Stand: 16.11.2018 16:46 Uhr

Was sagt Mode über unsere Gesellschaft aus?

von Barbara Vinken

Die "New York Times" hat kürzlich den "Tod des Dandys" und das "Zeitalter des Hässlichen" in der Mode ausgerufen - angesichts von klobigen Sneakers, unvorteilhaften Jogginghosen und allgegenwärtig nicht altersgemäßer Kleidung. Hauptsache bequem, das scheint die neue Devise zu sein. Latschen, wie sie in den 1980er-Jahren nur Grün-Alternative trugen, sind heute kaum wegzudenken aus dem Straßenbild. Und der Dresscode lautet meist: mega-casual. Was aber sagt diese Ästhetik der Mode heute aus - über uns und unsere Gesellschaft?

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Die Münchener Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken hat das Buch "Angezogen: Das Geheimnis der Mode" geschrieben.

Häufig wird beklagt, dass sich die meisten Leute nicht mehr anziehen und folglich nicht angezogen sind. Dass wir, gleichgültig gegen den Blick der Anderen, nur noch unsere eigene Bequemlichkeit, die strikteste Funktion unserer Kleider im Blick haben. Mit einem ästhetisch, sagen wir vorsichtig, nicht gerade überwältigenden Ergebnis: Nur noch wenige wissen - oder vielleicht sollte man lieber sagen, nur noch wenige interessiert -, was gutgeschnitten ist und sitzt. Sweatshirts, Jogginghosen, Leggings, Turnschuhe sind zur nicht unbedingt schmeichelnden Norm geworden. Das gibt unseren Städten einen oft ziemlich deprimierenden Anstrich. Generalsstabsmäßig für Wind, Wetter und Extremtemperaturen ausgerüstet, bewegen wir uns durch die Welt. Und in der Großstadt, mitten in der Zivilisation so, als wären wir im Fitnessstudio, in der wilden Wüste oder auf gefahrvoller Polarexpedition unterwegs. Den Anderen, die Passanten, haben wir dabei völlig aus dem Blick verloren.

Die Revolution der Kleider

Aber: Ist die pure Funktionalität, die reine Bequemlichkeit, die so unübersehbar aus unseren Kleidern spricht, weniger ein funktionaler als paradoxerweise ein ästhetischer Sprechakt? Ostentativ sagen wir den Anderen, das wir keinen Wert darauf legen, zu gefallen. Dass wir das nicht nötig haben.

Dieser Sprechakt hat Tradition. Er kommt mit der Moderne, die ich einmal um die Französische Revolution herum beginnen lasse, in Mode. Wie alles, so hat diese Revolution auch die Kleider revolutioniert. Trennten diese davor die Stände, dann danach die Geschlechter. Der moderne Mensch, und das war jetzt ein Mann, wollte modisch nie sein. Sein Stil liegt darin, jeden Stilwillen abzulehnen. Der moderne Mann zeigt mit seinen Kleidern, dass er Wichtigeres zu tun hat, als seine Gedanken auf das zu verschwenden, was er trägt. Kleider machen nicht mehr Leute, sondern selbst ist der Mann. Ein Geistesmensch, wie Nietzsche sagte. Oder doch jemand, der wie ein Geistesmensch aussehen will. Jemand, der nicht durch Farben und Federn, Samt und Seide - kurz, durch die Blume oder andere Ornamente spricht -, sondern schnörkellos nichts als sich selbst ausdrückt. Ein Stil, dessen Stilsicherheit darin liegt, sich zum Verschwinden zu bringen, nicht ins Auge zu fallen.

Der Anzug kommt in Mode

Das Kleidungsstück, das zum Inbegriff der Moderne und zum internationalen Erfolgsschlager wurde, weil es nichts als den Charakterkopf unterstreicht, war der Anzug. Der Anzug stellt Geist gegen Körper. Die Kunst der modernen Kleidung liegt darin, übersehbar zu werden, um die Persönlichkeit zu unterstreichen. Klar zu machen, dass es nicht auf den Schein - die schöne Oberfläche, die Kleider - sondern das Sein ankommt.

Der den Körper verdeckende Anzug setzt den Bürger damit vom waffentragenden, adeligen Mann ab. Der nämlich, sicher kein Geistesmensch, stellt in seinen Kleidern vor allen Dingen einen so fähigen wie schönen Körper aus, der geschmückt, verziert, ins rechte Licht gesetzt wird. Im bürgerlichen Zeitalter rückt nur noch die Frauenmode den Körper mehr oder weniger gekonnt ins Licht - und das dann auch nicht zum puren Vergnügen, sondern berechnend für den Heirats- oder Sexmarkt, auf dem es zur Sache geht. Mit dem bürgerlichen Zeitalter ist Frauenmode dann auch bisweilen als Hurenmode verschrien gewesen.

Die große männliche Entsagung

Der britische Psychoanalytiker John Carl Flügel hat den Anzug nicht so enthusiastisch wie Nietzsche begrüßt und den Umbruch, den die Französische Revolution in der Kleiderordnung mit sich brachte, witzig in einem Bonmot gefasst. Die große französische Revolution, die Great French Revolution führt zur großen männlichen Entsagung - the great male renunciation. Bis zur Revolution waren die Männer das schönere, das herausgeputzere, das prunkendere Geschlecht. Männer, Aristokraten, zeigten in ihren Kleidern Körper, nicht den verarbeiteten und vernutzten Körper der Bauern und Landarbeiter, sondern einen Körper, der zeugen, tanzen, fechten, reiten, jagen, laufen, Ball spielen und vor allen Dingen die Waffen führen kann. Ungehemmt zeigte man, was man hatte - und oft mehr, als man hatte. Man ließ den phallischen, mit Waffen ausgestatteten Körper durch seine Kleider, over-sexed und over-dressed, unmissverständlich sprechen. Kleider schmückten und feierten diesen Körper - und halfen bei der Formgebung durchaus nach. Das Korsett machte die Taille auch der Männer schlanker, die Schamkapsel unterstrich das Hervorragende des männlichen Geschlechtes, seine Gutbestücktheit. Zur Produktion dieses Körpers waren also Ballettmeister wie Schneider nötig.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 18.11.2018 | 19:00 Uhr