Stand: 30.08.2020 10:15 Uhr

New York: Von der Stadt der Träume zur Stadt des Dramas

von Peter Mücke

Ein leerer Times Square, geschlossene Theater am Broadway, sinkende Aktienkurse an der Wall Street - auch das sonst so geschäftige und hektische New York ist während der Corona-Krise zur Ruhe gekommen. Auf den Intensivstationen der Stadt ringen Tausende Menschen mit dem Tod - und viele verlieren diesen Kampf. Es sind erschütternde Schicksale, die aus dem Melting Pot zu uns dringen - aus einer Stadt, die sonst vor Optimismus und Zuversicht strotzt. All das begleitet von Tweets eines Präsidenten, dessen Krisenmanagement mehr als fragwürdig ist - und der vor allem die von ihm ersehnte Wiederwahl im November im Blick hat.

Porträtbild des ARD-Korrespondenten Peter Mücke. © Radio Bremen Foto: Martin von Minden
Seit 1. Juli 2019 ist Peter Mücke Korrespondent im ARD-Hörfunkstudio New York.

Für mich sagt ein Satz so ziemlich alles über die Corona-Katastrophe in New York. Ausgesprochen hat ihn Andrew Cuomo, der Gouverneur des Bundesstaates New York, bei einer Pressekonferenz am 2. März. Tags zuvor war eine 39 Jahre alte Frau positiv auf das Virus getestet worden, die Ende Februar aus dem Iran kommend auf dem Flughafen JFK gelandet war. Der erste Corona-Fall in New York. Und Cuomo sagte diesen Satz, der mir bis heute nicht mehr aus dem Kopf geht: "Entschuldigen Sie unsere New Yorker Arroganz, aber - und da spreche ich auch für den Bürgermeister - wir haben das beste Gesundheitssystem auf dem Planeten hier in New York."

Der angesprochene Bürgermeister Bill de Blasio nickte eifrig. Auch, als Cuomo fortfuhr, dass es hier "gar nicht so schlimm werden wird wie anderswo auf der Welt". Die Beiden taten weiterhin so, als ginge sie das Virus nichts an, das in China und Europa bereits wütete.

Es fehlte an allem

Wenige Wochen später erinnerte dieses "beste Gesundheitssystem auf dem Planeten" eher an Zustände in den ärmsten Ländern der Welt. Kühl-Lkw fuhren in langen Reihen vor den Krankenhäusern vor, um der Leichen Herr zu werden, die jeden Tag zu Hunderten aus den Kliniken der Stadt geschleppt wurden. Nicht nur in den ärmeren Teilen der Stadt mussten Kranke stundenlang Schlange stehen, um überhaupt in ein Krankenhaus zu kommen, in denen es an allem fehlte: Betten, Personal, Tests, Masken, Desinfektionsmittel. In Parks und großen Hallen wurden Notlazarette eingerichtet.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die beiden Demokraten Cuomo und De Blasio längst in die Kriegsrhetorik geflüchtet, die der eigentlich verhasste Donald Trump im Weißen Haus vorgegeben hatte: New York, das "Epizentrum", attackiert von einem heimtückischen Virus - im heroischen Abwehrkampf gegen diesen Feind von außen. Immer bedacht darauf, den republikanischen Präsidenten nicht zu kritisieren. Denn der sollte schließlich noch ein Lazarettschiff der Armee und die dringend benötigen Beatmungsgeräte aus der Regierungsreserve schicken.

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Eine Chronologie des Versagens

Bis heute sind nach offiziellen Angaben rund 24.000 Menschen in New York City an Covid 19 gestorben - die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Gesundheitsexperten sind sich sicher: 50 bis 80 Prozent von ihnen hätten nicht sterben müssen, wenn die Verantwortlichen gleich Anfang März gehandelt hätten. Das New Yorker Krisenmanagement, es ist eine Chronologie des Versagens.

Sie beginnt mit jener Pressekonferenz am 2. März, in der Bürgermeister De Blasio auch sagte, dass er zwar nicht glaube, dass die erkrankte 39-jährige auf dem Flug ansteckend war, aber trotzdem alle Passagiere kontaktiert würden - was jedoch niemals passierte. Und in der Gouverneur Cuomo beschwichtigte, man sei seit dem ersten Tag dem Virus immer einen Schritt voraus gewesen. Wenige Wochen später wollte er davon nichts mehr wissen: Da wiederholte er beinahe täglich, er habe es satt, dass man dem Virus seit dem ersten Tag hinterherlaufe - um dann mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Auch Einäugige können eine Menge Schaden anrichten

Dass ausgerechnet dieser windige Cuomo, der sich zur besten Sendezeit von seinem eigenen Bruder auf CNN interviewen lässt und seine Töchter als Sidekicks für seine tägliche, im nationalen Fernsehen übertragene Pressekonferenz einspannt, später auch in den deutschen Medien als großer Krisenmanager gefeiert und sogar als demokratischer Präsidentschaftskandidat ins Spiel gebracht wird, gehört zu den tragikomischsten Auswüchsen dieser Krise - und ist wohl nur dadurch zu erklären, dass im Weißen Haus in Washington ein noch größerer Versager sitzt. So ist das mit den Einäugigen und den Blinden.

Doch auch Einäugige können eine Menge Schaden anrichten: So war es dieser Andrew Cuomo, der in den Jahren zuvor das öffentliche Krankenhaussystem in New York so kaputtgespart hat, dass im März 2020 plötzlich 30.000 Klinikbetten fehlten. Ziemlich genau die Anzahl, die zuvor seiner Rotstiftpolitik zum Opfer gefallen sind, unter der vor allem die Stadtteile zu leiden haben, in denen Afroamerikaner oder Hispanics leben, die sich die privaten Hightech-Krankenhäuser Manhattans nicht leisten können. Auch ein Grund dafür, dass besonders viele Menschen in Harlem, der Bronx und Teilen Queens und Brooklyns an Covid 19 gestorben sind.

Die Postleitzahl entscheidet über Leben und Tod

Der ZIP Code - die Postleitzahl - entscheidet in New York City über Leben und Tod. Wer das Geld hat, in den schicken Teilen Manhattans zu wohnen, der kann sich in den Privatkliniken um die Ecke Spitzenmedizin kaufen. Wenn er sie denn überhaupt braucht. Denn als das Virus so richtig in New York zuschlug, da waren viele von denen, die es sich leisten konnten, längst nicht mehr in der Stadt, sondern im Wochenendhaus in Long Island, am See in Vermont oder am Strand von Florida. Vermieter von Luxus-Ferienhäusern machten das Geschäft ihres Lebens. Geld spielt keine Rolle - Hauptsache raus aus der Stadt.

Und die anderen? Lebten weiter in den engen Sozialwohnungsblocks mit 30 und mehr Stockwerken und steckten sich gegenseitig in den Fahrstühlen an. Menschen, die ohnehin überdurchschnittlich viele Vorerkrankungen haben: Fettleibigkeit, Diabetes, Herz-Kreislaufprobleme. Da hat das Corona-Virus leichtes Spiel. Erst recht, wenn viele dieser Abgehängten keine Krankenversicherung haben. Es gibt Fälle, in denen Schwerkranke aus diesem Grund von Arztpraxen und Krankenhäusern abgewiesen wurden - im angeblich "besten Gesundheitssystem auf dem Planeten".

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 30.08.2020 | 19:00 Uhr

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