Stand: 04.09.2020 13:39 Uhr

Argentinien kämpft gegen Corona, Inflation und Rezession

von Peter Mücke

Argentinien spricht schon von der längsten Quarantäne der Welt. Was nur leicht übertrieben ist. Schon am 20. März, bei nur 152 Corona-Infektionen im Land, wurde ein Lockdown verhängt. Lange sahen die Zahlen wesentlich besser aus, als in den Nachbarländern. Es ist aber nicht gelungen, Covid-19 im Schach zu halten. Im Juni grassierte das Virus in den Armenvierteln. Nach 100 Tagen mussten die Ausgangssperren in Buenos Aires sogar verschärft werden. Nicht einmal Spaziergänge sind erlaubt. Dabei kämpft Argentinien an zwei Fronten gleichzeitig: Schon vor der Pandemie beherrschten Rezession und Inflation das Land. Zusammen mit Corona könnte sich das zum perfekten Sturm entwickeln.

Ivo Marusczyk, Korrespondent in Buenos Aires. © Jens Müller Foto: Jens Müller
ARD Korrespondent Ivo Marusczyk berichtet aus Buenos Aires über das Geschehen in Südamerika.

So viel Schulterklopfen, das ist neu für Argentinien. Das Land, das für melancholische Tänze und Staatspleiten bekannt ist, stand ein paar Wochen lang als ehrgeiziger Musterschüler da. Als Vorbild für alle anderen Schwellenländer, vor allem für den Nachbarn Brasilien, der erratisch und chaotisch, ohne Konzept durch die Corona-Krise taumelt. Ganz anders dagegen Argentinien.

Die Regierung trat entschlossen und konsequent auf, verhängte ein striktes Kontaktverbot, eine "verpflichtende Abschottung", kaum dass die ersten Fälle der neuen Krankheit im Land festgestellt wurden. Kein Lockdown light wie in Deutschland, nein, eine Ausgangssperre, die diesen Namen verdiente. Alles dicht, keine Ausnahmen für den Weg zur Arbeit. Wochenlang stand Buenos Aires still, die Straßen gespenstisch leer, die Parks verwaist, die Läden verrammelt.

So früh, so hart hat kein anderes Land der Welt reagiert. Der linke Präsident Alberto Fernández, gerade einmal drei Monate im Amt, verhängte den Lockdown bereits am 20. März - praktisch zeitgleich mit den Kontaktbeschränkungen in Deutschland. Allerdings waren in Argentinien bis zu diesem Tag gerade einmal 152 Infektionen mit Sars-CoV2 festgestellt worden, Deutschland zählte da schon rund 20.000 Fälle.

Lange Zeit sah es gut aus

"Argentinien greift durch", lobten Fachleute, die Weltgesundheitsorganisation und die meisten Beobachter. Während andere zögerten oder dummdreist in die Welt posaunten, das Virus werde bald wundersamerweise verschwinden, handelte das Land am Rio de la Plata. Angesichts der Bilder aus Bergamo in Italien gab es keine Diskussion, auch wenn schon damals klar war, dass die Sperren in dem wirtschaftlich schwer angeschlagenen Land vielen den Ruin bringen würden. "Leben geht vor Wirtschaft", erklärte die Regierung dazu lapidar. Ende der Diskussion.

Argentinien im Corona-Lockdown © picture alliance/ZUMA Press Foto: Roberto Almeida Aveledo

AUDIO: Argentinien kämpft gegen Corona, Inflation und Rezession (10 Min)

Und die Argentinier, sonst berüchtigt dafür, Regeln kreativ und flexibel auszuhebeln und jedes Schlupfloch zu entdecken, blieben erstaunlich lang erstaunlich diszipliniert. Die Maskenpflicht, nicht nur in Läden und Bussen, sondern auch auf dem Bürgersteig, wird ruhig eingehalten. Maskenmuffel, die fruchtlose Diskussionen vom Zaun brechen, erlebt man hier nicht.

Lange Zeit sah es gut aus. In Brasilien wurden Massengräber ausgehoben, in Peru Särge aus Pappe gebaut, in Ecuador und Bolivien blieben Leichen auf den Straßen liegen. Argentinien hielt die Kurve dagegen flach, die Fallzahlen gering. Und bis heute sind die Regeln immer noch in Kraft. Mit einigen Lockerungen zwar, aber nach wie vor gilt die "verpflichtende Abschottung". Die Argentinier, die so stolz auf ihre Rekordleistungen sind, heften sich einen neuen Superlativ ans Revers: "Der längste Lockdown der Welt".

Die hinausgezögerte Katastrophe

Doch aus heutiger Sicht war all das umsonst. Der längste Lockdown der Welt hat nicht dazu geführt, das Argentinien verschont geblieben ist. Er hat das Virus nicht aufgehalten, nicht gestoppt - er hat die Kurve nur verzögert und weit in die Länge gezogen. Erst jetzt steigt die Kurve der neuen Infektionen steil an. Erst jetzt grassiert das Virus in den "Villas", den Elendsvierteln von Buenos Aires. Erst jetzt bricht die Pandemie sich in Argentinien richtig Bahn.

Während andere Länder offenbar den Beginn der zweiten Welle erleben, bricht über Argentinien gerade erst die erste Welle mit Macht herein. Mitte August überholte Argentinien Deutschland bei der Zahl der Infektionen, bei halb so vielen Einwohnern, Mitte September dürfte es auch mehr Tote zählen. Fast jeden Tag melden die Gesundheitsbehörden neue tragische Rekorde. Die Katastrophe ist da, mit dem langen Lockdown hat man ihre Ankunft nur hinausgezögert.

80 Tage Hausarrest

Natürlich ist man nachher immer schlauer. Doch die Fehler, die Argentinien auf seinem Weg durch die Pandemie gemacht hat, liegen auf der Hand. Das Scheitern war absehbar. Und der Preis wird hoch ausfallen. Wahrscheinlich zu hoch.

Jedem hätte klar sein müssen, dass eine strikte Ausgangssperre allenfalls ein paar Wochen durchzuhalten ist, aber nicht monatelang. Dass man die Zeit nutzen sollte, um andere Maßnahmen gegen die Pandemie auf den Weg zu bringen. Dass man aber irgendwann auch wieder lockern muss, zumindest an einigen Stellen. Um der gebeutelten Wirtschaft wieder auf die Beine zu halfen. Aber vor allem, damit die Menschen ein wenig durchatmen können.

In Argentinien brauchte man trotz relativ beruhigender Zahlen verblüffend lang für diese Erkenntnis. 80 Tage lang hielt man die Menschen in der Hauptstadt tatsächlich im Hausarrest. Nicht einmal ein Spaziergang an der frischen Luft war erlaubt, die Parks gesperrt. Um dem Lagerkoller zu entgehen, fingen viele "Porteños", viele Bewohner der Hauptstadt an, ihre Einkaufstaschen spazieren zu tragen - oder sie liehen sich Hunde von Freunden und Nachbarn aus. Gassigehen oder der Weg zum nächsten Supermarkt waren schließlich die einzigen erlaubten Gründe, das Haus zu verlassen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 06.09.2020 | 19:00 Uhr

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