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Wie Glaube und Vernunft zusammenpassen

Stand: 09.10.2020 14:39 Uhr

Zwischen dem achten und dem 13. Jahrhundert zählten die islamischen Gelehrten zu den bedeutendsten und fortschrittlichsten Wissenschaftlern der Welt. Heute scheinen Islam und Wissenschaft dagegen weit voneinander entfernt - zumindest, wenn man die Nobelpreise als Maßstab nimmt, die nur selten an muslimische Forscherinnen und Forscher vergeben werden. Dabei, so unser Gastkommentator Hasanat Ahmad von der Ahmadiyya Muslim Jamat, fordert der Koran sogar zu wissenschaftlichem Arbeiten auf.

von Hasanat Ahmad

Aufklärung: Beginn der wissenschaftlichen Blütezeit

Die vor ungefähr 300 Jahren einsetzende Aufklärung hat die gesamte Zivilisationsgeschichte Europas fundamental verändert und den Weg für rasanten Fortschritt in Wissenschaft, Technik, Kunst und politischer Kultur geebnet. Bestimmten im Mittelalter noch Aberglaube, unantastbare Dogmen und blinde Obrigkeitshörigkeit das Weltbild, so stellten die Vordenker der Aufklärung nun den Menschen als rationales Wesen in den Mittelpunkt, der kraft seiner Vernunft dazu fähig war, durch kritisches Hinterfragen zu neuen Erkenntnissen zu kommen.

Ob wir dabei die unrühmliche Rolle der sich auf das Christentum berufenden Kirche im Mittelalter betrachten oder das gleichermaßen verwerfliche Denken der sich auf den Islam berufenden Kleriker: Ihr Verhalten hat stets dafür gesorgt, dass viele Menschen den Glauben an sich als ein mit der Vernunft nicht zu vereinbarendes ideologisches Konstrukt betrachten, das bestenfalls dem Menschen Geborgenheit geben kann und, wenn es schlecht läuft, ihn zu barbarischem Handeln verleitet.

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Glaube und Vernunft: Passt das zusammen?

Dabei zeichnet der Islam in seiner natürlichen und ursprünglichen Form ein komplett anderes Bild vom Verhältnis des Glaubens zur Vernunft: Was der berühmte Leitspruch der Aufklärung "Sapere aude" besagt, den man nach Immanuel Kant mit "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen" übersetzen kann, findet sich mannigfach auch im Koran wieder.

So stellte etwa der berühmte Physiker Abdus Salam, der erste muslimische Nobelpreisträger für Physik, fest, dass "750 Verse des Koran, ungefähr ein Achtel des ganzen Buches, die Gläubigen dazu ermahnen, die Natur zu studieren, nachzudenken, den besten Gebrauch vom Verstand in ihrer Suche nach dem Letztendlichen zu machen und den Erwerb von Wissen und wissenschaftlicher Wahrnehmung zu einem Teil ihres gläubigen Lebens werden zu lassen."

So heißt es beispielsweise im Koran:

"In der Schöpfung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag sind in der Tat Zeichen für die Verständigen, die Allahs gedenken im Stehen und Sitzen und wenn sie auf der Seite liegen und nachsinnen über die Schöpfung der Himmel und der Erde…" (3:191-192)

Wissenserwerb: Eine Pflicht für alle Gläubigen

Neben dem Koran finden wir auch zahlreiche Aussagen des Propheten Muhammad (Friede sei auf ihm), in denen der über das Religiöse hinaus gehende Wissenserwerb zu einer Pflicht für alle gläubigen Frauen und Männer gemacht wird. Er rief die Menschen dazu auf, nach Wissen zu streben, sogar wenn sie für diesen Zweck bis nach China reisen müssten.

Der Koran ermutigt die Gläubigen nicht bloß zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur, sondern gibt an zahlreichen Stellen auch weitreichende inhaltliche Anstöße zu verschiedenen Wissensdisziplinen. Inspiriert von diesen Hinweisen haben im goldenen Zeitalter des Islam zahlreiche muslimische Wissenschaftler auf dem Gebiet der Mathematik, Astronomie, Medizin, Chemie, Philosophie und Geisteswissenschaften Entdeckungen gemacht, die unser modernes Verständnis der Welt nachhaltig geprägt haben.

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Gottes Wort und Gottes Werk

Die göttliche Offenbarung in Form des Koran gilt einem gläubigen Muslim als Gottes Wort, wohingegen das Universum mit allen seinen Facetten Gottes Werk darstellt. Wort und Werk gehen dabei Hand in Hand, statt etwa zwei gegeneinander konkurrierende Phänomene darzustellen. Wissenschaftliches Hinterfragen, Erforschen und Erkennen von Wahrheiten sind gewissermaßen ein urislamisches Prinzip, da der Mensch dabei mit seiner zwar stets beschränkten, aber dennoch erstaunlichen Fähigkeit des bewussten Nachdenkens dazu befähigt wurde, ein Verständnis für Gottes Schöpfung zu erhalten. Der Glaube hingegen kann als das Bestreben verstanden werden, das Wort Gottes zu verstehen, um inneren Frieden zu erlangen, wobei auch dafür der Gebrauch der Vernunft von essenzieller Bedeutung ist. Doch erst die Symbiose aus Vernunft und göttlicher Offenbarung erlaubt es dem Menschen aus islamischer Sicht, Rückschlüsse über die ewigen Wahrheiten zu machen, die der Natur zugrunde liegen.

Der goldenen Blütezeit in der islamischen Welt folgte eine Zeit der Dekadenz, auch auf dem Gebiet der Bildung und der Wissenschaften. Die islamische Welt sollte endlich aus ihrem Schlaf erwachen und den Wissenschaften die ihr gebührende Aufmerksamkeit widmen. An Inspirationen mangelt es jedenfalls nicht, wenn wir die islamischen Quellen, die großartigen muslimischen Wissenschaftler oder Anlässe wie die Bekanntgabe der Nobelpreise in der vergangenen Woche vor Augen führen!

Ein Koran auf Koranständer und einem Gebetsteppich in einer Moschee. © NDR Foto: Julius Matuschik

AUDIO: Wie Glaube und Vernunft zusammenpassen (5 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 09.10.2020 | 15:20 Uhr

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