Stand: 12.09.2019 16:51 Uhr  | Archiv

Prävention gegen islamistische Radikalisierung

von Brigitte Lehnhoff
Ein Jugendlicher sitzt vor einem Bildschirm eines PCs mit Flagge des IS und Schriftzug "komm zu uns". © imago
Vor allem junge Menschen sind für Anwerbungsversuche der Extremisten anfällig.

Extremistische Ideologien - ob links, rechts oder islamistisch geprägt - verbreiten sich immer subtiler. Davor warnte kürzlich der niedersächsische Innenminister bei einem Symposium des Verfassungsschutzes. Zielgruppe der Extremisten sind demnach vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. Was macht sie anfällig für den Salafismus, die besonders radikale Variante des Islam? Und wie lässt sich gegensteuern? Brigitte Lehnhoff hat Experten befragt.

Das Internet spielt eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung extremistischer Ideologien. Bund und Länder fördern deshalb das Kompetenzzentrum Jugendschutz.net. Fehime Oezmen ist dort Expertin für Islamismus: "Wir schauen uns islamistische Onlinepropaganda auf verschiedenen Social Media-Plattformen an", fasst sie zusammen. Islamistische Onlinepropaganda steige gezielt ein auf nationale wie internationale Debatten und Ereignisse. Ein Beispiel: der Rücktritt des Fußballspielers Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft, von ihm selbst auch begründet mit Diskriminierungserfahrungen. "Es wird das Bild suggeriert, die Mehrheitsgesellschaft sei gegen Muslime, und dagegen müsse man sich wehren", erklärt Oezmen. Real gelebte Erfahrungen werden ausgenutzt und die Gräben werden vertieft, Stichwort: antimuslimischer Rassismus. Das ist das Thema, wo viele Jugendliche sich abgeholt fühlen."

Mehr Gefährdete als angenommen

Ahmad Mansour © dpa Foto: Kappeler
Der Berliner Psychologe Ahmad Mansour ist in der Präventionsarbeit aktiv.

Kenner der Salafismus-Szene meinen daher, es gäbe viel mehr Gefährdete, als von den Verfassungsschutzämtern gemeldet. Das Land Niedersachsen geht seit zwei Jahren von 880 Personen aus. Das sei zu niedrig angesetzt und der Methodik geschuldet, meint auch Ahmad Mansour. Der in Berlin lebende Psychologe und Muslim ist selbst in der Präventionsarbeit aktiv: "Ich sehe eine große Gruppe von Menschen, die vielleicht nicht extremistisch ist, die vielleicht nicht hundertprozentig alles salafistisch sieht, aber die ganz viele Werte dieser Ideologie teilt. Das ist der Pool, aus dem die Salafisten ihre zukünftigen Anhänger fischen können. Eine richtige Strategie, eine Präventionsarbeit, muss sich um diese Jugendliche kümmern und sie für diese Gesellschaft gewinnen."

Initiativen gegen Hass im Netz

Nicht nur Hassreden im Netz nehmen zu, es gibt auch immer mehr Initiativen, die sich dagegen wehren. Der Verein ufuq.de etwa arbeitet seit vielen Jahren in der politischen Bildung zu den Themen Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus. No Hate Speech heißt die europaweite Kampagne des Europarates gegen Hassreden im Netz. Auch für die Amadeu Antonio Stiftung ist die Online-Hetze ein wichtiges Thema.

Daran arbeitet beispielsweise der hauptsächlich vom Familienministerium finanzierte Verein ufuq.de. Ufuq bedeutet aufarabisch "Horizont". Der Islamwissenschaftler Götz Nordbruch ist Co-Geschäftsführer. Er sieht ein großes Problem darin, dass die Alltagserlebnisse Jugendlicher mit Rassismus nicht genügend wahrgenommen und diskutiert würden: "Unsere Erfahrung ist, dass viele Lehrkräfte diesem Thema keinen Raum geben wollen, weil sie den Eindruck haben, Jugendliche nutzen diese Opferrolle. Dadurch kriegen Jugendliche den Eindruck, dass diese Themen nicht anerkannt werden von dem Lehrer. Uns geht es darum zu sagen: Es gibt Rassismus, aber ihr seid weder ohnmächtig noch sprachlos. Sondern ihr habt die Möglichkeit, euch einzubringen. Es gibt eine Antidiskriminierungsgesetzgebung, es gibt Beratungsstellen, und die Aufgabe von Pädagogen und Pädagoginnen wäre, das zu erleichtern, diese Möglichkeiten auch zu nutzen.

Hilfe für Pädagogen

Harry Guta © NDR
Harry Guta ist Leiter der Beratungsstelle beRATen e.V.

Erzieherinnen und Lehrer sind eine wichtige Zielgruppe des in Hannover ansässigen Vereins beRATen. Dieser will einer neosalafistischen Radikalisierung vorbeugen. Leiter Harry Guta weiß, dass es Lehrerinnen und Lehrer verunsichern kann, wenn in der Schule Jugendliche durch eine extreme Meinung oder Kleidung auffallen. Seine Empfehlung an ratsuchende Pädagogen: "Ich würde im Vordergrund immer den Menschen, also den Jugendlichen sehen und fragen: Was tust Du? Was für einen Sinn macht das? Ich würde nicht anfangen, großartig zu diskutieren oder gegen Religion zu diskutieren, sondern ich frage: Was macht das für Dich für einen Sinn? Was bedeutet das für Dich? Das ist eine Aufforderung, sich solchen Phänomenen vorurteilsfrei zu stellen und immer wieder zu schauen: Wie gelingt es mir, in Kontakt zu bleiben? Das ist das wichtigste."

Ahmad Mansour geht noch einen Schritt weiter. Im Zweifel dürfe man auch Konflikte mit den Eltern nicht scheuen. Und um ideologisch gefährdete junge Menschen für die freiheitliche Gesellschaft zu gewinnen, müsse der Rechtsstaat sich stark zeigen: "Aber was mich stört, ist ein nicht vorhandenes Bewusstsein für das Problem unter bestimmten Politikern, in der Öffentlichkeit sich mit dem Thema zu beschäftigen und die Dimensionen diese Extremismus zu erfassen."

Ein Jugendlicher sitzt vor einem Bildschirm eines PCs mit Flagge des IS und Schriftzug "komm zu uns". © imago

AUDIO: Prävention gegen islamistische Radikalisierung (5 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 13.09.2019 | 15:20 Uhr

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