Stand: 05.10.2016 17:40 Uhr  | Archiv

Islam-Debatte: "Wir treten auf der Stelle!"

Eigentlich ist es ganz einfach: In Deutschland leben Muslime und deshalb ist auch ihre Religion ein wichtiges Thema. Aber die Debatten um den Islam kreisen oft um Terror und Gewalt und die angeblich mangelnde Integrationsbereitschaft. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht darüber in den Talkshows diskutiert wird.

Ein Kommentar von Kübra Gümüsay

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Wir alle ersticken in diesen Debatten, findet unsere Gastautorin Kübra Gümüsay.

Die Debatten um den Islam sind ermüdend. Seit vielen Jahren beteilige ich mich als Muslimin daran. Und wie viele andere stelle auch ich fest: Wir treten bei diesen Diskussionen auf der Stelle. Es sind immer wieder die gleichen Themen: Mal geht es um das Kopftuch, dann um die Burka, um die Moscheen, den Terror und die Gewalt. Alle Argumente wurden bereits mehrfach ausgetauscht. Im Grunde genommen könnte ich bei jeder neu aufkochenden Debatte auf meine Texte von vor drei Jahren verweisen. Das haben übrigens einige Journalisten bei der letzten Burka-Debatte tatsächlich getan.

Auf die wirklich wichtigen Fragen konzentrieren

Und seien wir mal ehrlich: Was haben diese Islam-Debatten bisher gebracht? Den Teilnehmern: mehr Bücher, mehr Talkshows, mehr Geld, mehr Macht. Der Gesellschaft: mehr Ängste und Sorgen. Und noch mehr Islam-Debatten. Aber nicht weniger Probleme.

Über die Autorin

Kübra Gümüsay, feministische Netzaktivistin und Journalistin, ist eine der interessantesten weiblichen Stimmen des Islam in Deutschland. Bekannt wurde sie mit ihrem Blog "ein fremdwörterbuch" , in dem sie über ihre Erlebnisse im deutsch-türkischen Alltag schreibt. 2011 wurde ihr Blog für den Grimme Online Award nominiert. Die 28 Jahre alte Hamburgerin hat Politikwissenschaften studiert. Und sie mischt sich auch aktiv in die Politik ein. 2013 etwa bei Twitter mit dem Hashtag "#SchauHin" gegen Alltagsrassismus. Nach den Übergriffen in Köln initiierte sie den Hashtag "#Ausnahmslos" gegen Sexismus und Rassismus mit.

Inzwischen haben sich viele dieser Debatten verselbstständigt. Für einige sind sie zu einem Geschäftsmodell verkommen. Und nicht alle, die daran teilnehmen, haben das Wohl aller im Kopf.

Es geht mir nicht darum, dass wir uns künftig nicht mehr mit den kritischen Aspekten unserer Religion auseinandersetzen. Aber wir sollten den Fokus erweitern und uns auch auf die wirklich wichtigen Fragen konzentrieren: Wie möchten wir zusammenleben? Welche Konflikte stehen uns bevor und wie können wir sie gemeinsam bewältigen? Was müssen wir alle tun und leisten, damit wir in einer positiven, offenen, freiheitlichen und gerechten Gesellschaft leben können?

Alles wird zu einem Politikum

Mir begegnen oft junge Muslime, die Islamwissenschaften, Theologie, Journalistik oder auch andere Fächer studieren möchten, um "endlich den Islam zu erklären". Sie fühlen sich offenbar verpflichtet, ihre persönlichen Interessen hinten anzustellen. So entsprechen sie letztlich den Erwartungen der Gesellschaft und werden zu Pressesprechern einer Weltreligion.

Doch das hält uns vom Leben ab. Nimmt uns jegliche Leichtigkeit. Die Kleidung, die Sprache, der Lebensstil, die Berufswahl - alles wird zu einem Politikum. Wir engen uns damit ein. Wir alle ersticken in diesen Debatten.

Das ganz "normale" Leben als Lösung

Die Sendung zum Nachhören
02:42

Islam-Debatte: "Wir treten auf der Stelle!"

07.10.2016 15:20 Uhr

"Die Debatten um den Islam sind ermüdend", findet die Journalistin Kübra Gümüsay. Audio (02:42 min)

Eine Normalisierung des Miteinanders ist nicht durch Islam-Debatten zu erreichen, sondern durch das ganz "normale" Leben. Durch Ziele, wie man sie sich setzen würde, wenn es diese Debatten, den alltäglichen Rassismus und die innermuslimischen Konflikte nicht gäbe: engagierter Lehrer werden, erfolgreiche Romanautorin, eigenbrötlerische Musikerin, der nächste Steve Jobs oder der lustigste Bäcker im Stadtteil.

Ich wünsche mir ein selbstverständliches muslimisches Leben in Deutschland. Menschen, die es wagen, zu träumen. Die sich der Missstände in den muslimischen Gemeinden und der Gesamtgesellschaft bewusst sind, die sie anpacken und versuchen zu lösen - aber dabei auch das eigene Leben lieben und leben.

Kommentar

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 07.10.2016 | 15:20 Uhr