Stand: 29.05.2020 11:22 Uhr

Jubiläum: Zehn Jahre Liberal-Islamischer Bund

von Kadriye Acar

Vor zehn Jahren gründete sich der LIB - der Liberal-Islamische Bund. Der Name sollte dabei Programm sein: Seine Gründungsmitglieder vertreten eine liberale Auslegung des Korans und der Regeln des muslimischen Lebens, in Abgrenzung zu den anderen großen, eher konservativ ausgerichteten Islamverbänden. Auch in Norddeutschland gibt es Gemeinden des LIB, so zum Beispiel in Hamburg und Göttingen.

Bild vergrößern
Rabeya Müller hält ein Abendgebet beim LIB-Iftar in Berlin.

Die Friseurmeisterin Gamze Erdogan kann es nicht fassen. In ihrer Hand die Tageszeitung, darin abgelichtet ein Foto von muslimischen Männern und Frauen, die in einem Raum beten. Die Frauen haben zum Teil kein Kopftuch auf und geleitet wird das Gebet von einer Frau: Imamin Rabeya Müller. "Ich habe gelernt, dass es in unserer Kultur, in unserem Glauben keine Imamin gibt, sondern nur einen Imam. Ich bin schockiert", so Erdogan."

Eine Heimat für Muslime, die sich im traditionellen Islam nicht zu Hause fühlen

In dem Artikel geht es um den Liberal-Islamischen Bund. Ein Verein, den die Publizistin Lamya Kaddor und die Theologin Rabeya Müller gegründet haben und der jetzt im Mai sein zehnjähriges Bestehen feiert. Gründungsziel war es, den Muslimen eine Heimat zu bieten, die sich im traditionellen Islam nicht zu Hause fühlen. Also Frauen und Männern, die eine andere Lesart des Korans haben - so wie die, dass eine Frau, in einem Raum mit Männern und Frauen, als Vorbeterin das Gebet leiten darf. Für konservative Gläubige undenkbar: "Den Glauben zu ändern, etwas Neues hinzuzufügen - das gehört sich nicht", findet Erdogan. "Man kann ja etwas modernisieren, aber das ist ja eine komplette Veränderung des Glaubens. Das geht nicht."

Rückblick

Zwischen den Stühlen: Der Liberal-Islamische Bund

Das Interesse der Medien war groß bei der Eröffnung der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin. Dabei gibt es schon seit einigen Jahren liberale muslimische Gemeinden in Deutschland. mehr

Reaktionen wie diese kennt Odette Yilmaz, erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, sehr gut: "Interessanterweise stößt das Thema Kopftuch oder die Rolle der Vorbeterin als Imamin auf wesentlich mehr Widerstand als viele andere Dinge, die wir vertreten. Anhand dessen zu sagen, man verändert die Religion, finde ich etwas überzogen. Denn die Grundsätze der Religion werden davon überhaupt nicht tangiert. Es besteht weiterhin der Ein-Gott-Glaube, die fünf Säulen des Islams, die sechs Säulen des Glaubens - daran rüttelt man ja nicht."

Die Imamin als rotes Tuch

Für die Friseurmeisterin Gamze Erdogan, die sich selber als moderne und aufgeklärte Muslimin bezeichnet, ist vor allem die Imamin ein rotes Tuch. Rabeya Müller ist seit 2012 Imamin in einer Kölner Gemeinde. Sie kennt solche Vorwürfe und argumentiert mit dem Islam: "Sogar der Prophet hat gesagt, dass in der Vielfalt der Meinungen eine Gnadeliegt. Es ist wichtig zu lernen, dass unterschiedliche Meinungen, auch innerhalb einer Religion, nebeneinander bestehen können. Und dass man aufhören muss, sich gegenseitig das Muslim-Sein abzusprechen."

Womit traditionelle Muslime, wie Gamze, auch Schwierigkeiten haben - was für Rabeya Müller aber Alltagsgeschäft ist: die Eheschließung von interreligiösen Paaren. 60 bis 70 Trauungszeremonien im Jahr begleitet Rabeya Müller. Und es werden immer mehr, sagt sie.

230 Mitglieder deutschlandweit

Weitere Informationen

Der Liberal-Islamische Bund, kurz LIB, wurde 2010 gegründet - u.a. von der Islamwissenschaftlerin und Autorin Lamya Kaddor. Es ist ein kleiner Verein mit rund 230 Mitgliedern bundesweit. Inzwischen gibt es sieben Gemeinden. In Berlin gibt es noch eine weitere liberale Gemeinde: Die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, gegründet unter anderem von Seyran Ateş und Abdel-Hakim Ourghi.

In den letzten zehn Jahren hat es der LIB geschafft, sich in der Politik zu etablieren. Er sitzt in der Deutschen Islamkonferenz und ist Ansprechpartner für den islamischen Religionsunterricht. Innerhalb der Muslimischen Gemeinden in Deutschland ist der Liberal-Islamische Bund aber eine unbekannte und kleine Größe. 230 Mitglieder gibt es über das ganze Land verteilt. Odette Yilmaz räumt ein: "Der Organisationsgrad ist relativ gering, aber das liegt auch ein bisschen in der Natur der Sache. Gerade wenn man von klein auf muslimisch sozialisiert ist, ist man oft gedanklich gefangen in den Strukturen der etablierten Gemeinden und Verbände und möchte vielleicht aus diesem Muster herausbrechen, weswegen es nicht so attraktiv ist, sich zu organisieren."

Wichtiger als die Organisation ist für den LIB aber ohnehin etwas anderes: Menschen eine Heimat zu bieten, damit sie so sein und den Islam so leben dürfen, wie es ihrer Überzeugung entspricht.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 29.05.2020 | 15:20 Uhr