Stand: 19.11.2019 17:51 Uhr

Die Humboldt-Brüder: Deutsche Kosmopoliten

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Alexander von Humboldt (links) und Wilhelm von Humboldt werden heute als deutsche Kosmopoliten gefeiert.

Den Forscher- und Gelehrten-Brüdern Wilhelm und Alexander von Humboldt widmet sich jetzt das Deutsche Historische Museum in Berlin. Es ist die erste große Ausstellung über die beiden Humboldts in Deutschland. Kuratiert haben sie die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der Kunsthistoriker David Blankenstein.

Herr Blankenstein, warum hat es so lange gedauert, eine Ausstellung über die beiden Humboldts in Deutschland zu realisieren?

David Blankenstein: Es hat sowieso lange gedauert, bis die Brüder Humboldt wieder auf dem Schirm der Öffentlichkeit aufgetaucht sind. Es ist erst etwa 20 Jahre her, dass die Öffentlichkeit wieder mehr über Alexander von Humboldt und über seinen Bruder Wilhelm weiß. Insofern ist es gar nicht so lange - aber es ist wahnsinnig viel in der Zeit passiert. Es scheint, als ob die ganze Welt wieder Alexander von Humboldt kennt - Wilhelm deutlich weniger. Aber beide sind wieder so eine Art von Dreh- und Angelpunkt in der Erinnerungskultur geworden.

Beide gelten als Kosmopoliten mit verschiedenen Forschungsschwerpunkten: der eine mit dem Blick insbesondere auf die Bildung, der andere mit dem auf die Natur und fremde Kulturen. In diesem Jahr haben wir auch den 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt gefeiert. Sie wollen sie zeigen als Europäer im Kontext ihrer Zeit - so heißt es in der Ankündigung. Was genau meint das? Da klingt so ein bisschen durch, dass Sie vielleicht auch Widersprüche aufzeigen wollen.

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Bénédicte Savoy ist Professorin am Institut für Kunstwissenschaft und historische Urbanistik an der Technischen Universität Berlin.

Bénédicte Savoy: Das war jedenfalls nicht unser Ziel. Es geht nicht darum, in dieser Ausstellung irgendwelche Oppositionen aufzumachen. Wir sind beide Historikerin und Historiker, und uns war es ein Bedürfnis zu zeigen, wie die historischen Zustände waren, in denen diese zwei großen Namen gewirkt haben, die gerne als Etikett benutzt werden oder möglicherweise hier und da instrumentalisiert werden. Dass es zum Beispiel Zeitgenossen von Napoleon waren - in diesem Jahr ehrt keiner den 250. Geburtstag von Napoleon Bonaparte, und das hat gute Gründe. Uns war es wichtig, daran zu erinnern, dass die Humboldts in dieser Zeit gelebt haben, dass sie da sehr politisch und wirtschaftlich aktiv waren, und nicht nur diese Forscher, an die wir gerne erinnern - der eine im Dschungel und der andere an seinem Schreibtisch. So einfach war es nicht. Wir haben den Eindruck, dass eine aufgeklärte Gesellschaft wie die, die wir jetzt haben, wissen muss, wissen darf, wie die Zusammenhänge, wie das Koordinatensystem historisch ausgesehen hat, damit man sich nicht von zu großen Parolen blenden lässt.

Können Sie ein Beispiel nennen für die vereinnahmende Rezeption oder Instrumentalisierung?

Blankenstein: Es fängt an, wenn man über Alexander von Humboldts Reise nach Amerika redet, die vielfach als abenteuerliche Reise unter Lebensgefahr beschrieben wird. Die Stationen, die oft erwähnt werden, sind einerseits die naturwissenschaftliche Erforschung, die Würdigung der amerikanischen Natur in ihrer Landschaft und in ihren Details. Sehr stark auch seine politische Parteinahme, zum Beispiel gegen die Sklaverei und für die Position der Schwächeren. Das sind Aspekte, die immer wieder hervorgeholt werden, die nur eingeschränkt stimmen. Denn man findet in seinem überaus reichen Schriftwerk zu den Reisen auch andere Positionen, eine andere Sprache, die teilweise in einem Widerspruch stehen zu dem, was oft als die idealistische Haltung Alexander von Humboldts herausgestellt wird.

Ganz oft werden tatsächlich Sätze zitiert wie: "Jede Kolonialregierung ist eine Regierung des Misstrauens" - auch seine negativen Äußerungen zur Sklaverei. Das heißt, er taugt nicht unbedingt als Vorbild?

