Stand: 16.08.2019 18:10 Uhr

"Wir sind das größte Wohnzimmer der Stadt"

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Die Bücherhallen Hamburg sind mit jährlich 4,9 Millionen Besuchern die publikumsstärkste Kultureinrichtung Hamburgs.

Die Bücherhallen Hamburg sind der größte Kulturbetrieb in Hamburg, offiziell und ganz korrekt: Stiftung Hamburger Öffentliche Bücherhallen. Mit jetzt fast fünf Millionen Kunden im Jahr und rund 400 Mitarbeitern. An diesem Wochenende feiern sie das 100-jährige Stiftungsjubiläum. Damit geht auch die Amtszeit von Hella Schwemer-Martienßen zu Ende, die ein Vierteljahrhundert an der Spitze der Bücherhallen stand.

Frau Schwemer-Martienßen, viel hat sich verändert in den vergangenen 25 Jahren, auch die Bücherhallen. Dass das Bibliothekssystem in Hamburg zu den innovativsten gehört, ist auch Ihr Verdienst. Sie haben viele Dinge auf den Weg gebracht, aber es gab auch schmerzhafte Einschnitte. Wie wichtig sind Bücher überhaupt noch im Angebot der Bücherhallen?

Hella Schwemer-Martienßen: Bei uns in Hamburg sind die Bücher noch ein sehr wichtiges Informationsgut. Unsere Leser entleihen ungefähr 13 Millionen Exemplare pro Jahr. Das ist nicht nichts. Es gibt zwar Rückgänge zu verzeichnen, aber das liegt daran, dass heute alle medialen Formen gleichzeitig genutzt werden: alles, was es an Informationen im Internet gibt, eBooks, Datenbanksysteme und natürlich auch das gedruckte Buch. Das gedruckte Buch wird bleiben; insbesondere für Kinder werden Eltern auf dieses haptische Erlebnis nicht verzichten wollen. Und es ist ein Vertrauenssymbol - Bücher schaffen Vertrauen.

Trotzdem hat sich viel verändert, gerade wenn Kinder ins jugendliche Alter kommen. Wie würden Sie die Hauptaufgabe der Bücherhallen definieren?

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Lesen für alle: 100 Jahre Bücherhallen-Stiftung

Quelle für Lesestoff, Treffpunkt, Arbeitsraum: Die Hamburger Bücherhallen erfüllen viele Funktionen - seit 100 Jahren. Die Stiftung feiert das Jubiläum mit einem Aktionstag. mehr

Schwemer-Martienßen: Wir sind das größte Wohnzimmer der Stadt. Wir sind als Begegnungsort und als Diskursort immer offen, ein "dritter Ort" zwischen Familie, Schule, Berufsleben. Gerade in Norddeutschland - da sind ja noch nicht mal die Kirchen geöffnet. Es gibt keine offenen Orte mehr, die man zweckfrei nutzen kann. Und in diesem Kontext haben Bibliotheken, insbesondere öffentliche Bibliotheken, im Moment Hochkultur. Generationen von Bibliothekaren haben sich darüber beklagt, dass sie gute Arbeit leisten, aber dass ihre Einrichtungen ein schlechtes Image haben. Momentan schwimmen wir auf einer Welle der Befürwortung. Und das ist ein wunderbares Gefühl, mit dem ich aus meinem Berufsleben aussteigen kann, dass das Image der Bibliotheken so gut ist wie nie zuvor, weil man uns eben diese kommunikative Kompetenz zutraut, die Menschen der Stadtgesellschaft aneinander zu binden.

Das heißt, es gibt weniger Leser, aber mehr Nutzer?

Schwemer-Martienßen: Es gibt mehr Nutzer. Unsere aktiven Kundenzahlen und unsere Einnahmen steigen, obwohl weniger entliehen wird. Man identifiziert sich also mit dem Kultur- und Bildungsbetrieb Bibliothek. Er ist einfach eingemeindet, auch in den Köpfen der Stadt. Wir sind der kommunale Daseinsfürsorger schlechthin.

Trotzdem spielt das Lesen weiterhin eine wichtige Rolle. Gibt es denn auch konkrete Programme, um zum Lesen zu animieren?

