Stand: 04.09.2020 13:39 Uhr

Argentinien kämpft gegen Corona, Inflation und Rezession

von Peter Mücke

Blanke Not und miserable Organisation

Erst nach 80 Tagen erlaubte der Bürgermeister von Buenos Aires Familien, wenigstens am Sonntag mit den Kindern eine Runde im Park zu drehen. Erwachsene durften zum Joggen vor die Türe, zumindest mit Abstand und nur nach Einbruch der Dunkelheit - aber selbst das rief sofort eine regelrechte Protestkampagne der Peronisten auf den Plan. Denn die Parks, in denen man laufen kann, liegen in den besseren Vierteln - die Linkspopulisten witterten also eine Bevorzugung der "Chetos", der reichen Schnösel. Die Ausgangssperre wurde wieder angezogen. Erst nach 120 Tagen konnten sich die konservative Stadtregierung und die linke Regierung der Provinz Buenos Aires darauf einigen, wenigstens ein paar sportliche Aktivitäten wieder zuzulassen.

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Eine Reihe von Uhren steht in einem leeren Fabrikgebäude. Eine zeigerlose Uhr ist frontal zu sehen. © Roberto Agagliate / photocase.de Foto: Roberto Agagliate

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Da war es aber viel zu spät. Denn die Nerven und die Geduld der Menschen war nach monatelangem Hausarrest am Ende. Im Lauf der Zeit hatten immer mehr Menschen sich Passierscheine besorgt, Ausnahme-Genehmigungen, um auch unter den strengen Lockdown-Regeln das Haus wieder verlassen zu können.

Die Regierung hatte aber auch die Verhältnisse rund um die Hauptstadt völlig falsch eingeschätzt. Wo anderen Metropolen ein Speckgürtel gewachsen ist, ist Buenos Aires von einem Elendsgürtel umgeben. Verfallende Industrieanlagen, heruntergekommene Arbeiterviertel und neue Barackensiedlungen sind zu einem urbanen Dschungel verwachsen. An die Einhaltung der Distanzregeln ist hier nicht zu denken. Die Menschen leben dicht an dicht gedrängt und das ohne Rücklagen. Hier konnte sich niemand leisten, tage- oder wochenlang zu Hause zu bleiben. Die Menschen waren und sind auf Gelegenheitsjobs angewiesen oder zumindest auf die nächste Suppenküche. Fehlende Bildung, blanke Not und miserable Organisation bereiteten dem Virus hier den Weg. Rentner mussten stundenlang anstehen, um ihre Pension abzuheben. Natürlich allzu oft ohne Abstand. So begann die späte Ausbreitung von SARS-CoV2 in Argentinien.

Die Schwarz-Weiß-Malerei rächt sich

Die Strategie der Regierung dagegen ging nicht auf. Eilig hatte sie Feldlazarette aufgebaut, um die Krankenhäuser zu entlasten. Doch die leicht Erkrankten lehnen es ab, in diese Lazarette zu gehen, versuchten lieber, die Infektion zu Hause durchzustehen. Nicht nur aus Starrsinn oder Bequemlichkeit, sondern weil sie Angst hatten, dass ihnen die Hütte leergeräumt wird, während sie anderswo die Infektion auskurieren. Selbst als die Regierung ihnen Geld bot, um in diese Behelfsspitäler zu gehen, blieben die Lazarette leer. Die Planung ging also völlig am Bedarf vorbei.

Argentinien im Corona-Lockdown © picture alliance/ZUMA Press Foto: Roberto Almeida Aveledo
Die längste Quarantäne der Welt hat Argentinien nicht vor der Katastrophe bewahrt.

Gleichzeitig verschlief Argentinien die Chance, seine Testkapazitäten aufzustocken. Dazu hätte man die langen Wochen des Lockdowns nutzen können. Aber bis heute wird erbärmlich selten getestet.

Alle Warnzeichen wurden ignoriert. Mit ideologischer Verbissenheit blieb die Regierung dabei, die Kontaktsperren, der Lockdown, seien das einzige Mittel gegen die Pandemie. Nun rächt sich diese Schwarz-Weiß-Malerei, die auf Bedürfnisse der Menschen keine Rücksicht nahm. Vorsichtige Lockerungen, wie in anderen Ländern, hätten den Druck wohl lindern können. Doch stattdessen wurde das Durchhaltevermögen der Bevölkerung so lange beansprucht, bis sie ihre Lockerungen von unten durchsetzte und anfing, sich nicht mehr an die Regeln zu halten.

Das Erwachen wird schmerzhaft sein

Jetzt versucht Präsident Fernández zu beruhigen: Trotz des längsten Lockdowns der Welt sei die Wirtschaft schon wieder auf dem aufsteigenden Ast, die Industrieproduktion liege schon wieder auf dem Niveau vor der Krise. Dabei stützt er sich allerdings auf fragwürdige Daten. Die Realität dürfte wesentlich bitterer aussehen. Denn schon vor der Pandemie steckte Argentinien zwei Jahre in einer tiefen Rezession. Noch schlimmer: in einer strukturell bedingten Rezession. Die Pandemie kam jetzt noch dazu. Was für die Regierung den Vorteil hat, dass alle anderen Probleme erst einmal in den Hintergrund gerückt sind. Manche sind sogar im Pandemie-Stillstand zeitweise unsichtbar geworden. Zum Beispiel die Inflation, eines der Grundübel Argentiniens, die noch niemand dauerhaft in den Griff bekommen hat. Die Pandemie gab der Regierung den Anlass, alle möglichen Preise künstlich einzufrieren, sodass die Inflation gerade sensationell niedrig liegt. Ein Grund zur Freude ist das aber nicht. Das Erwachen wird schmerzhaft sein: Schon jetzt ist klar, dass viele Unternehmen die Rollläden auch nach dem Ende des Lockdowns nicht mehr hochziehen werden.

Argentinien wird zum Auswanderungsland

Die Botschaften sind überfordert, vor allem die Vertretung Italiens, weil immer mehr Argentinier sich ihrer Vorfahren erinnern und einen EU-Pass wollen. Argentinien wird zum Auswanderungsland.

Das Land hat versucht, früh und konsequent zu handeln. Doch das Timing war falsch, der extreme Frühstart hat die Krise nur verlängert. Andere Länder haben zögerlicher, unsicherer gehandelt als Argentinien. Doch die Entwicklung zeigt: Möglichst früh möglichst restriktiv ist auch keine Taktik, die dieses Virus sicher in die Schranken weist. Der längste Lockdown hat Argentinien nicht vor dem Virus bewahrt, aber er hat das Land noch tiefer in den Sumpf geritten.

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 06.09.2020 | 19:00 Uhr

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