Stand: 18.12.2018 14:38 Uhr

Wie nutzen die Menschen ihre Stadt?

von Agnes Bührig

Wie machen wir unsere Städte lebenswerter? Mit dieser Frage beschäftigt sich der dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl seit mehr als 40 Jahren. Dabei geht es ihm immer wieder um den Einfluss der Fortbewegungsmittel auf die Lebensqualität, und das heißt für Jan Gehl: Fahrradfahrern und Fußgängern Raum zu geben. Seiner Heimatstadt Kopenhagen hat er das bereits erfolgreich empfohlen. Im Literarischen Salon der Leibniz Universität Hannover stellte er seine Arbeitsweise vor.

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Luftaufnahme des Conti-Hochhauses in Hannover im Jahr 1953.

"In Zukunft" heißt die Veranstaltungsreihe - für Joachim Otte Ansporn, an die Zukunft der 1950er-Jahre im Städtebau zu erinnern. Der Salon-Moderator zitiert einen Artikel im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" von 1959, wo es heißt, dass Hannover, die einst behäbig, konventionell dahingluckende Provinzstadt zum Wallfahrtsziel von Architekten, Verkehrsingenieuren und ganzen Delegationen in- und ausländischer Städtebauer geworden sei:

"Der Text schildert unter anderem, wie das Hannover der Zukunft aussehen müsse. Er sprach von kreuzungsfreien Schnellstraßen, von riesigen Verkehrskreiseln, von aufgeständerten Hochstraßen und Unter-Pflaster-Bahnen. Heute, 1959, ist Hannover die einzige Stadt der Bundesrepublik mit einem System von Stadtautobahnen."

Stadtplanung aus der Vogelperspektive

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Jan Gehl wird auch als "Copenhagenizer" bezeichnet, weil seine Stadtplanungskonzepte in Kopenhagen besonders gut gelungen sind.

Jan Gehl knüpft an diese Zeit an: In den 1950er-Jahren studierte der heute 82-Jährige in Kopenhagen Architektur. Eine Zeit, die vom Modernismus geprägt war. Im Fokus stand der neue Mensch, die neue Wohnung, die neue Stadtplanung. Früher hatte man Städte um die Märkte herum gebaut, nun rückten die Gebäude in den Fokus. Der Mensch sollte es nicht weit haben zum Supermarkt, zum Arzt, in die Bibliothek - die Millionenvorstädte wuchsen aus dem Boden.

Im Studium wurde der Blick von oben vermittelt, sagt Jan Gehl: "Wir wurden darin geschult, gute Vertreter des Modernismus zu werden. Das bedeutete, dass wir Modelle und Objekte hatten, die wir verschoben. Uns wurde gesagt, du musst dich fünf Kilometer über den Modellen befinden, in einem Flugzeug, um das Modell anzupassen. Es ging um die Komposition, aber nicht darum, was da unten passierte. Denn das konnte man von da oben nicht sehen. Das wollte ich alles so machen - und dann heiratete ich eine Psychologin."

Beobachtungen über das Leben zwischen den Gebäuden

Eine private Entscheidung, die beruflich ihre Spuren hinterließ. Jan Gehl begann, sich aus der Überfliegerposition in die Straßenfluchten hinabzubegeben und das Verhalten der Menschen in der Stadt zu beobachten. Nicht zuletzt das sprühende Leben auf dem gigantischen Piazza del Campo, dem größten Platz von Siena, brachte ihn auf die Überlegung, dass Architektur auch etwas mit der Frage zu tun hat, wie schnell wir uns an ihr vorbeibewegen.

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Die Piazza del Campo beim Pferderennen Palio in Siena. Hier studierte Jan Gehl 1965 die Interaktion zwischen öffentlichem Raum und öffentlichem Leben.

"Als die Autos kamen, bekamen wir eine 60-Stundenkilometer-Architektur", erzählt Gehl. "Die Straßen mussten breit sein, die Wahrzeichen gigantisch. Details waren nicht wichtig, denn du kannst sie nicht erfassen, wenn du dich mit 60 Stundenkilometern durch die Stadt bewegst. Und dieses Tempo hat die Planung unserer modernen Städte stark beeinflusst. Sie sind nicht für spazierende Menschen gemacht, sondern für Menschen, die vorbeirauschen."

Wie nutzen die Menschen ihre Stadt?

Und dann zeigt Moderator Joachim Otte Videos von vorbeirauschenden Massen in Kopenhagen - auf dem Fahrrad: über Fahrradwege auf Stelzen durch Häuserschluchten, mit Kindern im eingeschneiten Lastenrad im Winter. 41 Prozent der Kopenhagener fahren in der dänischen Hauptstadt mit dem Fahrrad zur Arbeit, sagt Jan Gehl. Und auch Städte wie New York und Moskau hat er zum Umdenken in der Verkehrspolitik angeregt. Und wie könnte das in Hannover gehen, fragen einige Zuhörer aus dem Publikum am Ende.

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Kopenhagen ist mit seinen breiten Radwegen eine besonders fahrradfreundliche Stadt.

"So wie die Verkehrsingenieure alles über den Verkehr wissen und ihn verbessern, müssen wir untersuchen, wie Menschen die Stadt nutzen", erklärt Gehl. "Daraus müssen wir in eine Strategie machen mit klar definierten Zielen. Jede Stadt hat eine Verwaltung für Verkehrsplanung, aber keine Stadt hat eine Verwaltung für Menschen und öffentliche Räume."

Vor allem die Bilder von Straßen in New York oder Dubai - vor und nach einer Verkehrsberuhigung - regen einen an diesem Abend zum Nachdenken an. Daneben ist es die Geschichte eines Lebens, das mit kleinen Schritten deutliche Veränderungen im Städtebau mit angeschoben hat. Ein würdiger Jahresabschluss der Reihe "In Zukunft" des Literarischen Salons.

Der Architekt und Stadtplaner Jan Gehl im Portrait. © Jan Gehl/ Sandra Henningsson Foto: Sandra Henningsson

Jan Gehl im Literarischen Salon

NDR Kultur - Journal -

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Architekt und Stadtplaner Jan Gehl damit, wie Städte lebenwerter gestaltet werden können. Im Literarischen Salon stellte er seine Arbeitweise vor.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.12.2018 | 15:20 Uhr