Stand: 02.11.2018 16:46 Uhr

Die Neugierde des Publikums auf die Gegenwart

"175 Jahre Gegenwart" - unter diesem Satz gruppiert das Hamburger Thalia Theater sein Programm zur Jubiläums-Festwoche. Intendant Joachim Lux schreibt dazu: "Seit 1843 wird hier um Kunst und Kasse gerungen, um Tragik und Unterhaltung, um Regie und Schauspieltheater, um Klassizität und absolute Gegenwart. Hier wird gestritten, sowohl unter den Künstlerinnen und Künstlern aber auch mit Ihnen, dem Publikum, das immer wieder bereit ist, sich überraschen zu lassen." Das sind schöne und starke Worte. Ebenso schön ist es, dass Joachim Lux am Beginn der Festwoche noch Zeit für ein Gespräch hat.

Joachim Lux, seit 2009 sind Sie Intendant des Thalia Theaters. Eine vergleichsweise kurze Zeit, wenn man die Geschichte des Hauses bedenkt. Welche Veränderungen - künstlerisch, politisch, diskursiv, vielleicht auch in der Haltung des Publikums - haben Sie persönlich in den vergangenen Jahren bei sich am Haus bemerkt?

Joachim Lux: In der Zeit, die ich am Thalia Theater arbeite, gibt es eine große Programmkonstante: Das ist, dass wir über die Lessing-Tage versuchen, die Internationalisierung von künstlerischer Arbeit und das Interkulturelle unserer Stadtgesellschaften abzubilden und ins Jahresprogramm aufzunehmen. Das ist eine große Konstante.

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Joachim Lux glaubt an die europäischen Ideale, insbesonders im Theater.

Die Veränderungen sind wahrscheinlich meist überhaupt erst aus dem Rückblick richtig in Betracht zu ziehen. Intern gibt es Veränderungen: Der Wunsch der Schauspieler, an dem, was wir tun, mitzusprechen - also Emanzipation -, der hat sich deutlich verstärkt. Das zweite ist, dass ein bestimmtes Klima, das Regisseure älteren Semesters früher vorgegeben haben, so nicht mehr möglich ist. Das heißt, dass die kooperative, gemeinsame Erfindung von Theater in diesen Jahren extrem stark zugenommen hat. Es ist weniger autoritätsabhängig und autoritätshörig. Dies zum einen.

Zum anderen ist die Neugierde des Publikums auf gegenwärtige Stoffe und Beschäftigungen deutlich gewachsen. Das geht damit einher, dass man sich nicht mehr so wie früher auf die pure Abbildung dessen, was man den Kanon nennt, verlassen kann: Also, wir machen Goethes "Tasso" und die Leute sagen, das wollen wir dringend sehen. Es kann sein, dass ein Gegenwartsstoff durchaus erfolgreicher ist.

Könnte das daran liegen, dass die Gegenwart immer voller an Problemen und Problematiken geworden ist, die vielleicht danach verlangen, dass sie einem künstlerisch nochmal erklärt oder fokussiert werden?

Lux: Ja, davon bin ich total überzeugt. Die Sorgen und Nöte der Menschen in diesen politisch undurchsichtigen, unübersichtlichen und schwierigen Zeiten sind gewachsen. Das ist zwar ein bisschen absurd, weil es den Deutschen noch nie - jedenfalls ökonomisch gesehen - so gut ging wie heute. Aber die Orientierung, wie soll ich leben, was für Werte soll ich vermitteln und wie kann ich die Welt lesen, diese Fragen haben massiv zugenommen.

"175 Jahre Gegenwart" ist das Motto der Jubiläums-Festwoche. Sie haben sich diesem Thema auf ganz unterschiedliche Arten genähert: Etwa mit Uraufführungen wie "Dritte Republik" in der Gaußstraße. Am 9. November, dem Geburtstag des Thalia Theaters, führen Sie Navid Kermanis "Herzzentrum" in "allen verfügbaren Räumen des Theaters" auf - wie kann man sich das vorstellen?

