Stand: 22.02.2017 16:41 Uhr

Religionslehrer als Teilzeit-Imame

Die Debatte um muslimische Geistliche

Es wird viel diskutiert über DITIB in der Krise, über die Forderung, sich von Ankara zu lösen und auf türkische Imame zu verzichten. Eine entscheidende Rolle sollen dabei die fünf deutschen Zentren für Islamische Theologie spielen - mit der Ausbildung von Religionslehrern, Imamen und Theologen. Die zentrale Frage dabei: Ist das überhaupt machbar?

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Ein Beitrag von Mouhanad Khorchide

Der Beruf des Imam ist nicht gerade ein Traumjob für junge Menschen, die hier in Deutschland Abitur gemacht und danach fünf Jahre lang Islamische Theologie studiert haben. Von unseren rund 800 Studierenden am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster ist es gerade mal eine Handvoll Studenten, die darüber nachdenkt, Imam zu werden.

Dringend gesucht: Imame aus Deutschland

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Fast alle muslimischen Geistlichen, die hier in Moscheegemeinden arbeiten, kommen aus dem Ausland, vor allem aus der Türkei.

Über eines sind wir uns dennoch alle einig: Wir brauchen dringend Imame, die in Deutschland ausgebildet sind. Muslimische Geistliche, die die Lebenswirklichkeit der Menschen hier gut kennen, theologisch wie pädagogisch gut geschult sind und die vor allem einen offenen Islam vertreten. Bislang wurde laut darüber nachgedacht, die vorhandenen Imame in der Schule als Religionslehrer einzusetzen. Den meisten fehlen dafür jedoch die notwendigen sprachlichen und pädagogischen Voraussetzungen.

Islamische Theologie in Deutschland

Seit dem Wintersemester 2011/2012 fördert die Bundesregierung den Aufbau von fünf Zentren für Islamische Theologie an den Hochschulen. Eines von ihnen: das Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) Münster. Rund 2.000 Studenten sind inzwischen bundesweit in die Bachelor- und Masterstudiengänge eingeschrieben. Viele von ihnen möchten Religionslehrer werden, islamische Seelsorger, Sozialarbeiter oder Wissenschaftler. Nur wenige jedoch möchten später als Imam in einer Moscheegemeinde arbeiten. Ein Grund: es ist ungeklärt, wie die in Deutschland ausgebildeten Theologen bezahlt werden sollen.

Mein Vorschlag: Statt die Moschee in die Schule zu bringen, warum nicht umgekehrt, die Schule in die Moschee? Wer könnte für diesen Job besser qualifiziert sein als die Religionslehrer selbst? Sie arbeiten an den Schulen und haben dadurch einen guten Zugang zu jungen Muslimen und deren Lebenswirklichkeit. Sie unterrichten in deutscher Sprache nicht nur Islam, sondern in der Regel ein zweites, manchmal sogar ein drittes Fach. Sie sind also in der Schule gut integriert, mit den Gepflogenheiten der deutschen Mehrheitsgesellschaft gut vertraut. Und durch ihr Studium verfügen sie über die notwendige fachliche und pädagogische Expertise, um am Freitag eine Predigt zu halten und eventuell am Wochenende den Religionsunterricht in der Moschee zu organisieren, sowie einige Aufgaben in der Gemeinde zu übernehmen. Auch Religionslehrerinnen können sich im Bereich der Seelsorge und Gemeindearbeit aktiv einbringen.

Die Politik ist gefragt

Um dies allerdings in die Praxis umzusetzen, braucht es einen starken politischen Willen und die Bereitschaft, neue Konzepte zu erproben. Im Moment hört man lediglich immer wieder die Aufforderung, Imame sollten nicht aus dem Ausland kommen. Solange aber die Politik nicht ernsthaft über Maßnahmen nachdenkt, wie die Imame aus dem Ausland durch hier ausgebildete Imame ersetzt werden können, wird es bei dieser Aufforderung bleiben. Man wird auch weiterhin auf das Ausland angewiesen sein, um die Imame zu finanzieren.

Über den Autor

Mouhanad Khorchide, geboren 1971 im Libanon, ist Leiter des Zentrums für Islamische Theologie und Professor für Islamische Religionspädagogik an der Wilhelms-Universität Münster. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter eines zeitgenössischen, liberalen Islam im deutschsprachigen Raum.
Bekannt wurde er u.a. als Autor des Buches "Islam ist Barmherzigkeit: Grundzüge einer modernen Religion" (Herder 2012). Eine seiner letzten Veröffentlichungen: "Ist der Islam noch zu retten? Eine Streitschrift in 95 Thesen", Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide (Autoren), Droemer Knaur 2017

Die in Deutschland ausgebildeten Religionslehrer sind hingegen durch den Beruf des Lehrers finanziell abgesichert und sozialversichert. Sie müssten nur für wenige Stunden abgeordnet werden, um in der Moschee als Imam oder Seelsorgerin in Teilzeit zu arbeiten. Vor allem sind sie aber von Weisungen aus dem Ausland unabhängig. Dies sollte auch im Sinne der Moscheegemeinden selbst sein. Denn junge Muslime haben immer weniger Bezug zu den Gemeinden, weil sie sich dort kaum angesprochen fühlen. Durch den Einsatz von Religionslehrern würde sich die Situation verändern.

Mouhanad Khorchide © WWU / Peter Grewer

Das Freitagsforum zum Nachhören

NDR Kultur -

Wir brauchen dringend mehr Imame, die in Deutschland ausgebildet sind, sagt Mouhanad Khorchide. Und er hat auch einen Idee, wie man das erreichen kann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 24.02.2017 | 15:20 Uhr