Stand: 06.06.2019 17:39 Uhr

Therapie für Muslime

von Ita Niehaus

Vielen Menschen fällt es schwer, anderen zu erzählen, dass sie eine Psychotherapie machen. Das geht auch den meisten Muslimen so. Es ist für viele immer noch ein Tabuthema. Dabei kann eine Therapie oft helfen. Nicht nur bei Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen, auch bei Beziehungskonflikten, Problemen im Job oder in schwierigen Lebenssituationen. Inzwischen gibt es auch einige muslimische Therapeuten.

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Vielen Muslimen fällt es leichter, mit einem muslimischen Theraputen zu sprechen.

Regelmäßig besucht Ceylan Yilmaz, 32 Jahre alt, schlank und in Jeans, den muslimischen Therapeuten. Ihren richtigen Namen möchte die selbstbewusste junge Speditionskauffrau nicht nennen. Yilmaz lebt mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann in einer kleinen Stadt. Sie will besser Familie, Beruf und Partnerschaft unter einen Hut bekommen: "Wie manage ich das alles, wie kann ich meinen Mann da mit ins Boot holen? Natürlich gibt es die beste Freundin oder die Mutter - aber man kann nicht alles erzählen."

Bewusst hat sich Yilmaz für einen muslimischen Therapeuten entschieden: "Es gibt vieles bei uns Muslimen, wo ein nichtmuslimischer Therapeut vielleicht nicht ganz verstehen würde, warum das so ist. Der muslimische Therapeut kennt unsere Religion, unsere Tradition - das ist viel einfacher."

"Wir genießen ein gewisses Vertrauen"

Ibrahim Rüschoff ist vor vielen Jahren zum Islam konvertiert. Der Psychiater führt die Praxis gemeinsam mit seiner Frau Malika Laabdallaoui, einer Paar- und Familientherapeutin. Hauptsächlich kommen muslimische Frauen zu ihnen. Einige sind sehr fromm, andere weniger religiös. Sie haben Probleme mit dem Partner, der Familie oder bei der Arbeit. Viele leiden an Ängsten oder Depressionen. "Letztendlich machen wir nichts anderes als andere Therapeuten auch", erklärt Rüschoff.

Das heißt, sie arbeiten gezielt in Gesprächen heraus, was zum Beispiel hinter den Beziehungskonflikten steckt und stellen gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten Weichen, um Verhaltensmuster zu verändern. Der gemeinsame Glaube spielt keine entscheidende Rolle, er trägt aber unter anderem dazu bei, Berührungsängste abzubauen. "Das ist für uns leichter, weil wir da ein gewisses Vertrauen genießen", sagt Rüschoff. "Wenn ich fragen würde: Haben Sie mal überlegt, Ihr Kopftuch abzusetzen? Dann würde sie nicht gleich denken, dass ich ihr das Kopftuch wegdiskutieren will. Das denkt sie bei nichtmuslimischen Therapeuten möglicherweise sehr schnell, ja."

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Therapie für Muslime

Für die meisten Menschen ist eine Psychotherapie immer noch ein Tabuthema - dabei kann sie oft helfen. Vielen Muslimen fällt es leichter, mit einem muslimischen Theraputen zu sprechen. Audio (04:51 min)

Der Koran als Hilfsmittel

Immer wieder kommt es vor, dass Patienten sich Sorgen machen, ob das, was sie tun, auch aus religiöser Sicht erlaubt ist, hat Rüschoff festgestellt. Und es gebe durchaus Themen, mit denen sich gerade Muslime auseinandersetzen: das ausgeprägte Rollendenken etwa oder die starke Bindung an die Familie. Es falle vielen nicht leicht, sich von den Eltern zu lösen. Ein Grund: Manche Erwartungen, wie zum Beispiel der Gehorsam gegenüber Vater und Mutter, werden religiös begründet. In der Therapie geht es daher oft darum, zu lernen, Grenzen zu setzen, sagt Malika Laabdallaoui: "Dann heißt es: 'Wie? Ich kann doch nicht meinem Mann oder meinen Eltern solche Grenzen setzen.' Ich nutze dann die Religion, um den Patienten diese Schuldgefühle zu nehmen. Weil etwas, das kulturell geprägt ist, oder traditionell ist, das kann man ändern. Aber nicht etwas, was religiös ist."

Das wichtigste Ziel: Die Patienten sollen zu einem inneren Gleichgewicht finden und ihr Leben selbstbestimmt führen können. Auch Ibrahim Rüschoff hat die Erfahrung gemacht, dass Beispiele aus dem Koran diesen Prozess unterstützen können: "Die erste Frau des Propheten ist eine extrem selbstständige Frau gewesen, die ihn gefragt hat, ob er sie heiratet - das ist ein Vorbild für alle Frauen. Das macht Mut."

Ceylan Yilmaz hat sich auf den Weg gemacht und erprobt neues Verhalten im Familienalltag. Sie hat unter anderem gelernt, Verantwortung an ihren Mann abzugeben: "Ich war diejenige, die alles gemacht hat, aber ich bin viel lockerer geworden und sage jetzt: 'Nein, mach du mal'. Oder wir machen das zusammen. Das ist auf jeden Fall viel besser geworden."

Dieses Thema im Programm:

Freitagsforum | 07.06.2019 | 15:20 Uhr