Stand: 07.04.2017 18:52 Uhr

Ein gespaltenes Land

von Ulrike Guérot

Die französische Kleptokratie hat in den vergangenen Jahren groteske Züge angenommen. Kaum eine Partei, die nicht eine Spendenaffäre am Stecken hätte, Minister, die Geld in Panama-Firmen angelegt oder dubiose Verquickungen von Staat und Großindustrie zu verantworten hätten. Nicht, dass das etwas Neues wäre, aber die Dimensionen haben sich geändert. Der Frust auf Seiten der Bevölkerung ist groß. Doch kann man überhaupt noch von Frust und Empörung sprechen? Eher scheint es, als hätte sich ein Land komplett von Politik abgewandt, mit Ausnahme eben jener oft jugendlichen Wähler, die jetzt im ebenfalls jungen Macron das letzte Fünkchen Hoffnung auf Änderung und vor allem Entstaubung der französischen Politik sehen. Viele sind längst still und heimlich abgewandert zu Marine Le Pen oder zu ihrer schönen und jungen Nichte, Marion Maréchal Le Pen, die vor allem im französischen Süden die vagabundierenden Wähler einsammelt, eben jene Wähler, die das Gefühl haben, ihnen ist ihr Frankreich abhandengekommen: die Grande Nation, die es schon lange nicht mehr gibt oder die France profonde, die man aus Louis De Funès-Filmen kennt, die aber heute eher zersiedelten Einöden gleicht.

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Wer unlängst einmal in Nîmes oder Arles, in Nantes oder Reims, in Pau, Grenoble oder Quimper war, braucht nicht lange, um den Verfall fast intuitiv zu erfassen: An fast jedem öffentlichen Gebäude ist sprichwörtlich der Lack ab. Frankreich hat unter der europäischen Sparpolitik der letzten Jahre, für die Deutschland eine große Mitverantwortung trägt, extrem gelitten; die Verwahrlosung des öffentlichen Raumes ist die Folge und zugleich das Gefühl, das Frankreich nicht mehr genug Geld für seine Bürger hat: im letzten Winter gab es bei einer Grippewelle nicht genug Impfstoffe; der Mangel an öffentlicher Versorgung dringt so vor fast bis in jede Familie und wird zum Tischgespräch. Auch den wirtschaftlichen Umbruch und radikale Reformschritte - so z.B. die sogenannten Lois Macron von 2015, eine Art französisches Harz-IV - haben viele nicht verkraftet. Es gab teilweise wochenlangen Widerstand. Die Nuits Debout-Bewegung im Frühjahr 2016 war eine Art Jugendaufstand gegen Sozialstaatsabbau; gleichzeitig fielen allein 2012/ 2013 rund 500.000 Industriearbeitsplätze den Arbeitsmarktreformen zum Opfer: die Prestige-trächtigen Renault-Werke wurden zugemacht. Durch Frankreich geht ein tiefer Riss.

Die Verhältnisse im Spiegel der Literatur

Literatur ist ein gutes Medium heute, um sich ein Bild von Frankreich zu machen. Da ist zunächst der zynische Roman von Michel Houellebec, der in einer plausiblen Parabel beschreibt, wie Frankreich es nicht schafft, sich der Muslimischen Bruderschaft zu erwehren. In "Le Retour à Reims" beschreibt Didier Eribon, wie seine Familie, ein Arbeiterhaushalt, fast vollständig von der Parti Communiste zum Front National abgewandert ist. Wo die kommunistische Partei den Stolz der französischen Arbeiterklasse nicht mehr wahren konnte, musste diese ihren in der Trikolore, der Fahne der Grande Nation suchen. Mühelos beherrscht Marine Le Pen die Rhetorik derjenigen, die sich kümmert.

Podcast NDR Kultur Gedanken zur Zeit © NDR

Ein gespaltenes Land

NDR Kultur -

Politisch-kulturelle Vermessungen vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich. Von Ulrike Guérot

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In "L’Insouciance" (auf Deutsch: die Zeit der Ruhelosen) beschreibt die 47-jährige französische Autorin Karin Tuil, die selbst aus einem Pariser Vorort stammt und einen tunesischen Migrationshintergrund hat, das Leben in der Banlieu, dort wo man als junger Beurre, als Franzose mit arabischen Wurzeln, oder als Schwarzer keine Chance hat, auch wenn man einen französischen Pass hat - und kontrastiert diese Romanfiguren mit der Schickeria der Champs Elysée und des französischen Luxus. Der Roman erfasst exakt jenes Zerrbild, jene Zerrissenheit, die die französische Gesellschaft heute ausmacht. Und genau diese Gesellschaft lässt sich heute eben gerne zerreiben, in Angstdiskurse treiben, in Diskurse von Überfremdung, gescheiterter Integrationspolitik und Islamisierung, ohne dass auszumachen wäre, wer hier moderierend und versöhnend eingreift. Frankreich hat keine "Islamkonferenz", keine Runden Tische, keine Integrationsbeauftragte, es flieht in den Patriotismus eines François Hollande, der den Kampf gegen den Terror zum Vorwand nimmt, die französische Gesellschaft zu einen.

Wie gelingt die Genesung?

Ungleich der deutschen Gesellschaft, die verhältnismäßig gut durch die Eurokrise gekommen ist und die jetzt über vielfältige NGOs, Stiftungen etc. die Zivilgesellschaft für Europa mobilisieren und hoffentlich bündeln kann, liegt der europäische Diskurs in Frankreich in der Brache und dies nicht erst seit kurzem. Im Grunde hat sich Frankreich seit 2005, als es mit "nein" gegen den Verfassungsvertrag gestimmt hat, mehr und mehr von Europa verabschiedet. Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, dass Frankreich momentan nicht auf den #pulseofeurope aufspringt. Für Frankreich ist es mit Europa lange vorbei, auch weil Frankreich die politische wie wirtschaftliche deutsche Übermacht in Europa nicht verkraftet hat.

Wird sich daran durch die Wahlen etwas verändern? Wohl kaum, und wenn doch, dann zumindest nicht schnell. Auch der politische und intellektuelle Austausch zwischen Deutschland und Frankreich wirkt seit geraumer Zeit wie eingefroren. Man kann nur hoffen, dass Emmanuel Macron, sollte er gewinnen, einen Stimmungswechsel bewirken kann. Und dass auf den Stimmungswechsel dann auch ein Politikwechsel erfolgen kann, sofern dieser Politikwechsel auf europäischer Ebene von deutscher Seite zugelassen wird. Mit einem "weiter-so" der EU, einer Fortsetzung des deutschen Europa kann Frankreich politisch nicht gesunden, ganz egal wie viel deutsch-französische Rhetorik vor allem mit Blick auf eine Sicherheitsunion derzeit an den Tag gelegt wird. Um das deutsch-französische Verhältnis und mithin Europa ist es auf absehbare Zeit nicht gut bestellt, fast unabhängig vom französischen Wahlausgang.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 09.04.2017 | 19:00 Uhr