, also die Wohnungslosen?

Müller: Das hoffen wir doch! Es ist ja schließlich auch ihre Geburtstagsfeier und wir hoffen sehr, dass die auch dabei sind. Die Veranstaltung ist ohne Eintritt, und wir gehen schwer davon aus, dass sie auch kommen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

 

Weitere Informationen
02:07
NDR 90,3

Was ist das Winternotprogramm?

16.02.2019 19:30 Uhr
NDR 90,3

Hamburg stellt in der kalten Jahreszeit zusätzliche Schlafplätze für Wohnungslose zur Verfügung. Doch wer darf das Angebot nutzen? Und wie werden die Bedürftigen dort untergebracht? Video (02:07 min)

Zahl der Obdachlosen seit 2009 verdoppelt

Fast 2.000 Obdachlose leben derzeit in Hamburg – fast doppelt so viele wie noch 2009. Das geht aus einer Befragung hervor, die die Sozialbehörde im Frühjahr durchführen ließ. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 06.11.2018 | 19:00 Uhr