Stand: 23.01.2020 18:53 Uhr

Mohamed Helmy: Ein muslimischer Judenretter

von Jens Rosbach

"Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit die ganze Welt gerettet" - dieser Satz steht auf den Medaillen, mit denen die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem die "Gerechten unter den Völkern" auszeichnet: Nichtjüdische Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus Jüdinnen und Juden vor dem Tod bewahrt haben. Unter ihnen gibt es auch rund 100 Muslime. Einer von ihnen ist der ägyptische Arzt Mohamed Helmy, der in den 1940er-Jahren in Deutschland lebte.

Berlin, 1938. In der Reichshauptstadt betreibt die Jüdin Cecilie Rudnik einen Obstgroßhandel am Alexanderplatz. Doch dann wird das Geschäft enteignet und "arisiert". Die Nationalsozialisten führen auch einen "Judenstempel" ein und schließen jüdische Einrichtungen. In ihrer Not sucht Rudnik Hilfe bei Mohamed Helmy. Der Ägypter ist seit Jahren der Hausarzt der Familie. "Sie waren seine Patienten", erzählt der israelische Autor Igal Avidan. "Und er hat sie behandelt in einer Zeit, wo eigentlich 'arische' Ärzte, deutsche Ärzte, nicht mehr jüdische Patienten behandeln wollten. Und so entstand diese Beziehung, die mehr war als eine Beziehung zwischen Arzt und Patienten, es wurde zu einer Freundschaft."

Geschichte
Mit der Aufschrift "Jude" und einem Judenstern versehenes Schaufenster, davor stehen Passanten

Die NS-Zeit: Krieg und Terror

1933 wird der Nationalsozialist Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Fortan setzt das NS-Regime seinen absoluten Führungsanspruch durch - mithilfe von Terror und Propaganda. mehr

Igal Avidan lebt in Berlin. Drei Jahre lang hat er in Akten gestöbert und mit Zeitzeugen gesprochen - und so die Geschichte des mutigen Arabers rekonstruiert. Und die geht so: Mohamed Helmy, der sich später Mod Helmy nennt, wächst in Kairo auf und kommt 1922 nach Berlin, um hier Medizin zu studieren. Doch mit Hitlers Machtergreifung bekommt Helmy Probleme: An seinem Berliner Universitäts-Krankenhaus, wo er sich ausbilden lässt, werden viele Stellen mit Nationalsozialisten besetzt. Die Ärzte machen rassistische Sprüche über den dunkelhäutigen Kollegen. Bemerkungen wie: "Es ist unerhört und beleidigt unsere Rassengefühle, wenn ein Schwarzer, noch dazu als Urologe, blonde Frauen behandeln darf."

Mit viel Mut und List

Helmy muss schließlich das Krankenhaus verlassen und eine Privatpraxis bei sich zu Hause eröffnen. Obwohl selbst in Bedrängnis, unterstützt er die jüdische Familie - mit Geld und mit Ratschlägen. Als schließlich die Deportation von Juden beginnt, besorgt Helmy eine Geheimadresse für Cecilie Rudnik, wo sie untertauchen kann. Für Rudniks Enkelin Anna greift Helmy sogar zu einer riskanten List: Er stellt die 16-Jährige als angeblich ägyptische Arzthelferin in seiner Praxis ein. Die Patienten merken nichts. "Vielleicht konnten sie sich nicht vorstellen, und die Gestapo auch nicht, dass ausgerechnet ein Araber eine Jüdin unterstützt", vermutet Avidan.

Igal Avidan auf Lesereise

Igal Avidan ist mit seinem Buch "Mod Helmy" auf Lesereise in Norddeutschland:
- am 4. Februar, um 19.00 Uhr im Landtag in Kiel
- am 5. Februar, um 19.00 Uhr in der Diele in Lübeck
- am 6. Februar, um 19.00 Uhr im Bildungszentrum in Neumünster
- am 7. Februar, um 18.00 Uhr im Max-Samuel-Haus in Rostock

Der Internist riskiert damit sein Leben, zumal er - als mutmaßlich feindlicher Ausländer - zuvor selbst zwei Mal verhaftet worden ist. Helmy weiß: Das Versteckspiel mit Anna kann jeden Tag auffliegen. Deshalb entwickelt er einen weiteren abenteuerlichen Plan: Die Jüdin muss - pro forma - zum Islam übertreten, einen Ägypter heiraten und sich in dessen Pass eintragen lassen. "Deswegen wäre es ein gewisser Schutz für Anna, wenn sie mit einem muslimischen Ägypter verheiratet ist - dann kann sie praktisch mit seinem Pass Deutschland verlassen. Ich glaube, das war die Idee", mutmaßt Avidan.

Lange in Vergessenheit geraten

Doch das Berliner Standesamt verweigert die Anerkennung der Ehe. Helmy versteckt Anna schließlich in einer Laube im Norden Berlins - bis zum Kriegsende. So überlebt die Jüdin den Holocaust. 1947 emigriert Anna in die USA, hält aber bis zu Helmys Tod 1982 Kontakt zu ihrem einstigen Beschützer. In Deutschland jedoch muss der muslimische Held jahrzehntelang um Anerkennung kämpfen. Autor Igal Avidan berichtet, dass die deutsche Nachkriegsgesellschaft den Retter ausgegrenzt hat: "Ich glaube, die Judenretter zeigten der deutschen Gesellschaft, dass man auch anders handeln konnte. Dass man auch mutig sein konnte. Ein lebender Vorwurf."

2013 endlich, mehr als drei Jahrzehnte nach seinem Tod, erhält der Berliner Araber posthum die höchste Auszeichnung, die es für Judenretter gibt: In Jerusalem wird Mod Helmy von der Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" ausgezeichnet. Im Folgejahr ehrt man den Arzt schließlich auch in Berlin - durch die Enthüllung einer Gedenktafel an seinem ehemaligen Wohnhaus.

Mod Helmy © AdsD

AUDIO: Man konnte auch anders handeln (5 Min)

Weitere Informationen

In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel wird an die zahlreichen Menschen erinnert, die ihr Leben riskierten, um Juden zu retten. Mod Helmy wurde als erster Araber 2013 posthum als "Gerechter unter den Völkern" geehrt.

Buchtipp: Igal Avidan: "Mod Helmy. Wie ein arabischer Arzt in Berlin Juden vor der Gestapo rettete", dtv-Sachbuch, 248 Seiten, 20,00 Euro

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 24.01.2020 | 15:20 Uhr

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