Stand: 24.07.2020 16:58 Uhr

Chinas Umgang mit Corona: Verschweigen, vertuschen, überwachen?

von Steffen Wurzel

Wuhan ist eine Elf-Millionen-Einwohner-Stadt im Osten Chinas - und viele Virologen gehen davon aus, dass sich das Coronavirus von hier aus in aller Welt ausbreitete. Die Führung in Peking warnte die Weltgesundheitsorganisation womöglich zu spät vor den Gefahren der neuartigen Infektionskrankheit. Nach außen versucht die Staats- und Parteispitze den Eindruck zu erwecken, sie habe alles im Griff. Nach innen sorgt das Regime dafür, dass Kritiker verstummen - und nutzt Corona als Steilvorlage dafür, die eigenen Machtinteressen durchzusetzen.

ARD-Korrespondent Steffen Wurzel. © Johannes Eisele Foto: Johannes Eisele
ARD-Korrespondent Steffen Wurzel

Die Volksrepublik China ist nach allem, was bisher bekannt ist, der Ausgangspunkt des Corona-Lungenvirus. Wer genau der so genannte "Patient Null" war, wann er oder sie sich wo angesteckt hat, ist unklar. Aber dank Recherchen der Tageszeitung "South China Morning Post", die in der Sonderverwaltungsregion Hongkong erscheint, lässt sich zumindest sagen: In Dokumenten der chinesischen Staats- und Parteiführung wird ein 55-jähriger Mann aus Wuhan in Zentralchina erwähnt, der bereits Mitte November an der damals noch unbekannten Atemwegskrankheit litt. Gut möglich, dass es sich bei ihm um den "Patienten Null" handelte.

Ob die Welt je erfahren wird, wann und wo das Virus genau entstanden ist, wo es möglicherweise vom Tier auf den Menschen übersprang, ist ungewiss. Das liegt nicht nur an der äußerst schwierig zu recherchierenden Sachlage an sich, sondern auch daran, dass die Kommunistische Führung in Peking keinesfalls die Kontrolle über eine entsprechende Aufklärungsarbeit verlieren will. Für Chinas Führung und die ihr untergeordneten Behörden ist alles rund um das Coronavirus eine hochpolitische Angelegenheit. Im Zweifel wird sie das tun, was sie immer gemacht hat in der 71-jährigen Geschichte der Volksrepublik: vertuschen und verfälschen. Damit ist es unwahrscheinlich, dass es je zu unabhängigen Erkenntnissen über Ursprung und Ausbreitung von Covid19 kommen wird.

Versäumnisse werden verschwiegen

Die chinesische Führung versucht seit Monaten intensiv, das Coronavirus-Narrativ zu steuern, und zwar weltweit. Die eigene Rolle soll in ein gutes Licht gerückt werden, das Krisenmanagement anderer Staaten - vor allem das westlicher Demokratien - wird dagegen möglichst schlecht dargestellt. In China geht diese Propaganda-Strategie inzwischen auch weitgehend auf. Die allesamt staatlich gesteuerten Medien verbreiten eine perfekt orchestrierte Heldengeschichte: Demnach hat das Coronavirus China zu Beginn des Jahres wie eine Naturkatastrophe aus dem Nichts kommend schwer getroffen. Durch den entschlossenen Kampf der Kommunistischen Partei um deren Generalsekretär und Staatschef Xi Jinping aber habe das Land in einer Art nationaler Kraftanstrengung das Virus in den Griff bekommen und so die Gefahr zunächst gebannt.

Mit keinem Wort erwähnen Festland-chinesische Medien, dass vor allem um den Jahreswechsel wertvolle Wochen im Kampf gegen das Lungenvirus verloren gingen. Es wird nicht über die Versäumnisse der Behörden in der Provinz Hubei, in deren Hauptstadt Wuhan und anderswo berichtet. Auch nicht über die zumindest fragwürdige Rolle der Weltgesundheitsorganisation WHO - oder darüber, dass untergeordnete chinesische Behörden schon früh den bestehenden Notfall-Mechanismus hätten auslösen können, wenn sie sich denn getraut hätten.

Mitdenken - eine Gefahr für das politische System

In den entscheidenden ersten Wochen der Virus-Krise hat der chinesische Staat auf allen Ebenen verschwiegen und vertuscht. Chinas Bevölkerung und der Rest der Welt wurde im Unklaren gelassen. Einer, der das ändern wollte, war Li Wenliang. An der tragischen Geschichte des Augenarztes aus Wuhan lässt sich gut erklären, wie Chinas Staatsführung mit unangenehmen Situationen umgeht:

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Li war Ende vergangenen Jahres einer der ersten Mediziner, die mit Erkenntnissen und Fragen zum damals noch namenlosen neuartigen Lungenvirus an die Öffentlichkeit gingen. Am 30. Dezember 2019, also gut sechs Wochen nach der Erkrankung des möglichen "Patienten Null", wurde Li erstmals aktiv - und zwar nach Hinweisen aus seinem beruflichen Umfeld. Er warnte weitere Kolleginnen und Kollegen in einer Chatgruppe vor den möglichen Gefahren des Virus. Der Leitung der Klinik, in der Li arbeitete, gefiel diese Eigeninitiative und dieses kritische Denken gar nicht. Seine Chefs bestellten Li ein und rügten ihn. Kurz darauf musste er auch bei der örtlichen Polizei vorsprechen. Der Mediziner habe haltlose Gerüchte verbreitet, so der Vorwurf. Der 34-Jährige wurde schließlich gezwungen, die Anschuldigungen gegen ihn zuzugeben und eine entsprechende polizeiliche Selbstbezichtigung zu unterschreiben.

In China sind solche staatlichen Einschüchterungsaktionen Alltag. Mitdenken, Fragen stellen, Dinge kritisch hinterfragen - aus Sicht der chinesischen Behörden wird aus solch einem zivilgesellschaftlichen Engagement schnell eine potentielle Gefahr für das diktatorische politische System; vor allem dann, wenn der oder die Handelnde die Öffentlichkeit sucht, so wie Li Wenliang das getan hat.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 26.07.2020 | 19:00 Uhr

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