Bücherregals in der Zentralbibliothek Hamburg. © dpa

Bücherhallen in der Zukunft

NDR 90,3 - Kulturjournal Spezial -

100 Jahre Bücherhallen-Stiftung: Das Kulturjournal Spezial spricht mit der langjährigen Chefin Hella Schwemer und ihrer Nachfolgerin Frauke Untiedt über die Bücherhallen in der Zukunft.

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Schwemer-Martienßen: Die Leseförderung ist immer noch eines unserer Schwergewichtsthemen. Neben der digitalen Mündigkeit ist die Leseförderung ein Hauptarbeitsfeld in allen öffentlichen Bibliotheken, egal ob es die Zentralbibliothek ist oder eine kleine Stadtteilbibliothek. Die Kinderbibliotheksarbeit eint alle Einrichtungen des öffentlichen Bibliothekswesens auf eine kongeniale Art und Weise. Wir machen in Hamburg ungefähr 20.000 Veranstaltungen in allen Stadtteilen - davon sind 18.000 Veranstaltungen Leseförderungen in Zusammenarbeit mit Schulen, Kitas und Vorschulen. Das ist nicht wegzudenken aus dem Dienstleistungsspektrum einer kommunalen Metropole wie Hamburg. Wir arbeiten ständig an neuen Formaten, weil wir sehen, dass das Buch Konkurrenz bekommen hat. Die haptische Begegnung mit dem Buch ist einfach unvergleichlich und soll erhalten bleiben - mindestens die nächsten hundert Jahre.

Sie standen immerhin 25 Jahre an der Spitze der Bücherhallen Hamburg. Wenn Sie zurückblicken: Gab es einen entscheidenden Moment für Sie in diesen 25 Jahren?

Schwemer-Martienßen: Es gab viele entscheidende Momente. Die Bücherhallen sind sehr stark geschrumpft; wir haben nur noch die Hälfte aller Standorte. Und nur noch elf Bibliotheken sind von den ursprünglich 59 Bibliotheken am gleichen Standort geblieben. Es hat also wahnsinnig viele Umwälzungen und Veränderungsprozesse gegeben. Das war teilweise tragisch, aber es war insgesamt, wenn ich das aus der heutigen Perspektive betrachte, auch heilsam, weil diese Einrichtung sich dadurch auf neue Füße gestellt und einen neuen Kopf bekommen hat. Das Kollegium denkt heute anders: Wir sind sehr kundenorientiert, wir arbeiten permanent an Verbesserungen und Veränderungen. Wir stellen uns dem, und es macht einfach Spaß, Dienstleister für die städtische Bevölkerung hier in Hamburg zu sein. Insgesamt habe ich eine positive Einschätzung dieser 25 Jahre, auch wenn es dazwischen nicht immer ganz leicht war.

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Die scheidende Bücherhallen-Chefin Hella Schwemer (r) übergibt ihr Amt an ihre Nachfolgerin Frauke Untiedt.

Sie träumen davon, die Bücherhallen auch sonntags zu öffnen - das ist Ihnen in Ihrer recht langen Amtszeit nicht gelungen. Ihrer Nachfolgerin Frauke Untiedt werden Sie das sicherlich mit auf den Weg geben. Haben Sie sonst für sie noch einen Rat?

Schwemer-Martienßen: Sie muss immer gute Laune haben - das hat sie. Sie muss sich vielleicht in der Bewegung etwas zurücknehmen, weil nicht alle so schnell sind. Man muss ja möglichst viele Menschen mitnehmen. Und sie muss Bündnispartner in Politik, im Kollegium, in Netzwerken und in verschiedenen Öffentlichkeiten finden. Wenn sie das alles schafft - und ich weiß, dass sie das schaffen wird, weil sie genau der Typus dafür ist -, dann wird sie dieses System erfolgreich führen. Ich werde von außen schauen, was sich hier verändert und werde immer ganz begeistert sein.

Das Interview führte Katja Weise

Die Bücherhallen am Hauptbahnhof © Elke Bonell Foto: Elke Bonell

"Wir sind das größte Wohnzimmer der Stadt"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Die Direktorin der Hamburger Bücherhallen Hella Schwemer-Martienßen über den Stellenwert der Hamburger Bücherhallen im heutigen Zeitalter.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.08.2019 | 19:00 Uhr