Stand: 31.07.2020 08:36 Uhr

Türkischstämmige Vereine in Sorge: "Es geht um Leben und Tod"

von Jan Ehlert

Es war ein in Niedersachsen bis dahin einmaliger Schritt: Neun türkischstämmige Vereine hatten Anfang der Woche in Hannover zu einer Pressekonferenz eingeladen, um auf die steigende Zahl von Angriffen auf Menschen mit Migrationshintergrund aufmerksam zu machen. Anlass waren mehrere Angriffe in den vergangenen Tagen.

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Es war der 15. Juli dieses Jahres. Hamza Oguz und Emre Türk hatten in Hannover an einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Militärputsches in der Türkei aus dem Jahr 2016 teilgenommen. Auf dem Weg zu ihrem Auto wurden sie von mehreren Jugendlichen angesprochen, gefragt, ob sie Türken seien. "Ich habe mit 'ja' geantwortet und daraufhin kamen Beleidigungen, und sie haben direkt auf uns eingeschlagen, sehr brutal", berichtet Hamza Oguz. "Meinen Freund Emre Türk hat man auf dem Boden geworfen und auf ihn mit Stöcken eingeschlagen und eingetreten. Das war versuchter Totschlag."

Türk konnte sich befreien und die Polizei alarmieren, die einen der Täter festnehmen konnte, einen Anhänger der kurdischen Terrororganisation PKK. Hamza Oguz und Emre Türk mussten im Krankenhaus behandelt werden. Besonders besorgt sind sie wegen der Aggressivtät der Angreifer: "Ich bin hier geboren, bin seit fast 26 Jahren schon hier und es ist das erste Mal, dass ich mit so etwas konfrontiert bin", sagt Hamza Oguz. "Davor ist so etwas nie passiert. Man muss bedenken, das auch zwei Damen hätte treffen können, und es hätte auch letztendlich viel schlimmer ausgehen können."

"Man versucht, die Probleme auf eine Gruppe zu lenken"

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"Über diese aggressiv werdende Stimmung müssen wir Aufklärung leisten", findet Ali Ünlü.

Aber es sind nicht nur PKK-Anhänger. Ali Ünlü, Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, kurz DITIB, hat auch aus dem rechtsextremen Lager eine zunehmende Bedrohung türkischstämmiger Mitbürgerinnen und Mitbürger registriert. So erhielten mehrere Ladenbesitzer Drohbriefe mit Morddrohungen: "Über diese aggressiv werdende Stimmung müssen wir Aufklärung leisten, um sie auch der Gesamtgesellschaft zu schildern. Denn wenn in einem Land vor allem ökonomische Probleme auftreten, dann versucht man sie auf eine Gruppe zu lenken."

Und diese Gruppe seien leider oft türkische Muslime, so Ünlü: "Es gibt in Deutschland ein ungeschriebenes Gesetz: Ausländer gleich Türke gleich Muslim, also schlecht. Und das wollen wir nicht haben."

"Es wird uns alle angehen"

Gemeinsam mit acht anderen türkischstämmigen Vereinen ist die DITIB daher jetzt an die Öffentlichkeit gegangen. Zu den Unterzeichnern einer gemeinsamen Erklärung gehören dabei so unterschiedliche Vereine wie die Erdogan-nahe Islamische Gemeinschaft Milli Görüs, die Union Türkisch Islamischer Kulturvereine in Europa und der kemalistische Verein zur Förderung der Ideen Atatürks. Sie alle eint die Sorge um die Sicherheit und das Gefühl, dass Rassismus und Islamfeindlichkeit in Deutschland noch immer unterschätzt werde.

"Es geht um Leben und Tod, und jedesmal hören wir, dass es Einzeltäter seien, oder es werden andere Gründe gefunden. Statt zu sagen, dass das ein Problem in der Gesellschaft ist, das wir angehen müssen", so Ünlü.

Und zwar nicht allein. Das Vertrauensverhältnis zu Polizei und Sicherheitskräften sei gut, betont Ünlü. Ihnen sei bereits Unterstützung zugesagt worden. Doch auch die anderen Teile der Zivilgesellschaft seien gefordert, sagt er. Damit nicht nur türkischstämmige Menschen in Hannover und in Deutschland auch weiterhin ohne Angst leben können: "Es wird uns alle angehen. Der Oberbürgermeister heißt nicht mehr Meier oder Müller, sondern Onay. Es ist eine Gesellschaft, die sich durchmischt hat und ich hoffe, dass sie sich auch weiter durchmischt. Wir haben die Chance, sicher in die Zukunft zu gucken."

Ein Koran auf Koranständer und einem Gebetsteppich in einer Moschee. © NDR Foto: Julius Matuschik

Türkischstämmige Vereine in Sorge: "Es geht um Leben und Tod"

NDR Kultur - Freitagsforum -

Neun türkischstämmige Vereine haben auf die steigende Zahl von Angriffen auf Menschen mit Migrationshintergrund aufmerksam gemacht. Anlass waren mehrere Angriffe in den vergangenen Tagen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 31.07.2020 | 15:20 Uhr