Stand: 13.12.2019 18:49 Uhr

Anne McElvoy über den Wahlsieg von Boris Johnson

Die Hoffnung, dass sich beim Thema EU-Austritt Großbritanniens alles doch noch zum Guten wenden wird, das ist nach dem unerwartet haushohen Wahlsieg des britischen Premierministers Boris Johnson erheblich zusammengeschrumpft. Die Journalistin Anne McElvoy beschäftigt sich intensiv mit dem politischen Geschehen in Großbritannien.

Frau McElvoy, als Sie vom sehr deutlichen Wahlsieg für Johnson und die Tories und den massiven Verlusten für die Labour-Partei gehört haben, war das für Sie ein großer Schock, oder hatten Sie es geahnt?

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Anne McElvoy arbeitet als Redakteurin für das Wochenmagazin "The Economist" und war auch Korrespondentin in Deutschland.

Anne McElvoy: Vor ein paar Wochen war ich in dem Wahlbezirk, wo ich großgeworden bin, in Nordostengland, eine Hochburg für Boris Johnson und die Konservativen. Da habe ich geahnt, dass es in diese Richtung geht und dass diese Mehrheit möglich wäre. Ich habe nicht erwartet, dass es dann so schlagartig kommt, dass Labour zusammenschrumpft. Ob man Boris Johnson mag oder nicht, ob man den Brexit bevorzugt oder nicht - man muss sagen, dass das ein konsequenter Sieg für ihn gewesen ist.

Da ist ein Politiker, der ganz offensichtlich lügt, der die Queen für seine politischen Ziele instrumentalisiert, der unliebsame Parteikollegen rauswirft, der das Parlament verhöhnt - und ausgerechnet so einer punktet bei seinen Landsleuten, die ihn mit überwältigender Mehrheit wiederwählen. Was ist da los in Großbritannien?

McElvoy: Das ist etwas karikaturenhaft, wie Sie ihn beschrieben haben. Boris Johnson hat sich mit dem Parlament auseinandergesetzt, weil er seinen Brexit-Deal nicht durchkriegen konnte. Es war auch kein guter Stil von Boris Johnson, dass er mit seinen eigenen Kollegen diesen großen Krach hatte, aber er hat ein Ziel im Auge gehabt: den Brexit durchzuziehen. Man ist in der Politik entweder konsequent oder nicht. Er hat das so bewerkstelligt, dass die Oppositionspartei kein richtiges Fundament in der Bevölkerung hatte - und das ist der Grund, warum er so deutlich gewonnen hat. Man kann sagen, dass er schickaniert hat, dass er hier und da eine Halbwahrheit oder eine Lüge erzählt hat - und das ist natürlich schlecht. Aber das ist nicht der Grund, warum die Wähler so stark für Boris Johnson gestimmt haben.

Großbritannien ist eine der ältesten Demokratien der Welt, immer stolz gewesen auf seine politischen Errungenschaften. Aber auch wenn Sie das jetzt etwas relativiert haben, scheint dort etwas massiv ins Wanken geraten zu sein. Man erkennt einen etwas krawalligeren Politikstil. Das hochemotionalisierte Brexit-Referendum, dieser ganze Nationalismus - was sind die Ursachen für all das?

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Die konservative Partei von Premierminister Boris Johnson hat bei der Parlamentswahl in Großbritannien die absolute Mehrheit errungen. Mehr im Liveblog bei tagesschau.de. extern

McElvoy: Ich streite ab, dass das Nationalismus ist - ich würde das anders formulieren. Der Grund ist, dass es eine Unzufriedenheit im Lande gibt. Die traditionelle Form der Politik ist gefährdet - nicht nur in Großbritannien. Der Charme der EU war für britische Bürger schon immer geringer. Das hat auch damit zu tun, dass die Sehnsucht nach Souveränität dort ausgeprägter ist in einer Zeit, wo in der Bevölkerung weitgehend Zweifel gegenüber den traditionellen Parteienstrukturen und Politikern entstehen. Sie können das pauschalisieren und sagen, das sei ein böser Nationalismus. Ich würde das nicht so abtun. Denn der Grund, warum Boris Johnson gewonnen hat, ist, weil er diese Stimmung besser verstanden hat als die anderen Parteien.

Gibt es jetzt, wo Johnson sein Ziel erreicht hat, die Hoffnung, dass er zu gemäßigteren Tönen zurückfindet, dass er in Zukunft zum Realpolitiker wird? Oder geht das, bestätigt durch diesen Wahlsieg, erst so richtig entfesselt los?

McElvoy: Es ist die Frage, ob er diese zwei Tendenzen kombinieren kann. Und das bringt uns zu der Frage, was für einen Brexit er jetzt durchziehen wird. Ich glaube nicht, dass das ein harter Brexit wird. Viele Wähler sind ehemalige Labour-Wähler, und sie wissen ganz genau, warum sie konservativ gewählt haben: Sie waren sehr unzufrieden, und jetzt erwarten sie viel von Boris Johnson. Das ist jetzt eine Herausforderung.

Stellen wir uns vor, Johnson hat Recht, und der Austritt aus der EU wird nicht so problematisch, wie manche befürchten. Mehr noch, Großbritannien stünde als Nicht-EU-Mitglied sogar besser da als zuvor. Ist so etwas realistisch?

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McElvoy: Alle haben gesagt, dass es keinen Deal mit der EU geben wird - und siehe da, es ist tatsächlich passiert. Das ist natürlich nur eine erste Stufe. Die zweite und wichtigste Stufe kommt im nächsten Jahr, wenn es um ein Handelsabkommen mit der EU gehen wird. Ich glaube, er wird versuchen, das mit der EU auszuhandeln. Es ist nicht so, dass dieser Druck nur von Boris Johnson kommt. Denn in Brüssel, in Berlin und teilweise auch in Paris sind die Töne heute ganz anders, weil ein harter Brexit weder für Großbritannien noch für die EU gut ist. Da müssen Boris Johnson, aber auch die EU Eingeständnisse machen. Es kann sein, dass es nach diesem sehr langen Weg - wenn nicht zu einem Happy End - wenigstens zu einem besseren Ende kommt, als es sich manche vorgestellt haben.

Die Labour-Partei von Jeremy Corbyn ist hart abgestraft worden. Er hat versucht, seine Partei nach links zu führen - offensichtlich nicht mit Erfolg. Was ist das für ein Signal für die SPD in Deutschland - muss die Ähnliches befürchten?

McElvoy: Das ist wirklich ein interessanter Vergleich, den Sie dort ziehen. Jeremy Corbyns Politik - das ist so eine Mischung aus der Linken und der SPD, aber vielmehr der Linken, die ich aus meiner Zeit in der ehemaligen DDR kenne. Es ist diese marxistische Unterlage und ein moderner Versuch, junge Wähler an sich zu ziehen. Das ist gescheitert - man kann das ja nicht als Erfolg beurteilen, was gestern Nacht in der Labour-Partei passiert ist. Aber ja, es gibt eine Warnung: Wenn man zu weit wegkommt von der Mitte, ist das ein großes Risiko. Das hat Corbyns Partei sehr geschadet.

Das Interview führte Janek Wiechers

Anne McElvoy © imago

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NDR Kultur - Journal Gespräch -

Die Partei des britischen Premierminister Boris Johnson hat bei der Parlamentswahl in Großbritannien mit großem Abstand gewonnen. Ein Gespräch mit der Journalistin Anne McElvoy.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.12.2019 | 19:00 Uhr