Stand: 01.09.2016 19:33 Uhr  | Archiv

Radikalisierung durch Gesang

Warum radikalisieren sich Jugendliche und wollen, scheinbar von heute auf morgen, in den Dschihad ziehen? Sicher ist: Das Internet und die sozialen Medien spielen eine entscheidende Rolle. Auch Musik kann dazu beitragen, dass junge Männer und Frauen in die islamistische Szene abgleiten. Genauer gesagt: Gesänge, sogenannte Naschids, die mehr oder weniger direkt zum gewaltsamen Dschihad aufrufen.

Von Sahar Nadi

Pferdegewieher in einem Musikstück: Wer als radikaler Islamist keine Instrumente nutzen darf, findet eben andere Wege, Akzente zu setzen. Marschierende Soldaten, ein widerhallender Männerchor, explodierende Sprengsätze und immer wieder Pferdegetrappel: Viele dschihadistische Naschids sind untermalt von einem akustischen Kriegsschauplatz. Auch wenn es inhaltlich kaum passt: In einem Lied geht es zum Beispiel um den Nahostkonflikt. Ein palästinensischer Junge wehrt sich mit Steinen gegen bewaffnete israelische Sicherheitsleute.

Wie gefährlich sind islamistische Naschids?

Dabei sind "Naschids" eigentlich nur eine recht harmlose gesungene Form der arabischen Dichtung, entstanden aus sufischer Tradition. "In den 70er-Jahren vollzog sich ein Wandel", erzählt der Islamwissenschaftler Behnam Said. "Die islamistische Bewegung, insbesondere in Syrien und Ägypten, wurde immer stärker, hauptsächlich inspiriert von der Moslembruderschaft und noch radikaleren Ablegern. Und man suchte damals offensichtlich nach einem Mittel, wie die Ideologie, die man vertrat, an den Mann zu bringen war. Und stieß dann auf das Mittel der Gesänge."

Buchtipps

Behnam Said hat das gefährliche Pop-Phänomen erforscht und die Ergebnisse in einem Buch zusammengefasst:

  • Behnam T. Said, "Hymnen des Jihads. Naschids im Kontext jihadistischer Mobilisierung", Ergon-Verlag 2016, 361 Seiten, 48,00 Euro
Weitere Bücher zur Islamistischen Radikalisierung:
  • Dominic Musa Schmitz, "Ich war ein Salafist: Meine Zeit in der islamistischen Parallelwelt", Econ Verlag 2016, 18,00 Euro
  • Ahmad Mansour, "Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen", Fischer 2015, 19,99 Euro

Das Ziel: Kämpfer mobilisieren

Behnam Said ist ein Experte, wenn es um dschihadistische Naschids geht. Seine Doktorarbeit zu diesem Thema trägt den Titel "Hymnen des Jihads" - und von diesen hat er unzählige untersucht, so wie auch ihre besondere Symbolik. "Man möchte letztendlich eine Art Ritter des Ur-Islam sein", erklärt Said. "Und das führt dann zu dieser anachronistischen Wortwahl in einigen dschihadistischen Gedichten, wo es um Pferde geht, wo es um Schwerter geht, die gezogen werden. Wobei man natürlich ganz klar modernes Waffenarsenal verwendet. Allerdings wird auch teilweise darüber gesungen, wenn es darum geht, dass einem die Kugeln um die Ohren pfeifen, aber man die Ruhe bewahrt. Oder, dass man schon den Gürtel umgeschnallt hat, womit der Sprengstoffgürtel gemeint ist."

Die Gesänge, von denen der Mann vom Hamburger Verfassungsschutz spricht, haben vor allem ein Ziel: Sie sollen weltweit Kämpfer mobilisieren. Für die Sache der Islamisten, für den revolutionären, gewaltorientierten Dschihad. "Die absolute Minderheit derer, die sich angesprochen fühlen vom Dschihadismus, haben tatsächlich die großen Abhandlungen der dschihadistischen Theoretiker gelesen. Den Zugang zur Szene finden die allermeisten über emotionale Wege. Sei es über eine Freundesgruppe oder über die dschihadistische Kultur, die ihnen angeboten wird. Und zu dieser Kultur tragen auch Lieder bei."

Das Spiel mit den Emotionen

Das mache die dschihadistischen Kampflieder vor allem für Jugendliche so gefährlich. Sie bieten einen Identitätsrahmen, geben das Gefühl, dazuzugehören. Obwohl sie fast ausschließlich mit arabischem A-cappella-Gesang auskommen. Zahlreiche Propagandavideos des sogenannten Islamischen Staats und anderer Terrororganisationen sind damit unterlegt. "Wenn zum Beispiel militärische Handlungen gezeigt werden und dabei ein eher aufputschendes Naschid gespielt wird, überträgt sich diese aufgeheizte Stimmung auf die Person, die sich das anschaut", sagt Said. "Teilweise soll auch Mitleid vermittelt werden, in eher getragenen Liedern werden Bilder von inhaftierten, gefolterten, getöteten Aktivisten der islamistischen Bewegung gezeigt. Es soll Solidarität erzeugt werden: 'Ihr müsst uns unterstützen', 'ihr müsst uns helfen'. Es wird die ganze emotionale Palette bedient." Und das über alle Nationalitäten hinweg.

Die Naschids verbreiten sich heute fast ausschließlich über soziale Medien wie YouTube. Und sie glorifizieren nicht nur Kampf und Tod. "Naschids erlauben den Szeneanhängern, sich auch komplett in eine Art "Gegenkultur" zurückzuziehen und sich immer weiter zu isolieren in der eigenen Szene. Und dieses Herausbrechen aus alten sozialen Bindungen, das ist ein ganz wichtiges Element in Radikalisierungsprozessen", stellt Said fest.

Ein Verbot der extremistischen Gesänge sei zwar wünschenswert, so Behnam Said, aber nur schwer umsetzbar. Vor allem in Zeiten des Internets. Und es bleibt die Frage, ob mit einem Verbot auch das radikale Gedankengut aus den Köpfen verschwinden wird.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 02.09.2016 | 15:20 Uhr