Stand: 05.12.2019 17:26 Uhr

"Reduziert die Erkrankten nicht auf die Krankheit"

"Hand in Hand für Norddeutschland" - das ist seit nunmehr neun Jahren jeweils Anfang Dezember die Benefizaktion des Norddeutschen Rundfunks zugunsten wohltätiger Organisationen. In diesem Jahr helfen Sie und wir Krebserkrankten und ihren Angehörigen auf ihrem schweren Weg. Den musste vor 13 Jahren auch Margot Käßmann beschreiten, seinerzeit Hannoversche Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Kirche. Sie hat damals sehr früh sehr offen über ihren Brustkrebs gesprochen - und sie tut es auch heute noch.

Frau Käßmann, wie geht es Ihnen heute, 13 Jahre nach dieser niederschmetternden Diagnose?

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"Ich finde, dass das Sterben in unserer Gesellschaft viel zu sehr tabuisiert ist", sagt Margot Käßmann.

Margot Käßmann: Mir persönlich geht es sehr gut, und ich unterstütze sehr gerne Menschen, die andere, die an Krebs erkranken, beraten und ihnen zur Seite stehen.

Sie standen mitten im Leben, waren als Macherin bekannt - und dann auf einmal die Krebsdiagnose und das ganze Leben war infrage gestellt. Wie war das?

Käßmann: Einerseits bin ich relativ ruhig geblieben, weil ich viele Menschen mit einer Krebserkrankung kennengelernt habe, und du nicht fragen kannst: "Warum ich?" Sondern, wenn jede sechste Frau an Brustkrebs erkrankt, muss man eigentlich fragen: "Warum ich nicht?" Aber gleichzeitig habe ich gemerkt, dass von einer Minute auf die andere mein ganzes Leben umgekrempelt wurde. Ich weiß noch, dass ich zu meiner Ärztin gesagt habe, als sie meinte, ich müsse so schnell wie möglich operiert werden: "Das passt überhaupt nicht. Ich muss nächste Woche nach Berlin. Ich habe noch so viele Termine vor mir." Sie hat gesagt: "Frau Käßmann, Sie müssen jetzt erst einmal einen Vollstopp machen." Ich denke, das erleben viele so: Auf einmal bestimmt die Behandlung, bestimmt das, was die Ärzte sagen, dein ganzes Leben, und du bist gar nicht mehr Herrin deiner Zeitplanung.

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Sie haben damals berichtet, dass Ihr Mann die Diagnose gar nicht wahrhaben wollte. Ist das nicht auch ein bisschen nachvollziehbar, dass man so eine Art Wahrnehmungsmauer aufbaut, um das nicht wahrhaben zu wollen?

Käßmann: Das geht sicher vielen so. Das habe ich von vielen gehört, nachdem ich das beschrieben habe, dass sie auch den Eindruck hatten: Du brauchst dann als selbst Erkrankte ganz viel Kraft, andere fast zu trösten und ihnen die Nachricht beizubringen. Das ist so ein Druck, dass du fast den Eindruck hast, du musst die anderen beruhigen, obwohl du Zeit brauchst, dich mit dir selbst zu befassen. Denn es könnte auf Heilung hinausgehen - aber es könnte auch die letzte Etappe deines Lebens einläuten.

Wie schöpft man da Kraft für diesen Prozess, den Nicht-Erkrankten auch noch helfen zu müssen?

Käßmann: Ich brauchte an einem bestimmten Punkt erst mal Abstand. Ich habe gemerkt, dass mich das zu viel Kraft kostet und bin das erste Mal, seit ich Mutter geworden war, für eine Woche weggefahren. Ich bin ganz allein an die Ostsee gefahren, ich brauchte Zeit für mich. Das habe ich noch nie vorher gemacht. Ich habe gedacht, ich muss jetzt mal zu mir kommen und erstens Kraft für die Behandlung nach der Operation schöpfen, aber andererseits für mich selbst, um mir die grundlegenden Gedanken zu machen. Dieser Abstand hat mir damals gut getan. Aber das lässt sich nicht diktieren - andere brauchen ganz viel Gesellschaft, ganz viel Ablenkung. Und viele sagen auch - und das verstehe ich: Du willst ja nicht nur auf die Krankheit festgelegt werden. Auf einmal gucken dich alle an und sagen: "Das ist die Krebserkrankte." Aber du bist noch ganz viel anderes: Du hast Interesse an deinem Beruf, du hast Familie, du hast ein Hobby. Ich finde das wichtig für alle Angehörigen: Reduziert bitte die, die erkrankt sind, nicht nur auf die Krankheit. Sie sind noch vieles mehr.