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Lux: Dazu muss man zunächst einmal sagen, dass uns mit Navid Kermani eine sehr lange gemeinsame Geschichte verbindet. Wir haben dieses Veranstaltungsformat "Herzzentrum" ja schon überall gemacht: in der Gaußstraße, im Riesenrad, in der Moschee, selbst im Puff und in einem Flüchtlingslager. Und jetzt kommt es zum ersten Mal ins große Haus. Und das Besondere ist nicht, dass sich da tausend Menschen versammeln, um sich etwas anzuhören, sondern das Gegenteil: Man versucht, sich in kleinen Gruppen, in der unmittelbaren Begegnung zwischen Schauspielern und Mitwirkenden und dem Publikum zu Themen zu verhalten, sich Texte anzuhören und sich darüber zu unterhalten. Das bedeutet, dass wir beispielsweise in meinem Büro etwas machen, dass wir im Malersaal etwas machen, in der Requisite, im Kostümfundus, also dass wir tatsächlich alle Räume nutzen, die uns irgendwie noch einfallen, um diesen Abend zu bewältigen.

In der Gaußstraße zeigen Sie einen Abend der European Theatre Academy "Poor/ rich Europe". Sie haben vor Kurzem in einem Interview von den "Idealen Europas" gesprochen, die aus der Französischen Revolution kämen, nämlich Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wie kann denn Theater oder wie können europäische Theatermacher zu diesen Idealen beitragen?

Lux: Das passiert auf zwei Ebenen: Das eine ist, dass man versucht zu vermitteln, dass Europa nicht nur eine ökonomische Idee ist. Also es ist nicht ein multinationaler Konzern, der versucht, in der Globalisierung standzuhalten. Das ist es jedenfalls nicht nur. Das ist aber oft der Fokus der letzten Jahrzehnte gewesen. Und wir können inhaltlich an diese europäischen Ideale erinnern. Und das zweite ist, dass wir unseren Theaterbesuchern einfach durch die physische und sprachliche Präsenz von europäischen Theatermachern in unserem Hamburger Thalia Theater konkret zeigen können, dass wir in Europa und mit Europäern leben. Die klassische Definition des Theaters als Nationaltheater im alten Sinne funktioniert nicht mehr. Wir leben in einer europäischen Welt. Die nächste Grenze von Hamburg aus gesehen ist nicht mehr die zu Dänemark oder Holland sondern die zu Marokko. Wir müssen aus dieser Kleinstaaterei raus, in der wir uns mental noch oft befinden.

Die Festwoche im Thalia Theater findet vom 2. bis zum 11. November statt. Tickets kosten zwischen 10 und 52 Euro. Bei der Buchung von drei Veranstaltungen der Jubiläumsfestwoche gibt es die Möglichkeit, mit dem Jubiläums-Pass 30 Prozent zu sparen. Außerdem gibt es zum Jubiläums-Pass eine Backstage-Führung mit dem Thalia Team.

Warum liegt Ihnen persönlich Europa so am Herzen?

Lux: Weil ich glaube, dass die Botschaften der Generation, die 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg wieder angefangen hat, für Europa konstituierend sind: "Nie wieder Krieg", Völkerfreundschaft und Dialog. Die haben zur längsten Friedenszeit geführt, die dieser Kontinent je gehabt hat. Ich glaube, wenn wir diese Werte nicht pflegen sondern weiter zusehen, wie bestimmte Kräfte versuchen, da andere Werte zu setzen - etwa die einer konservativen Revolution -, dann sind wir da extrem schlecht beraten.

Wie werden Sie denn diese Festwoche verbringen? Haben Sie überhaupt Zeit, in eine Feierstimmung zu kommen?

Lux: Ja, gute Frage, das ist nicht so einfach. Man ist sehr stark damit beschäftigt, alle kleinen Schwelbrände zu löschen und Bauarbeiten noch fertigzustellen. Das ist so, wie wenn man zu Hause eine Party macht: Alle freuen sich und feiern, nur der Hausherr nicht, weil der in der Küche steht und spült. Ein bisschen ist das so. Nein, ich werde für mich versuchen, die Gelegenheit zu nutzen, mir auch wieder einzelne Aufführungen anzugucken. Ich mache selber auch beim "Herzzentrum" mit, ich organisiere es nicht nur. Und dann haben wir am Ende der Festwoche, am Sonntag, dem 11. November, auch eine Festmatinee. Das ist dann die offizielle Feierlichkeit, wo ich versuchen werde, eine kleine Rede zu halten. Die ist allerdings auch noch in Arbeit.

Das Gespräch führte Martina Kothe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.11.2018 | 19:00 Uhr