Stand: 13.08.2020 19:52 Uhr

Muslimische Gefängnisseelsorge in Niedersachsen

von Ita Niehaus

Auch muslimische Strafgefangene haben ein Recht auf seelsorgerliche Betreuung. Es ist jedoch noch ein langer Weg, bis die muslimische Gefängnisseelsorge der christlichen gleichgestellt ist. 22 Seelsorger kümmern sich um die rund 1.000 Inhaftierten muslimischen Glaubens in niedersächsischen Gefängnissen. Anders als ihre christlichen Kollegen arbeiten sie auf Honorarbasis oder ehrenamtlich. Und sie sind auch unterschiedlich qualifiziert für ihre anspruchsvolle Arbeit. Doch es tut sich etwas in Sachen Professionalisierung. Ita Niehaus hat den landesweit ersten muslimischen Seelsorgekurs für den Strafvollzug in Niedersachsen besucht.

Ein Mann steht in einer Justizvollzugsanstalt vor einem vergitterten Fenster im Block der Sicherungsverwahrten. © dpa Foto: Patrick Seeger
Auch muslimische Strafgefangene haben ein Recht auf seelsorgerliche Betreuung.

Zehn Männer und eine Frau nehmen an einem Ausbildungskurs für muslimische Gefängnisseelsorger teil. Sie sitzen zusammen im Missionarischen Zentrum Hanstedt, einem Tagungshaus der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers in der Nähe von Uelzen. Das Konzept haben der Islamverband SCHURA Niedersachsen, christliche Gefängnisseelsorger und Vertreter des Niedersächsischen Justizministeriums gemeinsam entwickelt. Andreas Kunze-Harper, Pastor und Gefängnisseelsorger in der JVA Uelzen, leitet den Ausbildungskurs zusammen mit einem Kollegen. "Die christliche Seelsorge wird der muslimischen Seelsorge im Inhalt nichts geben können", betont Kunze-Harper. "Aber darauf zu achten, wie die Kommunikation verläuft, dafür möchten wir sensibilisieren."

Viel Empathie und Erfahrung wichtig

Vier Blöcke von jeweils drei Tagen umfasst der Kurs: Viel Raum nimmt dabei die Auseinandersetzung mit Gesprächsprotokollen ein, die die muslimischen Gefängnisseelsorger mitgebracht haben. Denn es braucht nicht nur theologisches Wissen, sondern auch viel Empathie und Erfahrung, um Inhaftierte bei Glaubens- und Lebensfragen gut zu begleiten.

Esnaf Begic
Esnaf Begic ist überzeugt: ""Ich glaube nicht, dass eine christliche Seele eine außerordentliche Situation im Leben anders erlebt als eine muslimische."

Es geht um Erfahrungsaustausch - um Sünde, Schuld und Vergebung. Referent Esnaf Begic, Imam und Islamischer Theologe am Osnabrücker Institut für Islamische Theologie, ist überzeugt: Das christliche Seelsorgekonzept lässt sich gut mit dem Islam verbinden: "Ich glaube nicht, dass eine christliche Seele eine außerordentliche Situation im Leben anders erlebt als eine muslimische. Insofern würde ich das Ganze nicht als christlich anschauen, sondern als menschlich. Mit welchen Zugängen wir herangehen, hängt von denjenigen ab, die vor uns als Seelsorger sitzen."

"Die Nachfrage besteht"

Der 26 Jahe alte Mücahid Eker, Imam einer Moscheegemeinde des Islamverbandes SCHURA in Goslar, ist einer von 22 muslimischen Seelsorgern in den niedersächsischen JVAs. Warum er beim Ausbildungskurs mitmacht? Er möchte noch besser helfen können: "Es gibt viele Muslime in den Gefängnissen, die einen Imam haben wollen, aber bis jetzt leider keinen gekriegt haben. Die Nachfrage besteht."

Ein anderer Kursteilnehmer ist Cengiz Ayar aus Hannover. Der Gefängnisseelsorger macht gerade seinen Master am Osnabrücker Institut für Islamische Theologie. Das Thema seiner Arbeit: Die unterschiedlichen Erwartungen an muslimische Seelsorger in den JVAs: "Der Staat ist sich bewusst, dass die muslimische Seelsorge einen präventiven Effekt hat", sagt Ayar. "Und der Seelsorger, auch wenn er sich das nicht als Ziel vorgenommen hat, kann in diesem Bereich viel mehr leisten als andere Dienste."

Ein Beamter des Justiz Vollzuges geht durch einen Gang in einem Gefängnistrakt. © NDR Foto: Julius Matuschik

AUDIO: Wenn eine Erinnerung aus der Tradition hilft (5 Min)

Auf dem Weg zur Professionalisierung

Ayar ist Teil eines Forschungsprojekts zur Professionalisierung muslimischer Gefängnisseelsorge, das vom niedersächsischen Justizministerium gefördert wird. Es leiste Pionierarbeit, sagt der Islamische Theologe Esnaf Begic. Das Besondere: die Verbindung von Theorie und Praxis. "Es sind einerseits Qualifizierungsarbeiten, die sich auf die Professionalisierung, Standardisierung der muslimischen Gefängnisseelsorge fokussieren", so Begic. "Auf der anderen Seite geht es darum, dass dieselben Teilnehmer eine praktische Ausbildung in der Gefängnisseelsorge bekommen und von Anfang an in Gefängnissen tätig sind."

Das Ziel: Die Teilnehmer sollen später auf Augenhöhe mit christlichen Seelsorgern arbeiten können. Nach denselben fachlichen Standards, nicht auf Honorarbasis, sondern auf einer Vollzeit- oder Teilstelle. In Rheinland-Pfalz ist das schon möglich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 14.08.2020 | 15:20 Uhr

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