Stand: 21.12.2017 18:26 Uhr Archiv

Reformer des Islam? Die Ahmadiyya-Gemeinschaft

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat setzt sich für einen friedlichen Islam und für Integration ein. Die Gemeinschaft ist jedoch auch umstritten. In vielen islamisch geprägten Ländern werden die Ahmadis bis heute oft als Anhänger einer Sekte diskriminiert und verfolgt. In Deutschland dagegen genießt die Ahmadiyya-Gemeinschaft in Hamburg und Hessen den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Einen Status, der bislang anderen muslimischen Gemeinschaften verwehrt wird.

Von Michael Hollenbach

In der Sami-Moschee im Norden Hannovers sind rund 50 Ahmadis zum Freitagsgebet zusammengekommen. Munawar Hussain Toor stammt wie die meisten Ahmadis aus Pakistan. Der Imam erläutert das Besondere seiner islamischen Gemeinschaft: "Wir glauben, dass der Reformer schon gekommen ist, und alle anderen Muslime warten noch auf einen Reformer."

Die Ahmadiyya

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ, Jamaat = Gemeinschaft) ist als Reformbewegung aus dem Islam hervorgegangen. Sie entstand Ende des 19. Jahrhunderts in Nordindien. Gegründet wurde sie von Mirza Ghulam Ahmad, der sich selbst als Prophet verstand. In vielen islamischen Ländern werden seine Anhänger bis heute von Sunniten und Schiiten als Ungläubige betrachtet und ausgegrenzt, teilweise sogar verfolgt. Die AMJ ist international tätig, betreibt Mission und unterhält eigene Moscheen. Geleitet wird sie von einem Kalifen, der in London lebt und auf Lebenszeit gewählt ist. In Deutschland gibt es derzeit etwa 35.000 Ahmadis. Seit 2013 ist die AMJ in Hessen als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt, seit 2014 auch in Hamburg.

Der Reformer Mirza Ghulam Ahmad ist nicht nur der Namensgeber; er hat eine herausragende Stellung für seine Religionsgemeinschaft, sagt der Hamburger Ahmadi Sami Khokhar: "Der Gründer bezeichnet sich als verheißender Messias. Wie Jesus zu Moses, so stellt sich der Gründer unserer Gemeinde zu dem Propheten Mohammed. Wir sagen, dass der Messias, an den wir glauben, die Wiederkunft von Jesus ist."

Ein Kalif als Mohammed-Nachfolger

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wird die Gemeinschaft, die weltweit rund zwölf Millionen Mitglieder hat, durch einen geistlichen Führer geleitet. Kalif Mirza Masroor Ahmad, der in London lebt, ist der fünfte Nachfolger des Messias der Ahmadis. Weltweit werden in allen Moscheen der Gemeinschaft beim Freitagsgebet die Predigten des Kalifen vorgetragen. Auch Abdullah Wagishauser, Vorsitzender der Ahmadiyya-Gemeinschaft in Deutschland, betont die klare religiöse Ausrichtung auf den Kalifen: "Vielleicht vergleichbar mit der katholischen Kirche - dem Papst. Der Kalif ist verbindend für alle Muslime, und alle haben zu ihm eine mehr oder weniger persönliche Beziehung. Und das ist einmalig in der islamischen Welt."

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"Ein Kalif, ein lebender Meister, der sich in der Mohammed-Nachfolge sieht, ist für einen normalen Muslim völlig inakzeptabel", sagt Friedmann Eißler, Islam-Experte der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Die meisten Muslime seien überzeugt: Nach Mohammed könne es keinen anderen Propheten mehr geben. Die Islamische Weltliga hat die Ahmadis 1974  als Ungläubige verdammt. Doch gerade die hierarchische Struktur, eine gewisse Transparenz und die Tatsache, dass es die Ahmadis schon seit fast 100 Jahren in Deutschland gibt, hat der Gemeinschaft dazu verholfen, dass sie in Hamburg und Hessen als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt wurde. Nach außen präsentieren sich die Ahmadis gern als Reformer: "Sie verstehen sich als Reform des Islam durch den verheißenden Messias", erklärt Eißler. "Dieser Begriff von Reform hat nichts mit dem zu tun, was wir als Reform verstehen, also modernere oder liberale Auslegungen."

Umstrittene Position der Frauen

Die Selbsteinschätzung von Abdullah Wagishauser - "Wir sind liberal, aber wertekonservativ" - kann Friedmann Eißler nicht nachvollziehen, denn die Positionen der Ahmadis seien selten liberal. Zum Beispiel wenn es um das Thema Frauen geht. Der hannoversche Imam Munawar Hussain Toor: "Es ist so, dass Frauen und Männer getrennt beten, damit man während des Gebets hundert Prozent Konzentration zu Gott hat. Das ist die Natur des Menschen: Wenn eine Frau vorne steht, lenkt das ab."

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Die Frauen der Gemeinschaft weigern sich in der Regel, Männern die Hand zu geben; das Kopftuch wird als ein göttliches Gesetz gesehen, die Polygamie verteidigt.

Eine moderne Variante des Islam?

Die zentrale Botschaft, die man in allen Moscheen der Ahmadis wiederfindet, lautet: Liebe für alle, Hass für keinen. Doch zugleich machen die Ahmadis deutlich, so Friedmann Eißler, dass die Grundlage ihres Glaubens nur der Koran sei, den man nicht interpretieren dürfe: "Es sollen nach 300 Jahren alle anderen Religionen überwunden sein. Es wird vom Endsieg des Islam gesprochen und es wird in militanten Bildern darauf hingewiesen, dass der Islam die einzige Religion ist, die überleben wird."

Abdullah Wagishauser sieht seine Gemeinschaft dagegen eher als eine moderne Variante des Islam: "Ich glaube, dass andere islamische Gemeinden nicht diese Botschaft haben, dass der Islam eine Religion ist, die ein wahnsinniges Friedenspotential hat und eine Religion ist, die auch Antworten auf die Fragen der heutigen Zeit hat."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 22.12.2017 | 15:20 Uhr