Stand: 15.06.2018 16:50 Uhr  | Archiv

"Nur ein liberaler Islam ist zukunftsfähig"

Vor einem Jahr wurde die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin eröffnet, eine Moschee, die - so sagte es ihre Gründerin Seyran Ates - ein anderes, ein liberaleres Bild des Islam zeigen soll. In der Frauen und Männer gemeinsam beten können und die nicht nur für Muslime, sondern auch für Juden, Christen und Atheisten offenstehen sollte. Einer der Mitbegründer damals war Abel-Hakim Ourghi, Islamwissenschaftler aus Freiburg. NDR Kultur hat im Freitagsforum mit ihm gesprochen.

Herr Ourghi, wie fällt Ihre Bilanz nach einem Jahr Ibn-Rushd-Goethe-Moschee aus?

Abdel-Hakim Ourghi © picture alliance Foto: Rolf Haid
Abdel-Hakim Ourghi ist Leiter des Fachbereichs Islamische Theologie / Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und Mitbegründer der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee.

Abdel-Hakim Ourghi: Es ist ein sehr gute Erfahrung, dass es uns gelungen ist, eine liberale Moschee zu gründen in Berlin. Und die Gemeinde oder die Moschee ist total aktiv, zum Beispiel im Bereich des interreligiösen Lernens. Da kommen zu uns Schülerinnen und Schüler und man diskutiert miteinander. Also ich habe ein sehr gutes Gefühl. Es entwickelt sich. Wir sind ganz am Anfang und wir schauen mal.

Sie sagten damals zur Eröffnung, Sie möchten der schweigenden Mehrheit unter den Muslimen eine Stimme geben und die Zahl der Mitglieder, daran glauben Sie, würde rasch steigen. Das ist nun bislang nicht passiert, die Mitgliederzahlen bleiben relativ konstant auf niedrigem Niveau? Haben Sie sich doch mehr Zuspruch erwartet?

Ourghi: Naja, ehrlich gesagt, es hat auch damit zu tun, dass es eine Stellungnahme gab aus Kairo und aus Ankara von der Diyanet, das ist die religiöse Behörde in der Türkei. Und das war eine Einschüchterung. Inzwischen haben wir auch eine eigene Gemeinde. Allerdings möchte diese Gemeinde nicht in der Öffentlichkeit auftreten. Die Leute haben Angst wegen der Drohungen. Seyran Ates ist 24 Stunden unter Polizeischutz. Es gibt diese schweigende Mehrheit der Muslime und wir versuchen, das anders zu organisieren, dadurch dass wir zur Zeit auch versuchen, einen Dachverband zu gründen. Es ist ein Versuch und man sieht, dass der liberale Islam in einer Moschee auch Zukunft hat.

Es geht darum, anhand der Vernunft, der kritischen Vernunft, die eigene religiöse Identität infrage zu stellen und zu versuchen, sich neu zu definieren im westlichen Kontext und gleichzeitig den anderen wahrzunehmen sowohl Juden, Christen und Atheisten. Dass man miteinander in einer toleranten Atmosphäre umgeht, dass man den anderen akzeptiert, wie er ist. Und das läuft sehr gut. Das ist ein sehr friedlicher Islam, der apolitisch ist. Das ist für uns sehr wichtig, weil ich persönlich die Religion als eine individuelle, eine private Beziehung zwischen dem Einzelnen und Gott betrachte. Wir wollen das einfach vorantreiben und ja, warum denn nicht?

Sie sagen, es ist ein Versuch. In Ihrem Buch „Reform des Islam: 40 Thesen“ werden Sie deutlicher: „Nur ein liberaler Islam ist zukunftsfähig“, schreiben Sie dort. Das heißt, es müsste viel mehr solcher liberalen Moscheen geben?

Ourghi: Ich glaube, die Lösung der Sinnkrise des Islam kann nicht gelöst werden durch die Gründung von Moscheen. Aber die Moscheen, die wir haben, die Mehrheit der Moscheen, das sind Moscheen, die vom Ausland gesteuert werden. Die vertreten auch einen sehr konservativen Islam, der auch gleichzeitig politisch ist. Und deshalb sage ich Ihnen ganz deutlich: Es ist die Verantwortung unserer Politiker und der beiden Kirchen, dass sie endlich mal diesen politischen Islam infrage stellen. Die Alternative ist dieser liberale Islam, der loyal gegenüber unserem Grundgesetz ist und gegenüber unseren westlichen Werten. Das ist dieser Islam, der zukunftsfähig ist. Das ist ein friedlicher Islam und das brauchen wir dringend, nicht nur hier in Deutschland, sondern überall im Westen, wo es Muslime und muslimische Gemeinden gibt.

Das Gespräch führte Anna Novák.

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Seyran Ates © picture alliance/Eventpress Foto: Eventpress Stauffenberg

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 15.06.2018 | 15:20 Uhr

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