Stand: 08.03.2017 10:09 Uhr

Gedanken zu Trump: Schutzwall der Demokratie

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Der Historiker Philipp Blom meint, Trump sei die ideale Autoritätsfigur einer Gesellschaft, die ihren Glauben an den politischen Prozess verloren hat.

Seit dem 20. Januar ist Donald Trump offiziell im Amt. NDR Kultur hat Autoren und prominente Denker um ein Statement gebeten, sie gefragt: "Was fällt Ihnen ein zu Donald Trump?" Der Schriftsteller, Journalist und Historiker Philipp Blom setzt die Reihe nach den Autorinnen Katharina Hacker, Susanne Schädlich und dem Historiker Ian Kershaw fort. Nicht nur in seinen Büchern "Der taumelnde Kontinent" oder "Die zerrissenen Jahre" hat Philipp Blom den Blick zurückgewagt. Auch in seinem jüngsten Werk "Die Welt aus den Angeln" von 2017 beschreibt er, wie das Naturereignis der Kleinen Eiszeit die Menschen dazu zwang, sich neu zu erfinden. Und Donald Trump? Was bedeutet der angekündigte Mauerbau zu Mexiko?

Schutzwall der Demokratie

"Build that wall, build that wall!", skandieren die Mengen bei Trumps Veranstaltungen gerne und erinnern den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten damit an sein berühmtestes Wahlkampfversprechen. Der grinst und streckt die Daumen in die Höhe. Als Fernsehstar und Bauunternehmer hat er weder ein Problem mit Mauern noch mit Versprechungen. Eine Mauer schützt. Hinter einer Mauer ist man sicher vor Invasion. Sollte der von Trump versprochene Schutzwall an der mexikanischen Grenze jemals kommen, und das Projekt kämpft noch mit den riesigen praktischen und juristischen Problemen, so wird er sicherlich seine Funktion erfüllen und Mexikanerinnen und Mexikanern die illegale Einreise in die Vereinigten Staaten erschweren.

Sendetermine der Reihe

Katharina Hacker - 15. Februar
Ian Kershaw - 22. Februar
Susanne Schädlich - 1. März
Philipp Blom - 8. März
Gregor Hens - 15. März
Ilija Trojanow - 22. März
Marica Bodrožić - 29. März

Weniger Migranten aus Mexiko

Die Ironie der Situation ist, dass die Immigration aus Mexiko in die USA seit Jahren negativ ist, dass also mehr Menschen das Land verlassen, als neue dazukommen. Wer sich trotzdem auf diese Reise macht, sucht sich meistens nicht die jetzt schon schwer bewachte Grenze aus, sondern kommt per Flugzeug, mit gültigem Visum, und bleibt einfach länger. Daran wird auch eine wunderschöne und sündhaft teure Mauer nichts ändern. Trotzdem erfüllt die Mauer jetzt schon ihren Zweck. Es geht ja nicht um eine realistische Lösung für ein reales Problem, sondern darum, dass sich die Wähler sicher fühlen.

US-Präsident Donald Trump bei seiner Rede vor dem Kongress in Washington. © dpa-Bildfunk Fotograf: Jim Lo Scalzo

Nachdenken über Donald Trump: Schutzwall der Demokratie

NDR Kultur -

"Was fällt Ihnen ein zu Donald Trump?" Der Historiker Philip Blom meint: Trump ist ideale Autoritätsfigur einer Gesellschaft, die ihren Glauben an den politischen Prozess

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Natürlich kann auch die neue Regierung nicht elf Millionen Lateinamerikaner und andere Illegale einfach ausweisen: Kein landwirtschaftlicher Betrieb, kein Hotel, kein Einkaufszentrum und kein öffentliches Gebäude würde funktionieren, ohne dass die Migranten hier für einige Dollar auf die Hand ernten, sauber machen, Rasen mähen, Essen zubereiten und abwaschen. Natürlich wird die Abweisung von Reisenden aus muslimischen Ländern den Terrorismus nicht effektiv bekämpfen. Natürlich ist es zwar möglich, Industriejobs aus Asien in die USA zurückzuholen - die allerdings werden dann an Roboter gehen und nicht an Menschen. Was Donald Trump aus seiner Zeit im Fernsehen begriffen hat, ist, dass das, was die Menschen zu sehen bekommen, immer eine Inszenierung ist, dass es in ihrer Wahrnehmung darauf ankommt, was für Gefühle man erweckt, nicht, was man tatsächlich tut.

Vermeintliches Gefühl von Sicherheit

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Am 6. März 2017 hat US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus das abgeänderte Dekret zum Einreiseverbot unterzeichnet.

Statt tatsächlicher Sicherheit vor Konkurrenz durch Migranten und vor Terrorismus und statt neuer Jobs kann der Präsident seinen Wählerinnen und Wählern ein Gefühl von Sicherheit geben, so wie er ihnen ein Gefühl von Bedrohung geben kann, indem er Terroranschläge einfach erfindet. Seine Anhänger werden überzeugt sein, dass in Schweden etwas Schreckliches passiert ist, worüber die lügenden Medien mal wieder nicht berichtet haben. Diese Politik der symbolischen Gesten hat gleich noch einen weiteren Vorteil. Die Medien ereifern sich zu Recht darüber, wenn respektierte Zeitungen vom Pressebriefing ausgeschlossen werden und Trump immer wieder zu vergessen scheint, dass er ein hohes Amt innehat und sich nicht nur eine weitere Immobilie an der Pennsylvania Avenue zugelegt hat.

Ihre Aufmerksamkeit ist ganz von diesen symbolischen Gesten ausgefüllt, während hinter den Kulissen längst der Umbau und der Abbau des Staates begonnen hat, ein gradueller Prozess, der medial nur schwer aufzubereiten, aber ungleich viel wichtiger ist. So ist Trump die ideale Autoritätsfigur einer Gesellschaft, die ihren Glauben an den politischen Prozess längst verloren hat. Er schafft Symbole, lenkt die Erregtheit der Berichterstatter, erfindet die Nachrichten, die er braucht. Eine Legislaturperiode ist allerdings länger als eine Reality Show. Es wird interessant sein zu sehen, wann die Amerikaner schon vorher den Sender wechseln wollen oder einfach weiterzappen.

Kommentar
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.03.2017 | 10:20 Uhr