Sie haben sich an die Ostsee zurückgezogen. Was hätten Sie sich von Ihrem Umfeld gewünscht? Sie ziehen zu lassen oder dass man sagt: "Du bist hier bei uns gut aufgehoben"?

Käßmann: Mir ist zweierlei wichtig: Einerseits musst du ganz großes Vertrauen haben in die, die dich behandeln. Ich war sehr dankbar, dass sowohl die Pflegekräfte als auch die Ärztinnen und Ärzte, die mich behandelt haben, ganz offen waren und mir erklärt haben, was genau vor sich geht. Ich finde, das musst du wissen, da darf nichts vertuscht werden.

Bei den Angehörigen ist es wichtig, dass sie fragen, was man möchte. Vielleicht möchte die erkrankte Person gerne ins Kino oder in die Disco gehen oder hat Lust, etwas ganz anderes zu machen. Vielleicht sagt sie aber auch: "Bleib mit mir eine halbe Stunde auf dem Sofa und halte meine Hand." Fragt die, die erkrankt sind, was ihnen gerade guttut - das sollte dann auch auf der Tagesordnung stehen.

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Der NDR sammelt nun Spenden, um sie dann zu 100 Prozent an Hilfsprojekte weiterzuleiten. Wo besteht dringender Hilfsbedarf?

Käßmann: Die Niedersächsische Krebsgesellschaft bietet an, dass Menschen erst mal vorbeikommen können, dass sie psychosoziale Beratung bekommen, dass sie Gesprächspartner finden, auch außerhalb der Familie. Das muss natürlich finanziert werden, und das finde ich wichtig. Manchmal sind es auch ganz praktische Sachen, dass etwa jemand keine Ausstattung für eine Reha hat. Es gibt Menschen, die sind so arm, dass sie keinen Bademantel haben - das habe ich beim Besuch der Niedersächsischen Krebsgesellschaft mitbekommen. Ich finde, wir müssen Menschen unterstützen, damit sie nicht auch noch Finanzsorgen haben in so einer Situation. Natürlich stehen auch Kirchengemeinden zur Verfügung. Für mich persönlich war auch der christliche Glaube ganz wichtig, darüber sprechen zu können: Was gibt mir Halt und Haltung in so einer Situation?

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In vielen Fällen kann mittlerweile medizinisch geholfen werden, aber es gibt immer noch sehr viele Fälle, in denen nicht geholfen werden kann und man dem Ende ins Auge schauen muss. Was und wer hilft dann da?

Käßmann: Zum einen die Betreuung durch die Krebsgesellschaften. Wenden Sie sich vertrauensvoll an jeden Seelsorger, an jede Seelsorgerin. Wir sollten offen darüber sprechen, dass es eine Krankheit sein kann, die zum Tode führt. Ich finde, dass das Sterben in unserer Gesellschaft viel zu sehr tabuisiert ist. Wir müssen darüber reden, sonst werden das Tabu und die Angst immer größer. Ich habe Menschen erlebt, die in Frieden Abschied genommen haben, nachdem klar war, dass eine Chemotherapie nichts mehr nutzen würde. Wir sollten alle Fragen in offenen Gesprächen klären, miteinander, in aller Sanftmut und in einer guten Stimmung: Wie möchtest du deine letzten Tage leben? Möchtest du zuhause bleiben? Möchtest du ins Hospiz? Gibt es vielleicht einen letzten Wunsch, den du dir erfüllen möchtest? Wie möchtest du sterben? Wie willst du begleitet werden? Wie möchtest du bestattet werden? Für mich als Christin ist eine große Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat - auch darüber sollten wir reden.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Theologin Dr. Margot Käßmann © Monika Lawrenz Foto: Monika Lawrenz

"Reduziert die Erkrankten nicht auf die Krankheit"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Vor 13 Jahren erkrankte Margot Käßmann an Brustkrebs. Damals hat die Theologin sehr früh sehr offen über ihre Erkrankung gesprochen - und sie tut es auch heute noch.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.12.2019 | 19:00 Uhr