Stand: 18.05.2016 15:30 Uhr  | Archiv

Moderner Islam oder Parallelwelt? Die Gülen-Bewegung in Deutschland

von Reiner Scholz

Präsident Erdogan will alleine herrschen in der Türkei und ist in mehrere Machtkämpfe verstrickt. Mit der Gülen-Bewegung zum Beispiel, benannt nach dem charismatischen Prediger Fethullah Gülen. Der war einst ein enger Weggefährte Erdogans und hat es geschafft, im Laufe der Jahre eine Art Imperium aufzubauen. Aus Nachhilfevereinen und Schulen, Zeitungen und Unternehmerverbänden. Aufstieg durch Bildung - so lautet das Konzept. Auch in Deutschland gewinnt die umstrittene Bewegung an Bedeutung.

Fetullah Gülen © picture alliance / dpa
Dienst an der Gemeinschaft im Sinne Allahs: ein Credo des Predigers Fetullah Gülen.

Der Abiturient Ertugrul Can besucht das Wilhelmstadt-Gymnasium in Berlin-Spandau. "Ich würde die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern hervorheben. Eine Beziehung, die man so auf anderen Schulen nicht finden würde", ist sich Can sicher. "Man kann hier mit den Lehrern auf gleicher Augenhöhe sprechen." Die Privatschule gehört zur "Hizmet"-Bewegung, die der charismatische türkische Prediger Fetullah Gülen einst ins Leben gerufen hat. "Hizmet" ist türkisch und heißt "dienen". Gemeint ist der Dienst an der Gemeinschaft im Sinne Allahs. Von Fethullah Gülen und dessen Philosophie ist an dieser Schule selbst nichts zu bemerken. Man unterrichte streng nach staatlichem Lehrplan, sagt Schulleiterin Sabrina Leberecht. Das gelte auch für das Fach Biologie: "Bei uns wird Evolution ganz normal unterrichtet. Wir haben auch kreationistische Denkansätze, die wir diskutieren. Da müssen die Kinder selbst einen Weg finden, wie sie ihren Glauben mit einer wissenschaftlichen Weltsicht in Einklang bringen."

Die Sendung zum Nachhören
Lehrerin hilft einer Schülerin © NDR Foto: Constantin Gill
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Die Gülen-Bewegung in Deutschland

Aufstieg durch Bildung - so lautet das Konzept der Gülen-Bewegung, die auch in Deutschland an Bedeutung gewinnt. 4 Min

Die Gülen-Bewegung agiert eher verdeckt. Etwa 120.000 Anhänger werden ihr allein in Deutschland zugerechnet. Sie umfasst etwa 30 Schulen, zudem Kindergärten, Nachhilfeeinrichtungen, Zeitungen wie die "Zaman" und Fernsehsender wie "Ebru TV". An ihr orientieren sich Akademikerbünde und Dialogvereine. In Hamburg gibt es beispielsweise den Verein "Kraft der Toleranz". Die Vorsitzende Seher Icten beschreibt die Aufgaben des Vereins: "Wir versuchen immer, Orte der Begegnung zu schaffen. Das kann ein Kochkurs sein, ein Creativ-Café, aber auch ein Seminar zur 'Erziehung und Bildung'." Gehört "Kraft der Toleranz" zur "Hizmet"-Bewegung? "Es gibt Menschen, die durch 'Hizmet' motiviert sind, sich sozial zu engagieren", erklärt Icten. "Dann gibt es aber Leute, die eine ganz andere Motivation haben, eine persönliche Motivation. Klar ist, dass einige von uns 'Hizmet' kennen und es auch gut finden. Wir wollen aber nicht, dass unser Verein nur auf den Namen Gülen reduziert wird."

Umstrittene Persönlichkeit

Fetullah Gülen lebt seit 1999 im Exil in Pennsylvania. Seine Unterstützer loben ihn dafür, dass er versucht, Islam und Moderne zusammenzubringen. Einer seiner zentralen Sätze lautet: "Baut Schulen, keine Moscheen". Fetullah Gülen stehe für eine erfolgreiche Bildungsbewegung in vielen Ländern der Welt. Das sei aber nur die eine Seite, betonen seine Kritiker. Ihm gehe es darum, eine muslimische Bildungselite zu schaffen und darüberhinaus einen konservativen Islam in der westlichen Gesellschaft zu verankern, sagt etwa Sebastian Kocaman, ein Hamburger Sozialwissenschaftler, der einige Jahre in einer "Hizmet"-nahen Nachhilfeorganisation gearbeitet hat: "Dahinter ist eine sehr hierarchisch strukturierte Organisation, in der es ganz klar ein Top-down von oben nach unten gibt. Was dann auf lokaler Ebene geschieht, wird vorgegeben."

Es gab und gibt Anfragen an den Verfassungsschutz, die "Hizmet"-Bewegung zu beobachten. Doch dafür bestehe, laut einer Analyse aus Baden-Württemberg, keine Veranlassung. Das ändere aber nichts daran, so Friedmann Eißler von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, dass man doch fragen müsse, welches Menschenbild der Islam hat, den Gülen und enge Gefolgsleute predigen: "Es gibt eine Koranausgabe, da wird zum Beispiel ganz klar nicht nur die physische, sondern auch die charakterliche Schwäche der Frau bezeichnet. Da haben wir konservative Positionen, die erst mal aufhorchen lassen, wenn man den allgemeinen, säkularen Diskurs über 'Dialog und Bildung' der 'Hizmet'-Bewegung vor sich hat."

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Die Kuppel des Felsendoms in Jerusalem © NDR

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 20.05.2016 | 15:20 Uhr

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