Stand: 01.11.2019 13:45 Uhr

Juden und Muslime entdecken Gemeinsamkeiten

von Ita Niehaus

Gemeinsamkeiten entdecken, das Trennende überwinden - es ist nicht immer einfach, Juden und Muslime an einen Tisch zu bringen. Dabei ist der jüdisch-muslimische Dialog heute wichtiger denn je. Es gibt jedoch inzwischen einige Initiativen und Projekte. Zum Beispiel die jüdisch-muslimische Dialogreihe "Schalom Aleikum" des Zentralrats der Juden in Deutschland. In dieser Woche hat das bundesweite Projekt Station in Osnabrück gemacht.

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Der Historiker und Geologe Firouz Vladi, Mitglied bei "Muslime in Niedersachsen" und Inessa Goldmann, Mitglied der Jüdischen Gemeinde Osnabrück im Dialog.

Es ist eine entspannte Atmosphäre in der Jüdischen Gemeinde Osnabrück. Der 71 Jahre alte Muslim Firouz Vladi, Historiker und Geologe aus Osterode am Harz, ist einer von vier Teilnehmern auf dem Podium. Zwei Juden, zwei Muslime - und alle schon etwas älter. "Mutige Entdecker bleiben", lautet dieses Mal das Motto der deutschlandweiten Dialogreihe "Schalom Aleikum" des Zentralrats der Juden in Deutschland. Auch unter den rund 100 Gästen gehören viele zur Generation 60 plus. Einige muslimische Besucher sind zum ersten Mal in einer jüdischen Gemeinde zu Gast. Firouz Vladi engagiert sich schon lange im interreligiösen Austausch. Sein Ziel: "Reden, Menschen zusammenbringen und zu gemeinsamen guten Erfahrungen verhelfen."

Auch Inessa Goldmann, Mitglied der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, ist überzeugt, dass gerade ältere Menschen viel zum Gelingen im Dialog zwischen Muslimen und Juden beitragen können: "Die sind nicht so impulsiv, die können sehr nüchtern und gut beobachten, was das Problem ist und wie wir mit diesem Problem umgehen können."

Zusammenhalt stärken und Antisemitismus abbauen

Interview

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Um persönliche Erfahrungen geht es - mit Migration etwa und der eigenen und der anderen Religion. Das Besondere: Ganz "normale" Mitglieder der beiden Religionsgemeinschaften kommen ins Gespräch, sagt Projektleiter Dmitrij Belkin: "Das Ziel ist, dass die Gesellschaft für diese Themen sensibilisiert wird und der Zusammenhalt, der massiv wackelt, größer wird. Und dass Antisemitismus, das ein sehr zentrales und sehr schmerzhaftes Thema für die jüdische Gemeinschaft ist, abgebaut wird."

Judenhass nimmt immer mehr zu. Jeder vierte Deutsche denkt, so eine aktuelle Studie des Jüdischen Weltkongresses, antisemitisch. Und: Muslime sind von wachsender Islamfeindlichkeit betroffen. Auch das ist Thema der Gesprächsreihe - ob in Berlin, Leipzig oder in Osnabrück.

Trennung von Politik und Religion

Stereotype, Verschwörungstheorien und Vorurteile sind unter Muslimen verbreitet. Für Firous Vladi spielt dabei der Nahostkonflikt eine große Rolle: "Den Kern des Konflikts können Muslime in den Moscheegemeinden hier nicht beeinflussen. Aufklärende Gespräche, das saubere Trennen von dem, was Politik und was Religion ist - das ist ganz wichtig. Das ist eine Pflichtaufgabe sowohl der Imame, des Führungspersonals als auch der älteren Generation."

Eine Frau mit Kopftuch und ein Mann mit Kippa stehen sich gegenüber und unterhalten sich © Daniel Shaked Foto: Daniel Shaked

"Schalom Aleikum": Kleine Schritte - große Wirkung

NDR Kultur - Freitagsforum -

Gemeinsamkeiten entdecken, das Trennende überwinden: Die Dialogreihe "Schalom Aleikum" bringt Muslime und Juden ins Gespräch. Ita Niehaus war dabei.

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Inessa Goldmann kam in den 90er-Jahren als sogenannter Kontingentflüchtling nach Deutschland. Heute setzt sich die Jüdin unter anderem für muslimische Flüchtlinge aus Syrien ein. Sie warnt vor Pauschalisierungen: "Das war kein Muslim in Halle - das war ein Nazi. Wir müssen mit Muslimen sprechen, zeigen, wer wir sind, damit wir eine bessere Zukunft in Deutschland haben."

Kleine Schritte mit großer Wirkung

Annäherung durch Begegnung - in Osnabrück sei man da auf einem guten Weg, so der 72-jährige Imam Abdul-Jalil Zeitun. Es habe sich einiges getan in den vergangenen Jahren - nicht nur, was gemeinsame Projekte und Initiativen angeht: "Als Araber war es für uns unvorstellbar, dass Juden ohne Angst zu einem Muslim nach Hause kommen. Aber jetzt besuchen sie uns als Nachbarn, Freunde."

Es sind oft nur kleine Schritte - manchmal mit großer Wirkung. Doch auch Politik und Gesellschaft seien gefragt, meint Zeitun: "Die Politik macht ein bisschen wenig zurzeit."

Begegnungsprojekte brauchen eine langfristige finanzielle Unterstützung, um nachhaltig wirken zu können. Die bundesweite Dialogreihe "Schalom Aleikum" wird von der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung gefördert. Sie kommt gut an, auch in Osnabrück. Projektleiter Dmitrij Belkin hofft, dass es weitergeht im neuen Jahr. Die nächste Talkrunde zwischen Muslimen und Juden ist bereits geplant: am 25. November in Köln.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 01.11.2019 | 15:20 Uhr