Stand: 04.04.2019 15:34 Uhr

Nach Christchurch: Polizeischutz vor Moscheen?

von Birgit Schütte

Nach den Anschlägen in Christchurch hat der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime Aiman Mazyek bessere Sicherheitsvorkehrungen für Moscheen in Deutschland gefordert. Feste Streifenwagen seien notwendig, damit die Moscheen vor Anschlägen geschützt seien. Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius hat die Forderung zurückgewiesen. Allein praktisch sei es nicht möglich, jede Moschee unter Polizeischutz zu stellen. In Osnabrück arbeiten Polizei und muslimische Gemeinden schon seit einigen Jahren eng zusammen.

"Veränderte Stimmung", aber "keine Angst"

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"Natürlich hat sich die Stimmung ein bisschen verändert", findet Imam Ajdin Suljakovic.

Es herrscht eine ruhige Stimmung am Nachmittag im kleinen Gebetsraum der islamisch-bosnischen Gemeinde in Osnabrück. Kalligraphien hängen an der Wand, Gebetsketten liegen in kleinen Körben, Mosaike umrahmen ein kleines Wandregal. Ruhig sei auch die Stimmung unter den Gemeindemitgliedern der Islamischen Gemeinschaft "Saraj-Bosna", sagt der Imam Ajdin Suljakovic, gut zweieinhalb Wochen nach dem Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch: "Ich habe nicht viel mehr Angst als vorher, weil ich mich hier relativ sicher fühle. Vor allem in Osnabrück fühlen wir Muslime uns alle sehr gut angenommen. Ich merke auch, dass bei den Gemeindemitgliedern keine Ängste entstanden sind. Natürlich hat sich die Stimmung ein bisschen verändert, und manche Mitglieder wünschen sich bei größeren Veranstaltungen wie Zuckerfestgebet oder Opferfestgebet ein Auto-Patrouille."

Gute Zusammenarbeit zwischen Polizei und Muslimen

Am besten in Zivil, meint Suljakocic. Und auf keinen Fall soll ein Polizeiauto dauerhaft vor der Tür der Moschee stehen. Die Nachbarn könnten denken, dass womöglich verdächtige Gemeindemitglieder vom Verfassungsschutz beobachtet würden. Über die aktuelle Situation hat der Imam auch schon persönlich mit Polizeibeamten geredet. Denn: Polizei und Muslime sind in Osnabrück gut vernetzt. In vielen sozialen und auch wissenschaftlichen Projekten arbeiten sie zusammen. Nach dem Anschlag in Christchurch haben Vertreter der Polizeidirektion sich in der kleinen Gemeinde der Bosniaken erkundigt, ob sie sich bedroht fühlen. "Wir haben auch eine Facebook-Seite, über die man uns anschreiben kann", sagt Suljakocic. "Gott sei Dank wurden wir noch nicht bedroht, auch nicht persönlich hier vor Ort."

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"Keine konkreten Gefahren"

Bei der Polizeidirektion Osnabrück sei man nach den Anschlägen in Christchurch schon sensibilisiert, sagt der Pressesprecher Marco Ellermann. Aber: "Wir haben nach Christchurch keine besonderen Vorkehrungen getroffen, weil auch die besondere Gefährdung gar nicht da ist. Die Sicherheitslage gibt das nicht her, dass wir einen besonderen Schutz gegenüber den Moscheen darstellen. Wir haben keine konkreten Gefahren gegenüber Moscheen bei uns im Gebiet."

Aktuelle Zahlen zu Überfällen auf Moscheen liegen bei der Polizeidirektion Osnabrück nicht vor. Aber im Vergleich zu den Vorjahren habe sich nichts Gravierendes geändert: "Gerade Übergriffe auf Moscheen sind bei uns nicht an der Tagesordnung", berichtet Ellermann. Und wenn, dann geht es meist um Sachbeschädigungen wie Schmierereien eine eingeschlagene Scheibe."

"Polizeischutz ist eine zweischneidige Angelegenheit"

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Michael Kiefer hält es für übertrieben, jede Moschee unter Polizeischutz zu stellen.

Entspannt sei die Lage dennoch nicht, meint Michael Kiefer. Er leitet die Forschungsgruppe Soziale Arbeit und Migration am Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück: "Zunächst einmal muss man die Bedrohungssituation der Moscheegemeinden sehr ernst nehmen. Es hat ja in den vergangenen Jahren den ein oder anderen Brandanschlag oder die ein oder andere Attacke gegen Moscheegemeinden gegeben. Die Frage ist: Müssen alle 2.500 Moscheegemeinden in Deutschland Polizeischutz haben? Ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Weg wäre. Die Frage ist auch, ob das allerorten notwendig ist, oder ob man sich nicht auf Moscheen beschränken soll, die bedroht worden sind."

Jede Moschee unter Polizeischutz zu stellen, das hält Kiefer daher für übertrieben. Ein Polizeiauto vor einer Moschee sähe er - genauso wie Imam Ajdin Suljakocic - mit gemischten Gefühlen: "Es ist natürlich ambivalent. Einerseits zeigt der Staat klar Flagge, andererseits kann es für die Anwohner ein komisches Zeichen sein, wenn da plötzlich immer ein Polizeiauto steht und alle von einer allgemeinen Bedrohungssituation ausgehen. Der Polizeischutz ist eine zweischneidige Angelegenheit, in der man abwägen muss, ob die Maßnahme angemessen ist."

Ein Polizist in Uniform steht neben einem Polizeiauto und hält einen Telefonhörer in der Hand. © NDR Foto: Julius Matuschik

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Brauchen Moscheen in Deutschland bessere Sicherheitsvorkehrungen? In Osnabrück arbeiten Polizei und muslimische Gemeinden schon seit einigen Jahren eng zusammen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 05.04.2019 | 15:20 Uhr