Stand: 29.07.2019 17:33 Uhr

Plastik: Früher ein Traum - heute ein Grauen

Noch vor geraumer Zeit konnte gar nicht genug Plastik produziert werden: praktisch, funktionsfähig, billig, bunt. Plastik erfüllt so viele Wünsche und Bedürfnisse, bevor es bestenfalls im Kunststoffmüll landet. Rund 130 Millionen Tonnen Plastik treiben durch unsere Meere und Ozeane; Kunststoffreste sind zu finden in Mägen von Fischen oder Vögeln. Die Journalistin Pia Ratzesberger hat sich mit dem Thema ausführlich auseinandergesetzt: "Plastik", so heißt ihr Buch.

Frau Ratzesberger: Auch Sie - heute großes Problembewusstsein - hatten Ihre Vorlieben für Plastik, von dem französischen Philosophen Roland Barthes als "magisches Material" bezeichnet. Was mochten Sie an Plastik?

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Pia Ratzesberger erklärt in ihrem Buch, wie man Plastik vermeiden kann.

Pia Ratzesberger: Ich bin Jahrgang 1990 - das heißt, ich bin in einer Plastik-Zeit aufgewachsen. Alle meine Spielzeuge waren aus Plastik, die Tupperbox in der Schule, der Rucksack, die blinkenden Turnschuhe von Klassenkameraden - alles um mich herum war eigentlich Plastik. Ich habe das sehr lange überhaupt nicht infrage gestellt, und mir war gar nicht bewusst, was hinter diesem Material steckt - das kam erst mit der Zeit. Ich würde auch heute sagen, dass Plastik erst einmal ein sehr gutes Material ist: Es ist relativ einfach herzustellen, es ist billig, unser ganzer Konsum baut auf viel Plastik auf. Für mich ist auch nicht das Plastik an sich problematisch, sondern das Plastik, was produziert wird, um es dann direkt wieder wegzuwerfen.

Ein Becken, in dem Plastikmüll schwimmt, welches durch eine Vorrichtung zusammegetrieben wird.

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Sie standen irgendwann Plastik zunehmend kritisch gegenüber. Gab es dafür bei Ihnen ein persönliches Schlüsselerlebnis?

Ratzesberger: Ich glaube, es gab nicht das eine Erlebnis. Ich habe viel darüber gelesen, wo sich das Plastik irgendwann findet, wenn man es in die Tonne geworfen hat. Man denkt ja immer: Sobald man es weggeworfen hat, ist es auch weg. Wenn man sich aber damit beschäftigt, was eigentlich danach passiert, welche Wege das nimmt, wie wenig Plastik recycelt werden kann, was in anderen Ländern, die nicht so ein gutes Müllsystem haben, damit passiert, dann wird man schon nachdenklich. In Deutschland wird immer noch das allermeiste Plastik am Ende verbrannt. Ich habe im Supermarkt gemerkt: Es stimmt - eigentlich ist es unmöglich, ohne Plastik auszukommen. Hier ist wirklich alles aus Plastik, in Plastik eingewickelt oder in Plastik eingeschweißt.

Von "Alptraum" ist die Rede, wenn Taucher ihre Beobachtungen im Meer schildern. Wie erklären Sie sich diese Umweltsünden, wenn man weiß, dass es bis zu 20 Jahre dauert, bis eine einzelne Plastiktüte sich aufgelöst hat? Warum haben Menschen so lange die Augen verschlossen?

Ratzesberger: Das ist tatsächlich absurd, wenn man darüber nachdenkt. Jetzt sind diese Bilder aus dem Meer und aus den Flüssen plötzlich sehr präsent, und es vergeht kaum ein Tag, wo so ein Bild in den sozialen Medien nicht die Runde macht. Aber schon in den 70er-Jahren haben Wissenschaftler die ersten Plastikteile im Meer gefunden; schon damals fiel ihnen der viele Kunststoff auf. Jetzt gibt es plötzlich dieses große Bewusstsein, weil da ganz viel zusammenkommt: Zum einen werden diese Bilder immer wieder geteilt, man kriegt sie immer wieder ins Gedächtnis gerufen. Zum anderen gibt es gerade ein sehr großes Bewusstsein für Umweltschutz, für Klimaschutz, und dieses Plastik nimmt da so eine Stellvertreterrolle für unseren schnellen Konsum ein. Es ist ja nicht nur das Plastik an sich, sondern das Plastik ist ein Beispiel dafür, dass wir wahnsinnig viel in Masse produzieren, es eigentlich gar nicht brauchen und es nur aus Bequemlichkeit sehr schnell wegkonsumieren.

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Für das Thema Plastikmüll gibt es in letzter Zeit eine sich verstärkende Sensibilisierung. Die Politik hat das Problem erkannt, Geschäfte, vor allem Bio-Läden, werden immer erfindungsreicher, um Material zu sparen. Hat da ein Bewusstseinswandel stattgefunden?

Ratzesberger: Ich glaube schon, dass es einen Wandel gibt. Die Frage ist: Zu was führt dieser Wandel, und wie sinnvoll ist das? Es gibt neue Gesetzte, und Supermärkte, Drogerien und so weiter reagieren auf diese Gesetze. Allerdings basiert das Meiste, was momentan aus der Politik kommt, auf Freiwilligkeit, oder es ist ganz viel Symbolpolitik dabei. Von daher glaube ich, dass es definitiv noch schärfere Gesetze und auch Verbote braucht.

Nun haben Sie in Ihrem Buch einen ganzen Maßnahmenkatalog aufgestellt, was jeder Einzelne tun kann, um Plastik zu vermeiden. Was sind in Ihren Augen die wichtigsten Punkte?

Wenn Plastik lange genutzt wird, wenn ich eine Box aus Plastik kaufe und sie Jahrzehnte verwende, dann sehe ich da kein Problem drin. Es ist das Plastik, was nur ganz schnell genutzt und wieder weggeworfen wird: diese ganze To-go-Kultur, die Sachen, die in immer kleineren Portionen abgepackt sind, weil die Leute zu faul sind zum Kochen oder keine Zeit haben. Verpackungen - das ist das große Problem.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Pia Ratzesberger © Alessandra Schellnegger Foto: Alessandra Schellnegger

Plastik: Früher ein Traum - heute ein Grauen

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Rund 130 Millionen Tonnen Plastik treiben durch unsere Meere und Ozeane. Die Journalistin Pia Ratzesberger hat sich mit dem Thema ausführlich auseinandergesetzt.

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NDR Kultur | Journal | 30.07.2019 | 19:00 Uhr