Stand: 04.10.2017 16:38 Uhr

Islamdebatte: Mehr Mut zu gehaltvollen Büchern!

Immer wieder wird für eine neue, offene Diskussionskultur mit konstruktivem Streit geworben. Gerade auch wenn es um das Thema Islam geht. Rechtzeitig vor der Frankfurter Buchmesse sind einige Bücher zur Debatte um den Islam erschienen. Inwieweit aber sind sie auch Ausdruck einer innermuslimischen Diskussion? Und: Was können sie tatsächlich bewegen?

Ein Kommentar von Lamya Kaddor

Seit mehr als zehn Jahren gibt es bei Verlagen ein Codewort, das die Chance, ein Buch zu veröffentlichen, höchst wahrscheinlich macht: Islam. Aus Sicht von Verlegern verspricht alles, was mit dieser Religion zu tun hat, Erfolg. In den Bereichen Sachbuch und Belletristik erscheinen ununterbrochen Publikationen zum Thema. Besonders "erfolgreich" laufen seit den ersten Veröffentlichungen von Ayaan Hirsi Ali und Necla Kelek islamkritische Bücher. Wobei "kritisch" in einigen Fällen eine beschönigende Beschreibung des Inhalts ist, da es im Grunde oft nur um Diffamierung geht; etwa wenn die Weltreligion Islam auf eine Stufe mit dem Faschismus gehoben wird oder Muslimen eine Art "Geburten-Dschihad" unterstellt wird, eine Eroberung durch Fortpflanzung.

Über die Autorin

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Islamische Religionspädagogin und Autorin zahlreicher Bücher. Die Deutsche mit syrischen Wurzeln zählt zu den wichtigsten muslimischen Stimmen unseres Landes. Kaddor bezeichnet sich selbst als "Verfassungspatriotin" und ist Gründungsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes. Seit Dezember 2015 leitet sie u.a. das Projekt "extrem out - Empowerment statt Antisemitismus", gefördert vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Aktuelles Buch zum Thema: "Die Zerreissprobe. Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht" (Rowohlt Berlin, 2016).

Spaltung der Gesellschaft

Aus diesen Verkaufserfolgen den Schluss zu ziehen, solche Bücher würden eine Aufbruchstimmung in die innerislamische Community tragen oder gar Reformen anstoßen, wäre grundnaiv. Der innerislamische Dialog in Deutschland ist in Bewegung geraten, ja, aber sicher nicht wegen, sondern trotz solcher Bücher und vor allem durch das Engagement liberaler Muslime. Die meisten islamkritischen Autoren sind nicht mal Teil des innermuslimischen Diskurses. Manche haben dem Islam längst abgeschworen, andere betrachten sich als säkular, die wenigsten verfügen über fundierte Kenntnisse islamischer Theologie.   

Fast alle diese Bücher haben auf konstruktiver Ebene nichts zu bieten. Wissenschaftlich werden sie kaum rezipiert, gesellschaftlich schaden sie mehr, als dass sie nutzen. Sie haben die Spaltung der Gesellschaft, den Aufstieg von Islamfeindlichkeit und Rassismus entscheidend befördert. Die Erfolge von rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien wie Pegida und AfD sind auch das Ergebnis solcher Publikationen.

Willkommen in der Filterblase

Die Autorin, Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor im Porträt. © Lamya Kaddor

Islamdebatte: Mehr Mut zu gehaltvollen Büchern!

NDR Kultur

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Es ist Zeit, mit einem populären Irrtum aufzuräumen: Islamkritische Bücher verkaufen sich nicht etwa deshalb so gut, weil sich ein breiter Querschnitt der Bevölkerung für den Islam interessiert. Im Gegenteil. Der Kauf eines islamkritischen Buchs ist auch ein politisches Statement! Wer ähnlich denkt, schlägt im Buchhandel zu. Sechs Millionen Menschen haben mit der AfD einer in Teilen auch islamfeindlichen Partei ihre Stimme bei der Bundestagswahl gegeben. Ein Teil dieser auch sonst hochgradig aktivistischen Wähler sind gewiss auch Käufer solcher Bücher und senden damit eine Solidaritätsadresse an die Autoren.

Das Problem mit vermeintlich islamkritischen Büchern ist nicht ihre Existenz. Das Problem ist, dass Politik und Medien sie hypen. So entsteht ein Teufelskreis. Bücher ohne Erkenntnisgewinn, die sich aber den Anstrich des Kritischen geben, werden hochgejubelt. Andere glauben dann, es müssten wichtige Bücher sein. Willkommen in der Filterblase der realen Welt.

Zu wenig fundierte theologische Schriften

Wir brauchen mehr Mut zu gehaltvollen Büchern. Von den jüngeren Neuerscheinungen trifft das am ehesten auf das Werk "Islam in der Krise" zu; bezeichnenderweise von Michael Blume verfasst, einem Religionswissenschaftler. Und: Es gibt nach wie vor zu wenig fundierte theologische Schriften von Muslimen. Martin Luther, der große Reformator, war erst Doktor der Theologie und Professor für Bibelauslegung, bevor seine reformatorische Wende begann. Das sagt doch alles.

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Dieses Thema im Programm:

Freitagsforum | 06.10.2017 | 15:20 Uhr