Stand: 05.09.2019 18:47 Uhr

Islamunterricht: "Wichtiger denn je"

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Rund 40 Lehrkräfte unterrichten islamischen Religionsunterricht in Niedersachsen, an dem ca. 4.000 Schülerinnen und Schüler teilnehmen.

In Niedersachsen wird islamische Religion seit 2013 an Grundschulen und seit 2014 an weiterführenden Schulen unterrichtet. Momentan wird dieser Unterricht nur an etwa 60 Schulen angeboten, weil es noch nicht genügend ausgebildete Lehrkräfte gibt. Annett Abdel-Rahman ist Landeskoordinatorin für islamischen Religionsunterricht in Niedersachsen und bildet selbst islamische Religionslehrerinnen und Religionslehrer aus. Für sie ist das Fach wichtiger denn je, schreibt sie in ihrem Gastkommentar.

In meinem letzten Seminar berichtete einer meiner Referendare aus seinem Unterricht, dass ein Schüler sagte, er würde den Koran nicht lesen, weil er keinen Sinn darin sehe, so ein langweiliges Buch zu lesen. Er könne damit nichts anfangen, sondern würde lieber Comics lesen oder ein Buch, das richtig spannend sei. Der Koran sei das jedenfalls für ihn nicht. Die Frage war nun: Wie sollte der Referendar im Unterricht darauf reagieren? Darf man so überhaupt über den Koran sprechen? Immerhin ist er für Muslime die Botschaft Allahs an die Menschen und damit ein Buch, dass viele von ihnen ehren und mit Respekt und Liebe betrachten.

Religionsunterricht gibt Antworten auf Fragen zum Leben

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Annett Abdel-Rahman ist eine engagierte Befürworterin des islamischen Religionsunterrichts.

Der islamische Religionsunterricht ist auf dem Weg, in Niedersachsen als ein ganz normales Unterrichtsfach anzukommen. Und das ist auch gut so. Ich bin eine engagierte Befürworterin, weil Religionsunterricht nicht nur Raum gibt, sich Wissen über die eigene Religion anzueignen, sondern religiösen Heranwachsenden Möglichkeiten eröffnet, auf ihre Fragen zum Leben Antworten zu finden. Für gläubige Menschen sind die Inhalte ihrer Religion wichtig, um eigenen Sinnfragen, auch Zweifeln, nachzugehen. Im Religionsunterricht finden Schülerinnen und Schüler keine vorgegebenen Antworten, aber sie erlernen Methoden, wie sie mit den Quellen der eigenen Religion umgehen können, um Antworten zu finden. Sie lernen auch, wo sie vertrauenswürdige ausgebildete islamische Theologinnen und Theologen in Deutschland finden können - jenseits von "Scheich Google".

Lehrkräfte leisten Pionierarbeit, für die sie viel Respekt verdienen

Mittlerweile gibt es immer mehr Studierende, die islamische Religion auf Lehramt an der Uni Osnabrück studieren. Ich halte es für wichtig, auf diese zukünftigen Lehrkräfte zu vertrauen und nicht übereilig der Idee zu folgen, Imame an Schulen einzusetzen. Sie sind zwar gute Theologen, aber nicht unbedingt mit Religionspädagogik vertraut.

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Die Lehrkräfte leisten vor Ort Pionierarbeit, für die sie viel Respekt verdienen: Sie sind an ihrer Schule oft die einzige Lehrkraft, und da es bislang kaum Lehrbücher gibt, müssen sie viele Materialien selbst erstellen. Auf Fortbildungen, die das Kultusministerium regelmäßig anbietet, erarbeiten sie gemeinsam mit islamischen Wissenschaftlern und Religionspädagogen, wie sie guten islamischen Religionsunterricht machen können und tauschen ihre Erfahrungen aus. Und dazu gehört dann auch die Frage, wie man im Unterricht Inhalte des Korans so lesen und besprechen kann, dass sie tatsächlich die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler berühren. Denn nur dann ist die Beschäftigung mit Religion und ihren Quellen für Kinder und Jugendliche relevant.

Auch andere Religionen auch Thema

Grundlage für den Unterricht ist das Kerncurriculum, das das Kultusministerium zusammen mit islamischen Religionslehrkräften und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erstellt. Die religiösen Inhalte werden mit beiden Landesverbänden der Muslime in Niedersachsen, Schura und DITIB, abgesprochen. Diese Vorgehensweise ist im Grundgesetz verankert und für alle Arten von Religionsunterricht gültig. Der Staat kann nicht definieren, welche Inhalte eine Religion ausmachen, deshalb mischt er sich hier nicht ein. Er kann aber definieren und einfordern, welchen Bildungsauftrag Schule generell hat. Deshalb sind Inhalte wie Medienkompetenz, Inklusion, Gendergerechtigkeit usw. auch im Fach islamische Religion verpflichtend.

Im islamischen Religionsunterricht geht es aber nicht nur um das Eigene - thematisiert werden auch andere Religionen und Weltanschauungen, und es wird miteinander in Kirchen und Synagogen oder mit Menschen, die nicht gläubig sind, gesprochen. Dem anderen wertschätzend zuzuhören und sich mitteilen zu können, wenn es um Gemeinsames geht und auch um die Unterschiede, ist fester Bestandteil des Unterrichts. Dies ist notwendiger denn je.

Annett Abdel-Rahman © Annett Abdel-Rahman

Islamunterricht: "Wichtiger denn je"

NDR Kultur - Freitagsforum -

Der islamische Religionsunterricht ist auf dem Weg, in Niedersachsen als ein ganz normales Unterrichtsfach anzukommen. Und das ist auch gut so, findet Annett Abdel-Rahman.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 06.09.2019 | 15:20 Uhr