Interview

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Savoy: Das Ausrufen von Vorbildern muss immer sehr kritisch betrachtet werden. 1969 war das große Jahr von Napoleon Bonaparte. Das war wohl das Vorbild. Er ist in Deutschland genauso wie in Frankreich gefeiert worden - jetzt nicht mehr. Dafür aber Alexander von Humboldt. Wenn eine staatlich geförderte Erinnerungsfreude ausgerufen wird, muss man immer aufpassen. Es kann interessant sein, aber es kann Gründe haben, die nicht mit der historischen Wirklichkeit zu tun haben. Und die Idee, dass eine Gesellschaft sich ihre Vorbilder in der Vergangenheit suchen muss, und zwar möglichst weit weg in der Vergangenheit, kann einen auch skeptisch stimmen. Ich komme selber aus Frankreich, und ich weiß, wie oft Jeanne d’Arc zum Vorbild gemacht worden ist, manchmal von den Rechtsextremen, manchmal von den Linksextremen. Diese Idee des Vorbildes ist etwas, womit wir nicht unkritisch umgehen wollen. Deshalb geht es in dieser Ausstellung auf gar keinen Fall um die Frage: Vorbild - ja oder nein? Sondern es geht darum, Licht zu bringen in ein nicht sehr bekanntes Kapitel der deutschen Geschichte, das frühe 19. Jahrhundert.

Und dann in erster Linie aufzuklären. Das heißt also auch, zur Diskussion anzuregen?

Blankenstein: Wenn wir aufklären, dann ist es, indem wir Themen nebeneinander stellen, die nicht unbedingt nebeneinander gesehen werden. Das kann chronologisch sein: Wann ist eigentlich was passiert? Wir kommen bei den Brüdern Humboldt immer wieder darauf, dass es um Wissen geht, um Informationen, um Expertisen zu Fachgebieten. Das ist aber nicht nur die Wissenschaft - das ist auch die globale Wirtschaft und die Geopolitik. Wir haben als Protagonisten unserer Ausstellung zwei Experten, die sich in diesen verschiedenen Feldern immer wieder positionieren, immer wieder äußern. In der Ausstellung ist es dann unsere Aufgabe und Herausforderung, diese Felder nebeneinanderzustellen und die Bezüge dazwischen zu zeigen.

Am Beispiel welcher Objekte machen Sie diese verschiedenen Fragestellungen deutlich?

Buchtipp

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Savoy: Wir sind sehr glücklich und auch ein bisschen stolz darauf, dass wir für diese Ausstellung unerhörte Leihgaben bekommen haben: vom Papst aus den vatikanischen Sammlungen, von der Königin von England aus Windsor Castle. Es sind Objekte, die zum Teil ihren angestammten Ort nie verlassen haben, wie zum Beispiel ein Krokodil aus Marmor aus den vatikanischen Sammlungen. Mit diesem Objekt können wir zeigen, wie sich die Zeiten verbinden, die Antike und die Zeit um 1800, wie sich die Geografie zwischen dem Orinoco, wo Alexander von Humboldt echte Krokodile gesehen hatte, und Ägypten, wo dieses Krokodil porträtiert worden war, in einem Objekt versammelt. Damit machen wir auch klar, wie viel Objekte erzählen können. Ein anderes Beispiel ist das berühmte und fast nie gesehene Gaertner-Panorama über die Dächer von Berlin um 1830. Bevor ich ins Schwärmen komme, sagt David Blankenstein noch etwas dazu, der die beste Kenntnis weltweit all dieser Humboldt-Objekte hat.

Blankenstein: Das ist der Blick von einer gerade fertiggestellten Kirche im Zentrum des neuen Berlins über die Stadt. Die Besucher werden dort hereintreten können, sich einmal im Kreis drehen und das Berlin sehen, das man zum guten Teil auch heute noch so sehen kann. Das ist das Berlin der Brüder Humboldt, und es lädt ein zum Abgleich zum heutigen Berlin.

Das Interview führte Katja Weise

Alexander von Humboldt (links) und Wilhelm von Humboldt (Montage) © Privatsammlung / picture alliance / dpa

Die Humboldt-Brüder: Deutsche Kosmopoliten

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Das Deutsche Historische Museum in Berlin widmet sich in einer Ausstellung den Brüdern Wilhelm und Alexander von Humboldt. Ein Gespräch mit den Kuratoren Bénédicte Savoy und David Blankenstein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.11.2019 | 19:00 Uhr